Der Käsekeller ist leer: Die Käserei Niederdorf in Gossau ist Geschichte

Die letzte Käserei in Gossau ist geschlossen. Ganz im Ruhestand ist das Käser-Ehepaar aber noch nicht.

Perrine Woodtli
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Edith und Emil Amacker in der Käserei Niederdorf. «Hier haben wir zusammen gekrampft», sagt der Käser. (Bild: Urs Bucher (26. November 2019))

Edith und Emil Amacker in der Käserei Niederdorf. «Hier haben wir zusammen gekrampft», sagt der Käser. (Bild: Urs Bucher (26. November 2019))

Emil und Edith Amacker stehen in der Produktionshalle ihrer Käserei im Niederdorf. Am Boden liegen Werkzeuge und Kabel. Überall stapeln sich Maschinen oder das, was von ihnen übrig geblieben ist. «Es sieht schon trostlos aus und macht auch ein wenig traurig», sagt Edith Amacker.

Ihr Blick schweift durch den nüchternen Raum. In dessen Mitte steht ein Kupferkessel, ein Käsefertiger. Käse wird hier, am südwestlichen Stadtrand, nicht mehr hergestellt. Ende April produzierte Emil Amacker zum letzten Mal Käse in der letzten Gossauer Käserei. Auch das Lädeli schloss daraufhin.

Das Ehepaar und die Käsereigenossenschaft Niederdorf kündeten bereits im Sommer 2018 an, die Käserei zu schliessen. Amackers, die den Betrieb seit dem Jahr 2000 gepachtet haben, wollten in den Ruhestand, einen Nachfolger gab es nicht. In den vergangenen anderthalb Jahren haben sie den Betrieb laufend zurückgefahren. Nun ist auch der Keller, wo einst 3500 gelbe Käselaibe reiften, leer. Der Geruch aber, der ist noch da.

Käserei soll vermietet werden

Was aus dem Haus mit der hellen Schindelfassade und den roten Fensterläden an der Flawilerstrasse wird, ist noch offen. Es gehört der 1867 gegründeten Käsereigenossenschaft Niederdorf. Derzeit räumen die acht Bauern, die ihre Milch nun nach Jonschwil liefern, die Käserei aus. «Unser Ziel ist es, diesen Winter alles abzubauen», sagt Genossenschaftspräsident und Landwirt Peter Schlauri.

Landwirt Peter Schlauri(Bild: Urs Bucher (18. Juni 2018)

Landwirt Peter Schlauri
(Bild: Urs Bucher (18. Juni 2018)

Man wolle die Käserei sanieren und an einen Gewerbebetrieb vermieten. Die Planung dazu sei im Gange. Zum Areal gehören auch zwei Ställe. Der eine ist an zwei Bauern verpachtet, die Schweine darin halten. Der andere steht leer. Die Genossenschaft möchte ihn abreissen und etwas Neues aufbauen. «Wir arbeiten derzeit ein Projekt aus», sagt Peter Schlauri.

Zunächst muss aber alles raus. Vor dem Haus steht ein Lieferwagen, voll geladen mit Teilen aus der Produktionshalle. Das meiste komme ins Altmetall, sagt Emil Amacker. «Das will keiner mehr.» Einige Dinge, wie etwa die Zentrifuge, konnte man verkaufen. Klar sei es schade, dass die Käserei nun Geschichte sei, sagt der Käser. Er trägt ein rotes Shirt mit Appenzeller-Käse-Logo.

«Schliesslich war uns diese Anlage viele Jahre lang treu.»

Doch es ändere nichts, wenn man traurig sei. «Wir haben hier eine gute Sache gemacht und diese kommt nun zum Abschluss. Dem sollte man nicht nachtrauern.»

Emil und Edith Amacker, 67 und 64 Jahre alt, wohnen immer noch in der Wohnung oberhalb der Käserei. Sie schauen sich langsam nach etwas anderem um. «Sobald wir etwas finden, zügeln wir.» Beide sind gespannt, was aus «ihrer Chäsi» wird.

Seit Mai sind sie offiziell im Ruhestand – fast. Zwischen 300 und 400 Kilogramm Käse lagern sie noch in einem Kühlschrank. Diesen liefern sie an Stammkunden, etwa an Beizer oder Kantinen – solange der Vorrat reicht. Diesen Winter produziert Emil Amacker zudem noch ein letztes Mal sein Whisky-Fondue und seine Hausmischung und verkauft diese und Raclette. Danach ist definitiv Schluss.

Zeit für sich, die Enkel und das Kochen

Für Edith Amacker ist die Pensionierung eine grosse Umstellung. «Vorher hatte ich immer viel zu tun», sagt sie mit einem wehmütigen Unterton. Vor allem der Umgang mit den Kunden fehlt ihr. Viel Zeit verbringt sie jetzt mit den Enkeln. «Ich freue mich über die Pensionierung und finde schon noch etwas für diese Zeit danach. Mein Mann kann das besser als ich.» Dieser lacht verschmitzt: «Ihr wird schnell langweilig. Aber das ist doch auch mal schön.»

Er geniesst seine neu gewonnene Zeit sichtlich und baut seine dritte Modelleisenbahn auf. Und er hat – wie er es sich vorgenommen hatte – kochen gelernt.

Doch woher nehmen Amackers künftig den Käse, wenn sie nicht mehr ihren eigenen haben? «Wir holen ihn direkt bei anderen Käsereien», sagt Emil Amacker. «Wir haben vorher schon gelegentlich bei Berufskollegen eingekauft.» Am Montag sei ihr Mann mit einer riesigen Ladung Käse vom Gossauer Chläusler nach Hause gekommen, sagt Edith Amacker.

«Da hat’s mich fast umgehauen.»