Der «Konstanzer» hält nicht im Bahnhof Haggen – das sind die Gründe

Der Regioexpress von und nach Konstanz hält nicht in Haggen, obwohl er zwischen St.Gallen und Herisau gleich lang fährt wie die S-Bahn.

David Gadze
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Der «Konstanzer» hat das Quartier Haggen den Viertelstundentakt gekostet.(Bild: David Gadze)

Der «Konstanzer» hat das Quartier Haggen den Viertelstundentakt gekostet.
(Bild: David Gadze)

Mit dem Fahrplanwechsel vor knapp einem Jahr hat Haggen den Viertelstundentakt zu Spitzenzeiten verloren. Grund dafür ist der Regioexpress von und nach Konstanz, der seit Ende 2017 bis nach Herisau fährt – und bei der Durchfahrt in Haggen nicht hält. Daran ändert sich auch mit dem Fahrplanwechsel vom 15. Dezember nichts.

Der Kanton hatte den Halt beim Bundesamt für Verkehr beantragt, jedoch eine abschlägige Antwort erhalten. Der enge Fahrplan und die Kreuzungsstellen liessen einen Halt in Haggen nicht zu.

Ein Blick auf den Onlinefahrplan auf der Website der SBB wirft jedoch Fragen auf. Denn jeder Zug zwischen St.Gallen und Herisau braucht für diese Strecke genau gleich lang, nämlich neun Minuten (ausser der S4 mit Abfahrt in St.Gallen um XX.27 Uhr, sie braucht acht Minuten).

Mit anderen Worten: Der Regioexpress (und der Voralpenexpress) braucht also, obwohl er Haggen auslässt, exakt gleich lang wie die S-Bahnen, die in Haggen halten – und er fährt in beide Richtungen genau halbstündlich versetzt zur S81. Wenn also die S-Bahnen in Haggen halten können, warum geht das dann beim Regioexpress mit der gleichen Fahrzeit nicht?

Neun Minuten sind nicht immer neun Minuten

Es gebe mehrere Gründe, warum der Regioexpress nicht am Bahnhof Haggen halten könne, sagt SBB-Mediensprecher Martin Meier. Einer davon sei der Fahrplan. Bei den Fahrzeiten auf der Website handle es sich um «kommerzielle Angaben».

Martin Meier Mediensprecher SBB (Bild: PD)

Martin Meier Mediensprecher SBB (Bild: PD)

Die SBB rechnete jedoch in betrieblichen Zeiten. Das bedeutet, dass die exakten Fahrzeiten für die Kunden auf- oder abgerundet werden, es für die Fahrplangestaltung aber eine wichtige Rolle spiele, ob ein Zug eine halbe Minute früher oder später an einem Bahnhof oder einer Kreuzungsstelle eintreffe. Dieser sogenannte «betriebliche Fahrplan» ist also entscheidend.

Im konkreten Fall ist der Regioexpress zwischen St.Gallen und Herisau genau zwischen die S-Bahnen eingeklemmt – wie alle anderen Züge, die auf dieser Strecke fahren. Er fährt genau dann in Herisau ab, wenn dort die S2 ankommt. Und in dem Moment, in dem er am St.Galler Hauptbahnhof eintrifft, fährt dort die S81 in Richtung Herisau ab. Wenn sie dort eintrifft, fährt gleichzeitig die S4 los. Und so weiter.

Es gibt nur zwei Kreuzungsstellen

Dieses Regime ist der Tatsache geschuldet, dass die Strecke zwischen St.Gallen und Herisau einspurig ist. Die Züge können nur an den Bahnhöfen Haggen und Gübsensee, der seit vergangenem Dezember keinen S-Bahn-Halt mehr hat, kreuzen.

Würde der Regioexpress auf dem Weg nach Herisau in Haggen halten, wäre er zu spät am Gübsensee, um dort mit dem Voralpenexpress zu kreuzen. In umgekehrter Richtung käme er später am St.Galler Hauptbahnhof an, sodass die S81 nicht pünktlich losfahren könnte – was wiederum Auswirkungen auf die nächste Zugabfahrt in Herisau hätte. Zudem gibt es bei der Ein- und Ausfahrt der Züge in den und aus dem St.Galler Hauptbahnhof es weitere Abhängigkeiten zu berücksichtigen.

Den Voralpenexpress in Herisau oder die S81 in St.Gallen einfach jeweils eine Minute später abfahren zu lassen, sei keine Option, sagt Martin Meier. Denn der Fahrplan sei praktisch auf die Sekunde abgestimmt. Es gebe diverse Anschlüsse, die berücksichtigt werden müssten, nicht nur in St.Gallen und Herisau, sondern im Fall des Voralpenexpress beispielsweise auch im Toggenburg.

«Dreht man an einem Rädchen, kann das überregionale Auswirkungen haben.»

Den Fahrplan nicht auf die letzte Sekunde ausreizen

Am Bahnhof Haggen haben allerdings die S-Bahnen, die zu jeder halben (S2) und vollen (S4) Stunde kreuzen, regelmässig wenige Minuten Verspätung. Dies führt dann dazu, dass ein Zug auf den anderen warten muss. Auch wenn Passagiere dann den Eindruck hätten, dass alles reibungslos funktioniere, wirke sich das im Hintergrund auf die anderen Züge aus, sagt Meier.

Für solche Fälle seien betriebliche Reserven eingeplant, etwa auch, wenn das Wetter sich auf den Fahrplan auswirkt. «Wir können den Fahrplan aber nicht bis auf die letzte Sekunde ausreizen. Nur so sind Fahrplanstabilität, Pünktlichkeit und Anschlüsse gewährleistet.»

Damit die Züge auf der ganzen Strecke zwischen St.Gallen und Herisau beliebig kreuzen könnten, bräuchte es gemäss den SBB also durchgehend ein zweites Gleis. Im Ausbauschritt 2035, in dem die Kantone ihre Wünsche einbringen konnten, sind die von Bund zur Verfügung gestellten rund 13 Milliarden Franken für Massnahmen inzwischen bereits beschlossen.

Es ist also nicht realistisch, dass ein Doppelspurausbau auf dieser Strecke in den nächsten Jahren aktuell wird. Der Kanton hat sich aber kürzlich auf den Standpunkt gestellt, dass ein Viertelstundentakt in Haggen auch ohne Infrastrukturausbauten möglich wäre. Das letzte Wort in dieser Sache ist womöglich also noch nicht gesprochen.