Der Lyceumclub St.Gallen muss zügeln

Die Frauen des Lyceumclubs pflegen Freundschaften und organisieren kulturelle Anlässe und Referate. Fast 70 Jahre lang haben sie das im Gebäude der städtischen Musikschule getan. Nun müssen sie dort raus.

Christina Weder
Drucken
Teilen
Der neue Treffpunkt für den Lyceumclub: Cornelia Buob und Monique Gächter im Vortragssaal des Historischen und Völkerkundemuseums. (Bild: Thomas Hary)

Der neue Treffpunkt für den Lyceumclub: Cornelia Buob und Monique Gächter im Vortragssaal des Historischen und Völkerkundemuseums. (Bild: Thomas Hary)

Sie müssen den Saal räumen. Fast 70 Jahre haben sich die Frauen des Lyceumclubs St. Gallen in der Scherrerschen Villa am Stadtpark getroffen, besser bekannt als Musikschule der Stadt. Im Vortragssaal organisierten sie öffentliche Referate, Lesungen und Konzerte. Hinterher sassen sie im sogenannten Teezimmer der Musikschule zusammen. Nun müssen sie ausziehen. Die Stadt hat ihnen gekündigt. Der Grund: Die Musikschule braucht mehr Platz. Sie hat Eigenbedarf angemeldet.

Ein Club, zwei neue Standorte

Die Kündigung habe unter den Mitgliedern für Aufruhr gesorgt. Die Suche nach neuen Räumen sei nicht einfach gewesen, sagt Clubpräsidentin Monique Gächter. Doch in der Zwischenzeit sind die Frauen – mit Unterstützung der Stadt – fündig geworden. Neu führen sie ihre Veranstaltungen im Vortragssaal des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen durch. Gestern war Premiere am neuen Standort.

Zusätzlich mietet der Club künftig einen Raum am Blumenbergplatz, damit sich die Lyceinnen, wie sie sich nennen, weiterhin in kleinem Kreis treffen können. In sogenannten Zirkeln führen sie Konversationen auf Englisch, Italienisch oder Französisch, diskutieren über Literatur, spielen Bridge, üben sich am PC oder singen im Chor.

Präsidentin Monique Gächter ist zuversichtlich, was die neuen Räume anbelangt. Ein Wunsch der Mitglieder hat sich aber nicht erfüllt: «Wir hätten gerne alles unter einem Dach gehabt – wie bisher.» Neu teilt sich das Clubleben auf zwei Standorte auf.

Nicht die Karriere zählt, sondern die Freundschaft

Der Lyceumclub St. Gallen zählt aktuell 180 Mitglieder – alles Frauen im Alter ab 50 Jahren. Der Club wählt die Mitglieder selber aus. Dennoch stellt Vorstandsmitglied Cornelia Buob klar: «Wir sind kein Service-Club.» Es gehe weder ums Karrierenetzwerk noch um soziale Projekte. Ziel sei, Freundschaft und Austausch zu pflegen.

«Wir sprechen über gemeinsame Interessen – und nicht über Ehemänner und Kinder.»

Die Frauen organisieren Anlässe zu Kunst, Musik, Literatur, Sozialem und Umweltthemen. Dabei liegt ihnen am Herzen, gerade auch jungen Künstlern und Musikern eine Plattform zu bieten. Danach gehen sie nicht auf direktem Weg nach Hause, sondern tauschen sich aus und diskutieren im Teesalon mit den Rednern und Musikern – am liebsten in einem stimmungsvollen Ambiente.

Gastgeberinnen und eine sogenannte Teedame decken den Tisch und kümmern sich um Gebäck und Blumen. Oder um einen Apéro. Das klinge jetzt nicht gerade emanzipiert, sagt Cornelia Buob, die als eine der Gastgeberinnen amtet. Doch das täusche. «Wir wollen lediglich einen gediegenen Rahmen fürs Gespräch schaffen.» Die Frauen sollen sich wohl fühlen. Und es schwingt auch noch die britische Tradition des «Afternoon Tea» mit. Der erste Lyceumclub wurde 1903 von einer Londonerin gegründet.

Künftig gibt’s den Tee im Museum

Zu den öffentlichen Anlässen, die an drei Dienstagen im Monat stattfinden, sind auch Männer willkommen. Dagegen ist der Tee den Lyceinnen vorbehalten. Künftig wird er im Historischen und Völkerkundemuseum ausgeschenkt. Dieses liegt zwar nur einen Katzensprung vom alten Standort entfernt. Doch sei es für die Mitglieder ein grosser Schritt.

«Die Musikschule war für uns eine Art Heimat», sagt Cornelia Buob. Über all die Jahre hatten die Frauen viel in den Vortragssaal investiert. Sie hatten doppelverglaste Fenster einbauen lassen, ein Podium erstellt, Stühle, Lampen und Vorhänge angeschafft. Vieles müssen sie zurücklassen. Präsidentin Monique Gächter hofft, dass die neuen Räume auch neue Chancen bieten. «Nun müssen wir schauen, wie sie sich bewähren.»

Rückkehr ins Museum: Eine Anekdote

Der Lyceumclub St.Gallen wurde 1925 gegründet. Die Mitglieder trafen sich zwischen 1945 und 1950 schon einmal im Historischen und Völkerkundemuseum, wie Präsidentin Monique Gächter weiss. Allerdings sei es den Lyceinnen damals nicht leicht gemacht worden, wie aus den Akten hervorgeht. Nach jedem Anlass mussten sie Tische und Stühle im Nebenraum stapeln und Bilder abhängen. Als sich dann noch Bürgerräte empörten, dass die Frauen im Museum Tee tranken, war das Mass voll. Der Lyceumclub zügelte auf die andere Seite des Stadtparks in die Scherrersche Villa. Nach fast 70 Jahren kehrt er nun ins Museum zurück.