Porträt
Rathausabwart Markus Müller will St.Galler Stadtrat werden – wieso er trotzdem ans Auswandern denkt

Markus Müller, Abwart im St.Galler Rathaus, steht gerne am Grill, träumt von einem Haus in Serbien und stellt sich der Wahl in den Stadtrat.

Christina Weder
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Markus und Ruzica Müller mit Katze Trudy auf der Dachterrasse ihrer Wohnung im Rathaus - im Hintergrund das Lieblingsmöbel: der Grill.

Markus und Ruzica Müller mit Katze Trudy auf der Dachterrasse ihrer Wohnung im Rathaus - im Hintergrund das Lieblingsmöbel: der Grill.

Bild: Benjamin Manser

Stadtratskandidat Markus Müller hat einen Traum. Irgendwann will er sich ein eigenes Haus bauen, verrät er. Den Flecken Land, auf dem es stehen soll, hat er längst ausgesucht. Er liegt über tausend Kilometer von St.Gallen entfernt im Heimatdorf seiner Frau Ruzica in Serbien: zuoberst auf einem Hügel mit wunderbarer Aussicht. Über die Grösse, die das Haus haben soll, sind sich er und seine Frau noch nicht einig geworden. Ihr schwebt ein Tiny-House vor, er träumt von viel Platz und einer grossen Küche.

Um das auszudiskutieren, bleibt noch etwas Zeit. Denn Müller, der seit 25 Jahren als Leiter des Hausdienstes im Rathaus arbeitet, hat noch andere Pläne. Als wilder Kandidat tritt er zu den Stadtratswahlen an. Die Auswanderungspläne haben er und seine Frau aus diesem Grund hintangestellt.

Hängematte und Grill auf der Rathausterrasse

So bleiben Markus und Ruzica Müller vorerst im St.Galler Rathaus wohnen – in der einmalig gelegenen Abwartswohnung über dem Zivilstandsamt. Auf der zugehörigen grossen Dachterrasse erzählt der 53-Jährige von seinen Plänen und Träumen. Hier hat sich die Familie, zu der auch der 23-jährige Leon und die 25-jährige Vanja gehören, ein kleines Paradies mit Hängematte und Sonnensegel geschaffen.

In Töpfen wachsen Feigen-, Buchsbäume und Tomaten. Für den Fotografen posiert das Ehepaar unter dem Rosenbogen, der zum Leidwesen von Ruzica Müller nicht mehr in voller Blüte steht. Und schnell ist klar: Auch Katze Trudy, der Liebling der Familie, muss mit aufs Bild. «Sie ist sehr fotogen», sagt Markus Müller, der sich als Katzennarr bezeichnet.

Während sich seine Frau auf der Terrasse um die Pflanzen kümmert, steht er in seiner Freizeit am liebsten am grossen Gasgrill.

«Das ist einfach gemütlich.»

Seine Spezialität sind Spareribs. Um sie zuzubereiten, braucht er fünf bis sechs Stunden. Die Müllers sind Geniesser. Auch Ruzica Müller kocht sehr gern. «Und gut», wie ihr Ehemann betont. Viermal im Jahr bereitet sie Sauce Bolognese nach Opas Rezept zu. Nun ist es wieder so weit. Die Sauce köchelt in einem Riesentopf, der Duft strömt durch die Wohnung auf die Terrasse. 50 Knoblauchzehen hat Ruzica Müller verarbeitet. Tochter und Mann haben die Zwiebeln geschält.

Kandidat persönlich

Am 27. September kämpfen acht Kandidierende um die fünf Sitze im Stadtrat. Wir stellen sie in einer Serie von ihrer persönlichen Seite vor. Den Anfang macht der Parteilose Markus Müller.

Welches ist Ihr Lieblingsplatz in der Stadt? Meine Terrasse.

Ihr Lieblingsessen? Käsefondue, Risotto, Geschnetzeltes und Rösti.

Ihr Lieblingsland? Serbien, das Heimatland meiner Frau.

Ihre Lieblingslektüre? «Die Herren der Welt: Essays und Reden aus fünf Jahrzehnten» von Noam Chomsky.

Worüber haben Sie sich zuletzt gefreut und geärgert? Gefreut habe ich mich über unsere Ferien im Obergoms, geärgert über die Einführung der Maskenpflicht in Zürich.

Haben Sie ein Lebensmotto? Zufriedenheit ist das Höchste, das man erreichen kann.

Der Abwart will die Stadtverwaltung umbauen

Nicht nur in der Küche sind Ruzica und Markus Müller ein eingespieltes Team. Die beiden arbeiten auch im Rathaus Seite an Seite – seit 25 Jahren. Müller, der eine Lehre als Elektromonteur und eine Zweitausbildung als Hauswart mit eidgenössischem Fachausweis abgeschlossen hat, stiess damals auf ein Stelleninserat: «Ein guter Geist im Rathaus» wurde gesucht. Das Ehepaar erhielt die Stelle und bezog die Abwartswohnung.

«Doch langsam habe ich meinen Job gesehen», sagt er. Für die verwaltungsinternen Abläufe hat er immer wieder Kopfschütteln übrig: «Da ist viel Sand im Getriebe.» Als er sich wieder einmal aufgeregt habe, gab ihm ein Kollege den Rat:

«Um etwas zu ändern, musst du Stadtrat werden.»

Müller nahm ihn beim Wort. Und so kam es, dass er im Frühsommer seine Kandidatur bekannt gab und damit für eine erste Überraschung im Wahlkampf sorgte. Der Leiter des Hausdienstes, der kurze Zeit der SVP angehörte, tritt als Parteiloser an. Er wirbt für sich als Macher und als einer, der für jedes Problem eine Lösung parat hat. Auch über Corona hat er sich längst eine Meinung gebildet: «Das Virus existiert nur in den Köpfen.»

Als Aussenseiter sind Müllers Chancen klein. Und sollte es mit einer Wahl nicht klappen, hat er auch schon einen Plan B in der Hinterhand: Dann würde er tatsächlich ans Auswandern denken – in ein Land, «in dem man noch selber entscheiden kann, in welcher Farbe man die Fensterläden streichen will».