Der Gossauer Integrationsbeauftragte gibt Tipps für den Alltag

Der Integrationsbeauftragte Roman Caduff klärt Einwanderer in Gossau über helvetische Gepflogenheiten auf.

Melissa Müller
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Sozialarbeiter Roman Caduff hat in Berlin gelebt und die Flüchtlingskrise 2015 hautnah miterlebt. (Bild: Ralph Ribi)

Sozialarbeiter Roman Caduff hat in Berlin gelebt und die Flüchtlingskrise 2015 hautnah miterlebt. (Bild: Ralph Ribi)

Sein Büro im Gossauer Rathaus ist schmucklos. Roman Caduff, Glatze, schwarzes Hemd, schlanke Rennvelofahrerstatur, mag es aufgeräumt. Seit August bekleidet er die neu geschaffene 60-Prozent-Stelle des Integrationsbeauftragten der Stadt Gossau. Er habe sich gut eingelebt: «In Gossau stimmt schon vieles», sagt er.

«Ich bin froh, dass ich nicht gleich als Krisenmanager einspringen musste.»

Caduff will Zugewanderte dabei unterstützen, erfolgreich in Gossau Fuss zu fassen. Rund 150 Einwanderer lassen sich jährlich in der Stadt nieder. Wer sich beim Einwohneramt anmeldet, soll gleich einen Termin mit ihm vereinbaren können. «Das gilt auch für Schweizerinnen und Schweizer, die über zehn Jahre ausser Land waren.»

Bei diesem Willkommensgespräch zeigt Roman Caduff Angebote für Deutschkurse auf, erwähnt die rund 180 Gossauer Vereine, den ÖV, typisch Schweizerisches wie Waschküchenordnungen, Nachtruhe, Haftpflicht, Krankenkasse und das Schulsystem. «Ich will Ansprechperson sein für Alltagspraktisches», sagt der 53-jährige Sozialarbeiter, der sich auch mit Themen wie der Anerkennung ausländischer Zeugnisse, Familiennachzug und bilateralen Verträgen auskennt. Bei Detailfragen will er jedoch an Fachstellen weitervermitteln. Sogar eine kleine Staatskundelektion hat er vorbereitet, «für die sehr Interessierten»: Was ist eine Demokratie und wie funktioniert die Gewaltenteilung in der Schweiz?

«Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet»

Zudem lädt der Integrations­beauftragte ab nächstem Jahr zur Sprechstunde. Montags von 16.30 bis 18 Uhr soll seine Tür offen stehen. Mögliches Thema: Ein Gossauer beschwert sich über seine «lauten ausländischen Nachbarn». «Ich kann mir vorstellen, vor Ort mit den Nachbarn zu reden.» Falls ausländische Eltern von Schulproblemen ihrer Kinder berichten, würde Caduff sie an die Schulsozialarbeit verweisen. Bei einer früheren Stelle als Schulsozialarbeiter beriet er einmal eine Polin, die sagte: «Ich will, dass die Lehrer meinen Sohn härter anfassen. Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet.» Da erklärte ihr Caduff, dass man Kinder nicht schlagen dürfe.

«Ihr Sohn ist ein toller Kerl, er hat das nicht verdient.»

2018 kümmerte sich der Bündner in Trogen beim Verein Tipiti um unbegleitete minderjährige Asylsuchende. Jugendliche aus Afghanistan oder Eritrea fragten ihn Dinge wie: Wie finde ich in der Schweiz eine Freundin? Bei ihrer ersten Lohnabrechnung sagten sie: «So eine Frechheit, wer nimmt mir Geld weg?» Worauf Caduff den Unterschied zwischen Brutto- und Nettolohn und den Sinn der AHV erklärte. «Das brauche ich nicht, bei uns schaut die Familie zu den Alten», sagten die Teenager. Nicht nur sie lernten von Caduff – auch umgekehrt. «Ich war gerührt über ihre Gastfreundschaft. Obwohl sie nur wenige Franken fürs Essen hatten, luden sie mich zum Znacht ein.» Mit einigen der jungen Leute stehe er noch in Kontakt: «Viele haben eine Lehrstelle gefunden», freut er sich.

Er lässt Probleme nicht zu nah heran

Bei aller Empathie, Roman Caduff grenzt sich ab. Er nehme die Probleme am Feierabend nicht mit in seine Jugendstilwohnung in St.Gallen. Sie ist eingerichtet mit Möbeln, die er selber entworfen und gebaut hat. Er erkundet die Gegend mit dem Rennvelo, radelt 2000 Kilometer im Jahr. «Die Ruhe und Entspanntheit gefällt mir hier», sagt der kinderlose Mann, der lang in Zürich und Berlin gelebt hat und die Grossstadt manchmal vermisst. In seiner Jugend studierte er ein paar Semester Soziologie und Politologie, jobbte dann als Buchhändler, bei einem Musiklabel und moderierte beim alternativen Lokalradiosender Lora. Mit 30 beschloss er, Sozialarbeiter zu werden. In Berlin, wo er Praxisforschung studierte, erlebte er die Flüchtlingskrise 2015 hautnah mit. Ehrenamtlich half er einzelnen Geflüchteten.

Caduff hat in Gossau noch viel vor: Er will zum Beispiel die ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuerinnen des Friedegg-Treffs unterstützen. Und Orte konzipieren, an denen sich Schweizer und Ausländer treffen. Wenn sie sich mit mehr Offenheit und Neugier begegneten, «würde mancher ein Wunder erleben», glaubt Caduff. So waren es Einwanderer, die Pizza und Kebab ins Land brachten.

«Vielleicht wird als Nächstes eine afghanische Spezialität zum Lieblingsessen der Schweiz.»