Der lange Weg zum Stadtsanktgaller Wir-Gefühl

Heute wirkt das St.Galler Stadtgebiet wie aus einem Guss. Die Dreiteilung in die Kreise Ost, Centrum und West hat für kaum jemanden eine Bedeutung. Das Gleiche gilt für die Ortsnamen Tablat und Straubenzell. Vor 100 Jahren war das ganz anders.

Reto Voneschen
Drucken
Teilen
Einer der Gründe, wieso Tablat und Straubenzell mit St.Gallen fusionieren wollten, war der Trend der alten Stadt, mangels Bauland grosse Infrastrukturen an die Vororte abzuschieben. Erstes Beispiel dafür ist der zentrale Friedhof: Er wurde 1876 im Feldli auf Gebiet der Gemeinde Straubenzell angelegt. Die Ansichtskarte seines Eingangs datiert zwischen 1890 und 1900. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Einer der Gründe, wieso Tablat und Straubenzell mit St.Gallen fusionieren wollten, war der Trend der alten Stadt, mangels Bauland grosse Infrastrukturen an die Vororte abzuschieben. Erstes Beispiel dafür ist der zentrale Friedhof: Er wurde 1876 im Feldli auf Gebiet der Gemeinde Straubenzell angelegt. Die Ansichtskarte seines Eingangs datiert zwischen 1890 und 1900. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Das heutige St.Gallen ist das Resultat einer Gemeindefusion, die seinerzeit gesamtschweizerisch zur Kenntnis genommen wurde: Vor 100 Jahren, am 1. Juli 1918, verschmolzen Alt-St.Gallen, Tab­lat und Straubenzell zu Gross-St.Gallen. Auf einen Schlag entstand aus den drei grössten Gemeinden des Kantons die klar grösste Stadt der Ostschweiz.

Den ab 1898 rund zwanzig Jahre dauernden Prozess dazu beschrieb an der diesjährigen städtischen Gallusfeier Stadtarchivar Marcel Mayer. Ein Schwerpunkt des Referats vom Dienstag im gut gefüllten Pfalzkeller waren die unterschiedlichen Merkmale der drei Fusionspartner. Nur schon ihretwegen ist es keine Überraschung, dass der Weg zum städtischen Wir-Gefühl in St.Gallen ein langer war.

Der letzte Rest der 1918 eingeführten Dreiteilung der Stadt in die Kreise Ost (ehemals Tab­lat), Centrum (St.Gallen) und West (Straubenzell) verschwand erst vor 38 Jahren. 1980 wurde letztmals ein Schulrat nach dieser Einteilung gewählt. Heute haben die Stadtkreise keine Funktionen mehr.

Lebensraum ist heute die ganze Stadt

Die heutige Generation fühlt sich sowieso in erster Linie der gesamten Stadt verbunden. Vor allem den Zugezogenen sagen die Ortsbezeichnungen Tablat und Straubenzell wenig bis nichts. Aber sogar bei den älteren Semestern fühlt sich heute kaum jemand mehr als Bewohnerin oder Bewohner der ehemaligen politischen Gemeinden im Osten und Westen der Stadt. Wenn, dann spürt man eine gewisse Zugehörigkeit zum Wohnquartier, als Lebensraum wird aber in der Regel die ganze Stadt, wenn nicht sogar ein Teil der Region verstanden.

Das Buechwald-Quartier in der Gemeinde Tablat zwischen 1910 und 1915. Hier wohnten damals viele italienische Arbeiter und ihre Familien. Ein weiterer Grund für die Fusionsbestrebungen der Aussengemeinden war, dass ihre Bevölkerung im Textilboom ab den 1890er-Jahren expolosionsartig wuchs. Tablat und Straubenzell waren als Bauern- und Arbeitergemeinden finanziell nicht mehr in der Lage die nötige Infrastruktur selber bereitzustellen. (Bild: Stadtarchive St.Gallen)

Das Buechwald-Quartier in der Gemeinde Tablat zwischen 1910 und 1915. Hier wohnten damals viele italienische Arbeiter und ihre Familien. Ein weiterer Grund für die Fusionsbestrebungen der Aussengemeinden war, dass ihre Bevölkerung im Textilboom ab den 1890er-Jahren expolosionsartig wuchs. Tablat und Straubenzell waren als Bauern- und Arbeitergemeinden finanziell nicht mehr in der Lage die nötige Infrastruktur selber bereitzustellen. (Bild: Stadtarchive St.Gallen)

Das war nicht immer so. Vor 1918 existierten auf dem Gebiet der heutigen Stadt St.Gallen drei eigenständige politische Gemeinden, die sich nicht nur freundlich gesinnt waren: St.Gallen, Tablat und Straubenzell. Die gegenüber den heutigen Verhältnissen sehr kleine Stadt St.Gallen war früh urban: Sie entwickelte sich als dicht bebaute Kernstadt hinter Mauern und Toren. Die Stadt St.Gallen war frei; sie entwickelte sich schon im Mittelalter rasch weg von der Oberherrschaft des Klosters hin zur Stadtrepublik, zur freien Reichs- und zur reichen Handelsstadt. Und sie war evangelisch.

Tablat und Straubenzell gingen historisch einen anderen Weg. Beide waren sie Untertanen des Fürstabtes von St.Gallen und nahmen daher den «neuen Glauben» in der Reformation nicht an. Sie blieben katholisch. Beide Gemeinden bestanden aus mehreren Weilern und alleinstehenden Gehöften. Sie waren stark landwirtschaftlich geprägt. Repräsentative Gebäude in den Weilern wurden von Dienstleuten der Fürstabtei genutzt.

