Der Knast mitten in Rorschach

In Rorschach steht ein Vorgänger des Regionalgefängnisses Altstätten. Dort wird am Wochenende über einen Neubau abgestimmt. Moderne Anstalten haben wenig mit den Bedingungen zu tun, die damals im Gefängnis mitten in Rorschach herrschten.

Otmar Elsener
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Nur noch die vergitterten Fenster im oberen Stock erinnern an die Vergangenheit des Gebäudes an der Gerenstrasse. (Bilder: Otmar Elsener)
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Auszug aus dem Landkaufvertrag von 1891. Zu lesen im untersten Abschnitt: «eine Parzelle Boden zur Erstellung eines Bezirksgefängnisses.»
Der damalige Stadtammann Marcel Fischer (l.)und Stadtrat Rolf Deubelbeiss bei der Einweihung der städtischen Kunstsammlung im einstigen Gefängnis um die Jahrtausendwende.

Nur noch die vergitterten Fenster im oberen Stock erinnern an die Vergangenheit des Gebäudes an der Gerenstrasse. (Bilder: Otmar Elsener)

Mitten in der Stadt, umringt von Mehrfamilienhäusern und von allen Seiten sichtbar: Jahrzehntelang hatten sich die Rorschacher an das Gefängnis an der unteren Spitalstrasse gewöhnt. So hiess die Strasse, bevor sie 1957 umgetauft wurde. Man wohnte in unmittelbarer Nähe des Gefängnisses, Kinder spielten in den anliegenden Strassen und Höfen. Nur die vergitterten Fenster im oberen Stock lassen heute erkennen, dass das Gebäude Nr. 6 an der Gerenstrasse kein gewöhnliches Wohnhaus ist, sondern vor über 120 Jahren als Bezirksgefängnis erbaut worden war.

Gemäss einem Kaufvertrag vom 24. April 1891 erwarb Gemeindeammann Ferdinand Hedinger 564 Quadratmeter Land zum Preis von 5017 Franken am westlichen Rand der Gemeinde für den Bau eines Bezirksgefängnisses. Es muss kurz darauf erbaut worden sein, denn im Stadtplan von 1901 ist das Haus bereits als «Bez-Gef» eingezeichnet. Die Baupläne sind leider verschollen. Das Erdgeschoss enthielt eine Wohnung für den Gefangenenwart, im oberen Stock und im ausgebauten Dachstock befanden sich Zellen für die Häftlinge.

Duschen in der Wärter-Wohnung

Den Insassen in den primitiv eingerichteten Zellen fehlte jeglicher Komfort. Erst 1957 wurde eine Duschanlage in einer als Abstellraum genutzten Zelle eingebaut. «Neuangekommene Häftlinge und auch Flüchtlinge mussten bis anhin im privaten Badzimmer der Wohnung des Gefangenenwartes gebadet oder gewaschen werden» heisst es in einem Protokoll des Stadtrates.

Polizeiwachtmeister Josef Neumann beklagte sich noch 1966 über unglaubliche Missstände, als ihm der Stadtbuchhalter Josef Ambroschütz den monatlichen Mietpreis der Wohnung von 105 auf 120 Franken erhöhen wollte: «Jeder Arrestant, der im Bezirksgefängnis eingewiesen wird, ob schmutziger Vagant oder dergleichen, muss unsere Wohnung passieren. In der Zelle muss er jeden Morgen und Abend sein, Nachtgeschirr unter meiner Aufsicht leeren und trotz gründlichem Lüften bleibt ein Nachgeschmack in meiner Wohnung bestehen. Mit den Insassen bin ich und meine Familie immer in gewisser Tuchfühlung.» Der Stadtrat setzte daraufhin 110 Franken Mietzins fest.

