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Der Hof Raach ist die einzige Exklave des Kantons St. Gallen – eine Suche nach den Gründen im Mittelalter

Ein Stück St. Gallen, umgeben von Thurgauer Feldern: Der Hof Raach, der zur Gemeinde Häggenschwil gehört. Doch auch die Nachbarorte Wittenbach und Berg sind geteilte Gemeinden. Die Gründe dafür finden sich in der Vergangenheit.
David Grob
Der Hof Raach mit seinem Umland gehört zum Gemeindegebiet von Häggenschwil, ist aber umgeben von der Thurgauer Gemeinde Egnach. (Bild: Benjamin Manser, 15. April 2019)

Der Hof Raach mit seinem Umland gehört zum Gemeindegebiet von Häggenschwil, ist aber umgeben von der Thurgauer Gemeinde Egnach. (Bild: Benjamin Manser, 15. April 2019)

Die Gemäuer einer Burgruine, die verwinkelten Gassen einer mittelalterlichen Altstadt, herrschaftliche Landsitze aus der frühen Neuzeit – die Zeit schreibt sich im Raum ein. Doch nicht nur in Form von Gebäuden hinterlässt die Geschichte ihre Spuren; auch Grenzen und Territorien sind historisch bedingt und hinterlassen manche Kuriositäten.

So sind etwa die Gemeinden Häggenschwil, Wittenbach und Berg in Teilgebiete, Ex- und Enklaven zersplittert (siehe Karte). Der Hof Raach mit 10,5 Hektaren Umland ist die einzige ausserkantonale Exklave von St. Gallen, gänzlich umgeben von Thurgauern Feldern. Die Parzelle gehört politisch zu Häggenschwil und ist gleichzeitig der nördlichste und tiefste Punkt der Gemeinde.

Doch was sind die Gründe für diese Relikte der Geschichte, die sich in Landeskarten und politischen Zuständigkeiten einschreiben? Und wie gehen die Gemeinden mit den territorialen Besonderheiten um? Eine Suche nach Ursachen und Auswirkungen am Beispiel der Exklave Raach im Kanton Thurgau.

Grenzziehung stützt sich auf eine Urkunde von 1727

1846 kamen Vertreter der Kantone St. Gallen und Thurgau sowie der Gemeinden Häggenschwil und Egnach zusammen, um über die Ziehung der Kantons- und Gemeindegrenzen zu diskutieren, wie der Historiker Alfred Etter in seinem Artikel «Grenzkuriositäten im Bodenseegebiet» der Bodensee-Hefte von 1983 schreibt. Dabei brachten die Vertreter auch die Grenzen für den Hof Raach in Ordnung und etablierten die heutige Grenzziehung. Sie stützten sich in ihrem Entscheid auf eine Grenzurkunde von 1727.

Doch der eigentliche Grund für die Bildung der Exklave ist damit noch nicht geklärt. Etter zieht in seiner Analyse das Thurgauer Urkundenbuch zur Hilfe und blickt weiter zurück ins Jahr 1309, als ein örtlicher Ritter seinen «Hof uf Aicha» dem «Spital des heiligen Geistes zu St. Gallen» vermachte. Die heutige Kantonsgrenze entsprach damals ungefähr den Besitzgebieten des Bischofs von Konstanz und des Abts von St. Gallen. Etter folgert:

«Der Ritter war zu jener Zeit offenbar dem Bischof von Konstanz zugetan. Mit dem Verkauf des «Hofes uf Aicha» ist das Entstehen der st. gallischen Exklave mit einiger Sicherheit gelöst.»

Ist der «Hof uf Aicha» als der Hof Raach? Eine sprachliche Verschiebung über die Jahrhunderte, denkt Etter. Der «Hof uf Aicha», gemäss Etter «eindeutig ein Hof zur Eiche», wurde zum «Hof zur Aach» und schliesslich zum heutigen «Hof Raach».

Zuständigkeiten liegen bei Egnach

Politisch und auf dem Papier gehört das Stück Land im Thurgau heute immer noch zu Häggenschwil und dem Kanton St. Gallen. Doch in der Praxis ist die Exklave ein Teilgebiet von Egnach. Denn viele Zuständigkeiten liegen bei der Thurgauer Gemeinde. Der Häggenschwiler Gemeindepräsident Hans-Peter Eisenring sagt:

«Egnach versorgt den Hof Raach mit Strom und Wasser.»

Briefe und Pakete würden ebenfalls von der Thurgauer Gemeinde geliefert, und auch Schulkinder des Hofes gingen in Egnach in die Primarschule. Und kirchenrechtlich, sagt Eisenring, gehöre die Exklave zur Thurgauer Kirchgemeinde Steinebrunn.

Weitere Exklaven in den Nachbargemeinden

Der Hof Raach ist die einzige ausserkantonale Exklave, aber nicht die einzige in den umliegenden St. Galler Nachbargemeinden. Doch deren historischen Entstehungsgründe sind bei weitem weniger gut erforscht. Doch auch hier dürften die historischen Ursachen in mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Besitzverhältnissen liegen.

So etwa bei der Wittenbacher Exklave Hinterberg, die im Gemeindegebiet von Häggenschwil liegt. Wie dem Dorfgeschichtsband «Wittenbach – Landschaft und Menschen im Wandel der Zeit» zu entnehmen ist, war der Hof Hinterberg im 14. Jahrhundert dem Meieramt Wittenberg zinspflichtig. Ein Meier war der Verwalter eines adligen oder klerikalen Grundbesitzes.

Die Wittenbacher Exklave Hinterberg trennt den weiter östlich liegenden Häggenschwiler Hof Ruggisberg völlig von seinem Kerngemeindegebiet. Im Osten der Gemeinde Häggenschwil liegt der Hof Ruggisberg genau auf der Kantonsgrenze zwischen den Kantonen Thurgau und St. Gallen und ist damit zweigeteilt. Bis 1942 waren die Landwirtschaftsgebäude Teil einer Schlossliegenschaft, ehe das baufällige Schloss abgerissen wurde.

Der frühere Wilde Westen von Berg

Auch die Gemeinde Berg hat eine Exklave, die eine stattliche Grösse aufweist und nach ihrem grössten Weiler Zwingensteinhueb benannt ist. Auch dieser Weiler ist gemäss der Gemeindegeschichte «Berg – unsere Geschichte, unser Weg» ein ehemaliger Lehen der Abtei St. Gallen. Dem Autor Johannes Huber zufolge nannten die Einheimischen die Exklave ironisch «Wilden Westen», eine Bezeichnung, die heute aber nicht mehr gebräuchlich ist. «Vor 20 bis 30 Jahren war dieser Begriff durchaus noch verbreitet», sagt der Berger Gemeinderat Christian Würth. Dies hänge damit zusammen, dass der Gemeindeteil heute stärker integriert sei. Gingen die Kinder früher in der Thurgauer Gemeinde Freidorf in die Primarschule, so besuchen sie heute wieder jene in Berg.

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