Das Fundament für die Fusion legten die Franzosen

Zum ersten grundlegenden Bruch mit dieser traditionellen Einteilung kam es 1798 mit dem Einmarsch der Franzosen und der Helvetischen Revolution. St.Gallen, Tablat und Straubenzell wurden erstmals gleichgestellte politische Gemeinden. Zuerst im Kanton Säntis, ab 1803 im Kanton St.Gallen.

Das ländliche Tablat: der Ortskern von St.Fiden auf einem Aquarell aus dem Jahr 1766. Der Blick geht von Osten in Richtung heutigem Stadtzentrum. Im Hintergrund sind die Domtürme zu erkennen. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen)

Das ländliche Tablat: der Ortskern von St.Fiden auf einem Aquarell aus dem Jahr 1766. Der Blick geht von Osten in Richtung heutigem Stadtzentrum. Im Hintergrund sind die Domtürme zu erkennen. (Bild: Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen)

Die nächste wichtige Veränderung fiel in die 1860er-Jahre: In der Schweiz setzte sich die Niederlassungsfreiheit durch. Die wirtschaftliche Entwicklung ab Mitte des 19. Jahrhunderts und der Textilboom ab den 1880er-Jahren führten schliesslich zu den Veränderungen, die den Druck für eine Fusion der drei Nachbarn St. Gallen, Tablat und Straubenzell aufbauten.

Altertümliche Schreibweise ist kein Zufall

Es ist kein Zufall, dass das Gebilde, das aus der Fusion der drei Gemeinden hervorging, wieder dreigeteilt war: Anstelle der alten politischen Gemeinden traten die Stadtkreise Centrum, Ost und West. Wobei die altertümliche Schreibweise des ersten Kreises mit C statt mit Z kein Zufall ist: Auf diese Weise steht die alte Stadt St.Gallen an der Spitze vor den Vorortsgemeinden Tablat und West.

Die bevorstehende Fusion zu Gross-St.Gallen beflügelte die Fantasien: Im Bild die Vision des Marktplatzes als Piazza von 1910. Das Vadian-Denkmal steht im Zentrum. Rechts davon ist das neue Rathaus zu sehen; hinter Vadian sollte an der Neugasse ein neues Amtshaus gebaut werden. Blick von der Metzgergasse über den Marktplatz und die Marktgasse hinauf. (Illustration: Archiv Stadtplanungsamt St.Gallen)

Die bevorstehende Fusion zu Gross-St.Gallen beflügelte die Fantasien: Im Bild die Vision des Marktplatzes als Piazza von 1910. Das Vadian-Denkmal steht im Zentrum. Rechts davon ist das neue Rathaus zu sehen; hinter Vadian sollte an der Neugasse ein neues Amtshaus gebaut werden. Blick von der Metzgergasse über den Marktplatz und die Marktgasse hinauf. (Illustration: Archiv Stadtplanungsamt St.Gallen)

Über die Bezeichnung der Stadtkreise wurde im St.Galler Kantonsrat übrigens lange diskutiert. Es gab auch andere Namensvorschläge. Centrum, Ost und West obsiegten aber schliesslich. Böse Zungen in Straubenzell behaupteten damals, weil man so die Mehrheit, nämlich St.Gallen und Tablat, zufriedenstellen konnte. Letzteren war offenbar ziemlich wichtig, vor der Konkurrenz aus dem Westen genannt zu sein.

Drei Stadtkreise als Integrationshilfe

Die Stadtkreise hatten bei ihrer Schaffung verschiedene Funktionen. Die wichtigste war gemäss Stadtarchivar Marcel Mayer wohl, dass sie der Bevölkerung im jeweiligen Kreis eine Identifikation mit ihrer alten politischen Gemeinde ermöglichten: Auf der Ebene von Gross-St.Gallen gehörte man zwar zusammen, man konnte sich aber weiterhin als einer aus Alt-St.Gallen, eine aus dem Osten oder einer aus dem Westen fühlen.

Ende gut, alles gut? Der Nebelspalter karikierte 1914 die Fusionspläne von St.Gallen, Tablat und Straubenzell als Familienidyll mit Alt-St.Gallen als bärtiger Vaterfigur, die die Söhne Straubenzell und Tablat schützend unter seinen Mantel nimmt. (Illustration: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Ende gut, alles gut? Der Nebelspalter karikierte 1914 die Fusionspläne von St.Gallen, Tablat und Straubenzell als Familienidyll mit Alt-St.Gallen als bärtiger Vaterfigur, die die Söhne Straubenzell und Tablat schützend unter seinen Mantel nimmt. (Illustration: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Im Laufe der folgenden rund 60 Jahre verloren die Stadtkreise allmählich ihre Funktionen: Je mehr die Stadt zusammenwuchs, desto weniger waren sie von Bedeutung. Ihr stetiger Bedeutungsverlust sei daher ein guter Indikator für das Zusammenwachsen der drei ehemaligen politischen Gemeinden zu einem grossen Ganzen, interpretierte Marcel Mayer in seinem Referat an der städtischen Gallusfeier vom Dienstagabend.

Das ehemalige Gemeindewappen von Straubenzell mit St.Martin.

Das ehemalige Gemeindewappen von Straubenzell mit St.Martin.

Das ehemalige Wappen der Gemeinde Tablat.

Das ehemalige Wappen der Gemeinde Tablat.