Tabu psychische Krankheit: Wie Gesellschaft und Experten umdenken müssen

Das Beispiel des St.Gallischen Hilfsvereins zeigt: Die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen, ist nicht einfach. Aber möglich.

Diana Hagmann-Bula
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Marco, ehemaliger Töffmechaniker mit psychischer Krankheit, sucht noch immer einen verständnisvollen Chef.

Marco, ehemaliger Töffmechaniker mit psychischer Krankheit, sucht noch immer einen verständnisvollen Chef.

Bild: pd

Draussen scheint die Sonne, doch in ihm drinnen ist es düster. Schizoaffektive Störung, Depression, Persönlichkeitsstörung, Alkoholsucht, fasst Marco, 36 Jahre alt und ehemaliger Töffmechaniker, seine Diagnose zusammen. «Im Moment höre ich Stimmen und schlafe schlecht. Mir geht es gerade mies.» 2014 kam er zum ersten Mal in die psychiatrische Klinik. Heute wohnt er in Wil allein in einer Wohnung, empfängt wöchentlich eine Pflegefachfrau mit Schwerpunkt Psychiatrie. «Wir reden vor allem. Manchmal hilft sie mir im Haushalt.»

Marco ist Klient des St.Gallischen Hilfsvereins (SGHV), der Dienstleistungen für psychische Gesundheit anbietet. Der Mann leidet nicht nur unter seiner Krankheit, sondern auch unter der Gesellschaft. Eine psychische Erkrankung sei noch immer «ein No-Go», er werde belächelt, sogar von seiner Familie. 30 Mal hat sich Marco erfolglos für eine grössere Wohnung beworben. Die Gründe für die Absagen seien fadenscheinig gewesen, sagt er.

«Man will mich und meine psychischen Probleme einfach nicht.»

Der Klient ist nun der Spezialist

Eben solche Erlebnisse will die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BKR) verhindern. Die Schweiz hat sie 2014 ratifiziert. «Noch ist sie aber nicht umgesetzt», sagt Rudi Maier, Dozent für Soziale Arbeit an der Ostschweizer Fachhochschule. Er berät auch Organisationen wie den SGHV, sitzt an diesem Nachmittag in dessen Büro an der Webergasse und hört Marco zu. Die UN-BKR umzusetzen, bedeutet, Menschen mit psychischen Krankheiten auf Augenhöhe zu behandeln und sie darin zu unterstützen, am öffentlichen Leben teilhaben zu können. Tönt selbstverständlich, sei aber aufwendig und kompliziert, sagt Maier: «Wir schleppen eine lange Sozialgeschichte der Ausgrenzung mit uns herum.» Man habe die Betroffenen am liebsten im Grünen isoliert, weitab des Dorfes oder der Stadt, ihnen eine straffe Struktur gegeben, mit dem vordergründig lobenswerten Ziel, sie zu fördern, so Maier.

«Fördern bedeutet aber auch, jemandem zu verstehen zu geben, dass er nicht in Ordnung ist, wie er ist.»

Sebastian Reetz-Spycher, Geschäftsführer des SGVH, nennt ein anderes Beispiel: «Herkömmliche Konzepte stationärer Wohnformen verdonnern Klienten immer noch dazu, in der Wohngruppe jeden Mittwochabend darüber zu reden, was sie beschäftigt. Vor und mit Menschen, die sie sich nicht ausgesucht haben.»

Der Verein hat nun seine Visionen, Mission und Werte neu formuliert. Dazu hat sich eine Gruppe, bestehend aus Geschäftsleitung, Experten und Betroffenen, in einem Workshop gefragt: Wie kann der SGHV die UN-BKR noch besser umsetzen? Wie gelingt es Fachleuten, den Klienten noch besser zuzuhören statt zu denken: Ich weiss, was du brauchst?

Sebastian Reetz-Spycher, Geschäftsführer des SGHV.

Sebastian Reetz-Spycher, Geschäftsführer des SGHV.

Bild: pd
«Der Klient ist Spezialist in eigener Sache. Menschen mit psychischer Krankheit können trotz ihrer Geschichte und ihrem Unterstützungsbedarf selbständig reden und denken»

, sagt Reetz-Spycher. Menschen mit psychischer Krankheit müssten sich emanzipieren, sich annehmen, zu sich stehen, betont Maier. Er freut sich, dass im Winter in St.Gallen eine Pride Parade stattfinden wird, die von Menschen mit einer Behinderung organisiert wird. «Ein Hinweis dafür, dass sich etwas tut.»

150 Jahre alt ist der SGVH, bietet eine Wohngemeinschaft, Wohnbegleitung, psychiatrische Spitex sowie Tagesstrukturen und finanzielle Hilfe im Einzelfall an. «Wir sind auf gutem Weg bezüglich UN-BKR, aber noch nicht am Ziel», sagt Geschäftsführer Sebastian Reetz-Spycher. In vielen Institutionen können Betroffene Tagesstrukturen nur halbtageweise nutzen, darunter geht nichts. Reetz-Spycher spricht von finanziellen Gründen und einfacherer Planbarkeit, die zu diesem Korsett geführt hätten. Beim SGHV dürfen Klienten auch nur kurz vorbeischauen: mithelfen, reden oder sich einfach zwei Stunden auf das Sofa legen. Reetz-Spycher: «Sie sollen selbst entscheiden, wie viel Angebot sie beanspruchen.» Maier nennt solche Angebote Orte der verlässlichen Begegnung. Freiraum sei auch für diese Menschen der Schlüssel, sich selbst zu entdecken.

«Es wird Unglaubliches passieren, wenn man sie von Druck und Zwang befreit»

, ist er überzeugt.

«Sich zu zeigen, verändert das Leben»

Der SGHV soll bei traditionellen Angeboten wie dem betreuten Wohnen nicht weiterwachsen, sondern bei der ambulanten Betreuung zulegen, so die Absicht. Sind drei von zwölf Plätzen eines Wohnheims nicht belegt, weil Klienten unterstützt werden, in eine eigene Wohnung mit ambulanter Begleitung überzutreten, ist das zwar ein betriebswirtschaftliches Risiko. «Aber dieser Beitrag zu einer Gesellschaft ohne Stigmatisierung ist nötig», sagt Reetz-Spycher.

Einer der ganz genau weiss, was diese Schritte konkret bedeuten, ist Mario, 57, aus Heiden. Es brauche nicht nur bei den Organisationen Mut zu neuen Wegen, sondern auch bei den Betroffenen. «Viele wären gerne aktiv, trauen sich aber nicht raus, aus Scham», sagt er. Mario hat sich überwunden. Der ehemalige Informatiker, der nicht mehr mit dem von der Gesellschaft erwünschten Tempo mithalten konnte, fiel in eine Depression, der Alkohol verschärfte sie zusätzlich. Mario liess sich zum Schreiner umschulen. «Doch noch immer war mir die Welt zu schnell.» 2004: der erste Klinikaufenthalt. Seit 3,5 Jahren nun arbeitet er als sogenannter Peer, auch für den SGHV, berät als genesener Betroffener andere Erkrankte. Plötzlich ergibt sein Leben wieder Sinn.

«Meine Rolle ist nun die des Hoffnungsträgers. Ich habe es geschafft und kann andere ermutigen»

, sagt er. Und wünscht allen Betroffenen, die Kraft zu finden, sich zu zeigen. «Es wird ihr Leben verändern.»

www.sghv.ch