Der Kanton soll in St.Gallen die Lokomotive für die S-Bahn sein

Verkehrspolitiker und Fachleute kritisieren die zögerliche Haltung der Regierung bezüglich eines Ausbaus der S-Bahn in St.Gallen. Der Kanton könne nicht einfach warten, bis etwas geschehe, lautet der Tenor. Die Stadt St.Gallen brauche den Viertelstundentakt.

David Gadze
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Am Bahnhof St.Gallen-Winkeln fahren ausserhalb der Hauptverkehrszeiten drei Züge pro Stunde, zwei davon praktisch gleichzeitig. (Bild: Thomas Hary/3. September 2018)

Am Bahnhof St.Gallen-Winkeln fahren ausserhalb der Hauptverkehrszeiten drei Züge pro Stunde, zwei davon praktisch gleichzeitig. (Bild: Thomas Hary/3. September 2018)

Wer von Winkeln an den St.Galler Hauptbahnhof gelangen will, ist mit dem Bus oft genauso gut oder sogar besser bedient wie mit der
S-Bahn. Denn von einem Viertelstundentakt ist das städtische
S-Bahn-Netz weit entfernt. Auch der neue Fahrplan bringt im Dezember wenig Besserung, an einigen Stadtbahnhöfen sogar Verschlechterungen. Daran dürfte sich so schnell nichts ändern: In ihrer Antwort auf eine Einfache Anfrage der beiden Kantons- und Stadträte Thomas Scheitlin (FDP) und Sonja Lüthi (GLP) schreibt die Regierung, vor 2030 seien keine Ausbauten zu erwarten. Der Stadtrat will das nicht auf sich sitzen lassen. Stadtpräsident Thomas Scheitlin hat angekündigt, dass der Stadtrat weiter für Verbesserungen kämpfen und «nicht Ruhe geben» werde.

Erschliessung wesentlich für Entwicklung


Es sei wichtig, dass die Stadt den Druck auf den Kanton aufrecht erhalte, damit dieser allenfalls den Druck auf den Bund erhöhe, sagt Remo Daguati, FDP-Stadtparlamentarier sowie Geschäftsführer des städtischen Hauseigentümerverbands (HEV). Es gehe dabei nicht nur um den öffentlichen Verkehr: Daguati verweist auf die Studie zum Wohnstandort St.Gallen, die der HEV kürzlich präsentiert hat («Tagblatt» vom 15. August). St.Gallen verliere Boden bei den Arbeitsplätzen für Unternehmensdienstleistungen. Das habe auch mit der mangelhaften Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr und insbesondere mit dem Fehlen einer funktionierenden
S-Bahn zu tun.

«Wenn man sich als Dienstleistungsstandort positionieren will, ist nicht nur die Anbindung an den Fernverkehr wichtig, sondern auch die Feinverteilung auf dem Stadtgebiet. Dazu gehört auch das S-Bahn-Netz.»

Die bestehenden Zugverbindungen innerhalb der Stadt seien «ein Flickwerk». Dies sei vor allem deshalb ärgerlich, weil die Infrastruktur nicht einmal so schlecht sei. Nebst dem Hauptbahnhof gebe es mit Winkeln, Bruggen, Haggen und St. Fiden vier wichtige Stadtbahnhöfe. «Es braucht Lösungen, um die Fahrzeiten bis zum Hauptbahnhof, aber auch in den Rest der Schweiz zu verkürzen.» Die Erschliessung über Strasse und Schiene sei ein wesentlicher Faktor, damit ein Wohn- und Wirtschaftsstandort vom Fleck komme.

In der Antwort auf den Vorstoss von Thomas Scheitlin und Sonja Lüthi hatte die Regierung geschrieben, sie halte ein Fahrplankonzept für Verbesserungen bei der S-Bahn in St.Gallen nicht zielführend, da dieses allenfalls «nicht aufwärtskompatibel» mit den Plänen des Bundes wäre. Daguati plädiert aber dafür, betriebliche Optimierungen zu überprüfen. «Dadurch lassen sich bestimmt Verbesserungen erzielen.» In einem zweiten Schritt gelte es abzuklären, welche kleineren Infrastrukturmassnahmen nötig und möglich, also finanzierbar wären.

Die Appenzeller Bahnen als Beispiel

Die Antwort der Kantonsregierung sei «eine Ohrfeige an die Stadt St.Gallen», sagt Doris Königer, SP-Stadtparlamentarierin und Co-Präsidentin der VCS-Sektion St.Gallen/Appenzell.

«Ich würde gerne sehen, dass sich Kanton und Stadt mit demselben Ehrgeiz für den öffentlichen Verkehr einsetzen, wie sie das beim Autobahnausbau tun.»

Denn genau so, wie die Autobahn verschiedene Anschlüsse brauche, brauche der Zugverkehr die Stadtbahnhöfe. Diese müssten sowohl innerhalb der Stadt als auch von anderen Gemeinden aus gut erreichbar sein. Das werde sich auch bei der Durchmesserlinie der Appenzeller Bahnen positiv auswirken, die Ende Jahr in Betrieb genommen wird, ist Königer überzeugt. Dadurch werde die Stadt ganz anders ans Appenzellerland angebunden.

Es könne nicht sein, dass die Regierung bei der St.Galler
S-Bahn nun einfach abwarte, wie der Bund in einigen Jahren die Investitionsgelder verteile. «Der Bund hat uns schon oft vergessen. Vielleicht jammern wir zu wenig oder zu leise. Deshalb müssen wir gewisse Dinge selber anpacken oder sogar vorfinanzieren», sagt Königer. Bereits beim Tram habe der Kanton die Stadt abgeklemmt.

Erst das Angebot, dann die Nachfrage

Von «dringendem Handlungsbedarf» insbesondere bei den Stadtbahnhöfen im Westen spricht auch Bruno Eberle, Präsident von Pro Bahn Ostschweiz. «Wir können nicht zehn Jahre lang warten, bis etwas geschieht.» Es brauche möglichst rasch Massnahmen für ein gut funktionierendes S-Bahn-System mit einem Viertelstundentakt zwischen Gossau, St.Gallen und Rorschach sowie zwischen Wittenbach, St.Gallen und Herisau. «Zunächst braucht es ein gutes Angebot an Zugverbindungen. Dann dauert es zwei bis drei Jahre, bis sich das in der Nachfrage niederschlägt.»