Der Kanton übernimmt

Danach verbesserten diverse Renovationen die Zustände im Gefängnis, beispielsweise wurden in den Zellen Toiletten eingebaut. Mit einer gründlichen Renovation betraute der Stadtrat 1981 die Rorschacher Architekten Bruno Biehle und Ruedi Gnädinger, dabei wurden zwei Zellen ausbruchsicher gestaltet. Mehrfach war es früher zu Ausbruchsversuchen gekommen, und halb Rorschach wusste vom (allerdings nie bestätigten) Gerücht, wonach sogar einmal zwei Häftlinge via Speiselift durch die Polizistenwohnung entwichen waren. Erwiesen ist aber, dass der erwähnte Wachtmeister Neumann einmal von einem Häftling niedergeschlagen wurde.

Nach der Renovation war das Rorschacher Gefängnis jedenfalls nicht nur angenehmer, sondern auch sicherer. 1983 übernahm der Kanton die Führung aller Bezirksgefängnisse, auch jenes in Rorschach. Das Gebäude aber blieb weiterhin im Besitz der Stadt. Fast ein Jahrhundert lang hatte die Stadt ihr Gefängnis selber betrieben und unterhalten.

Matrazenlager im Besprechungszimmer

Kantonspolizist Marcel Rosenkranz und seine Gattin Susanne zogen 1992 in die Wohnung ein und führten das Gefängnis bis 1996 im Nebenamt. Die Ehefrau kochte für die Häftlinge und wusch deren Bettwäsche. Sie erledigte Einkäufe, kaufte ausländische Zeitungen und freute sich, wenn ihr Häftlinge nach der Entlassung Blumen als Dank für die gute Verpflegung brachten. «In der heutigen Zeit nicht mehr vorstellbar», sagt Rosenkranz über einige seiner Aufgaben.

«Ich brachte Gefangene mit meinem Familienauto zur Einvernahme, zum Arzt, oder auch für einen Weitertransport zum Bahnhof, wo die Häftlinge im Zellenabteil des Gepäckwagens eingesperrt wurden.»

In jener Zeit war das Gefängnis voll belegt. Im Besprechungszimmer wurde zeitweise ein Matratzenlager eingerichtet, da alle Gefängnisse im Kanton ausgebucht waren.Rosenkranz betreute auch Halbgefangene, die an den Werktagen um 19 Uhr einrücken mussten und um 7 Uhr das Gefängnis wieder verlassen konnten. Das Wochenende mussten sie im Gefängnis verbringen.

Nicht mehr menschenwürdig

1997 baute der Kanton ein neues Regionalgefängnis in Altstätten und schloss das Rorschacher Gefängnis. Es genügte wegen mangelnder Sicherheit und ohne Innenhof nicht mehr den Vorschriften für eine menschenwürdige Haft. Polizist Rosenkranz war der letzte der Generationen von Polizisten, die Häftlinge im Rorschacher Gefängnis betreut hatten.

Noch war es nicht das endgültige Ende: Weil 1998 wegen Umbauten in St. Gallen Häftlinge verlegt werden mussten, planten die Kantonsbehörden das Rorschacher Gefängnis kurzfristig wieder zu nutzen und dort dafür einen Gefängnishof zu bauen. Die Nachbarn in neuen Wohnblöcken wehrten sich, die Wohnqualität werde durch täglichen Sichtkontakt mit den Gefangenen eingeschränkt. Sie verlangten eine Zusicherung, dass das Provisorium nach Rückverlegung der Häftlinge wieder abgebrochen werde. Dem Wunsch entsprechend wurden alle Einrichtungen 1999 wieder entfernt.

Kunst im Knast

Was tun mit dem leeren Gefängnis? Die Frage stellte sich um die Jahrtausendwende, und der damalige Stadtammann Marcel Fischer wusste eine praktische Antwort: endlich ein Archiv für die Stadtverwaltung. Die Stadt liess in die Zellen platzsparende Rollregale einbauen und zügelte dann nebst Verwaltungsakten auch die städtische Kunstsammlung vom Kornhaus in das ehemalige Gefängnis. Kunst im Knast, kann man heute sagen, nicht nur aus-, sondern auch einbruchsicher, und seit 2003 erst noch umfassend brandgeschützt.