Interview

Der Goldacher SRF-Comedian Renato Kaiser: «Ein schlechter Witz über einen Rollstuhlfahrer ist schlimmer als einer über einen Grillmeister»

Stand-Up-Comedian Renato Kaiser befasst sich in der Sendung «Tabu » mit Randgruppen und Minderheiten. Und: Er macht Witze über sie.

Sheila Eggmann
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Mit einer Person aus dieser Gruppe hat Renato Kaiser (links) am Sonntag einen romantischen Moment auf einem Pedalo. (Bild: PD/SRF: Marion Nitsch)

Mit einer Person aus dieser Gruppe hat Renato Kaiser (links) am Sonntag einen romantischen Moment auf einem Pedalo. (Bild: PD/SRF: Marion Nitsch)

Darf man über Menschen mit Behinderung, dicke oder arme Leute Witze machen? Man darf, findet Stand-up-Comedian Renato Kaiser und tut genau das in der neuen SRF-Sendung «Tabu».

Randgruppen im Fokus

«Tabu» geht laut SRF an die Grenzen des Humors. In der fünfteiligen Sendung verbringt der Goldacher Renato Kaiser vier Tage mit einer Gruppe ­Menschen, die gemeinhin als Randgruppe oder Minder heit wahrgenommen und oft von der Gesellschaft ta­buisiert werde. Dazu gehören unheilbar kranke, übergewichtige oder von Armut betroffene Menschen. Kaiser lernt diese kennen und verarbeitet die Erlebnisse in einem Stand-up-Programm, das er vor den Betroffenen vorträgt. (shi)

Hinweis «Tabu»: Jeweils am Sonntag, 21.40 bis 22.25 Uhr auf SRF 1.


Die erste Folge «Tabu» wurde vergangenen Sonntag ausgestrahlt. Wie haben Sie die Sendung geschaut?

Renato Kaiser: Zu Hause mit meiner Freundin. Es war ein wenig speziell für mich. Eigentlich bin ich es gewohnt, Aufnahmen von mir zu sehen. Von Auftritten beispielsweise, bei denen ich meine Texte eingeübt habe. Bei «Tabu» wurde ich aber auch beim alltäglichen Leben gefilmt. Mich selbst so privat im Fernsehen zu sehen, ist ungewöhnlich.

Teil des Konzeptes ist, dass Sie sich über Randgruppen lustig machen. Wie einfach ist das?

Sehr einfach, denn sie können sich ja nicht wehren. Spass beiseite. Ziel der Sendung ist, Tabugruppen persönlich und unverkrampft zu zeigen. Und sie vom Humor nicht auszuschliessen. Ich glaube, dass Humor diesen Randgruppen helfen kann, in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden.

Wie kamen Sie zur Sendung?

Ich wurde angefragt und fand sofort: Ja eh. Ich will, dass es so eine Sendung gibt. Ich hatte nie Bedenken, dass es heikel werden könnte. So weit habe ich gar nicht überlegt.

Ein Comedyprogramm über Menschen mit Behinderung zu machen, wie Sie es in der ersten Sendung tun, kann aber auch Grenzen überschreiten.

Es ist ein schmaler Grat, das stimmt. Ein schlechter Witz über einen Rollstuhlfahrer ist schlimmer als einer über einen Grillmeister. Bei solchen Themen hat man einen grösseren Aufwand. Ich habe mir die Witze gut und lange überlegt und bin zum Schluss gekommen: Doch, ich darf das so machen. Mein Vorteil ist, dass ich schon immer eine entspannte Art und Weise hatte und mich gut distanzieren kann.

Renato Kaiser hat vier Tage lang mit Menschen mit Behinderung zusammengelebt. (Bild: PD/SRF: Merly Knörle)

Renato Kaiser hat vier Tage lang mit Menschen mit Behinderung zusammengelebt. (Bild: PD/SRF: Merly Knörle)

Die Betroffenen sassen dann auch direkt vor Ihnen, als Sie Witze über sie machten. Wie ist das?

Ich habe mit ihnen zuvor vier Tage verbracht. Das hat geholfen. Danach wusste ich, was sie beschäftigt. Das Schlimmste wäre für mich gewesen, wenn ich an den für sie wichtigen Themen vorbeigeredet hätte. Meine Witze wollen ja nichts Böses, sondern die Betroffenen zum Lachen bringen.

Welches Feedback gab es von Zuschauern und Freunden nach der ersten Folge?

Es gab sehr viele Rückmeldungen, vor allem über die sozialen Netzwerke. Bisher sind alle positiv. Das ist aber noch mit Vorsicht zu geniessen. Viele dieser Rückmeldungen kommen aus meiner persönlichen «Bubble». Da ist es wohl naheliegend, dass sie mich gut finden.

Machen andere auch Witze über Sie?

Ja, sicher. In der ersten Sendung haben die Menschen mit Behinderung die ganze Zeit Witze über mich gemacht. Und früher, ich bin halb Italiener, habe ich ab und zu einen «Tschinggen-Witz» gehört. Ich finde, man darf über jeden Witze machen. Aber man soll sich wenigstens Mühe geben dabei.

Welches war das schwierigste Thema in der Reihe?

Die Armut. Es gibt dort viele Fallen. Im Comedyprogramm ist es schwer, den Armutsbetroffenen bei der Vorgeschichte gerecht zu werden, weil sie sich oft nicht kurz zusammenfassen lässt. Ein weiteres Problem: Es gibt Leute, die nicht sehen oder nicht sehen wollen, dass Armut auch in der Schweiz da ist. Und ich glaube auch, dass die Leute davor am meisten Angst haben und es am meisten verdrängen.

Was kommt in der nächsten Folge?

Thema ist die LGBT-Community. Ich werde mit einem schwulen Mann, einer lesbischen Frau und einem trans Mann Zeit verbringen. Und mit einem von ihnen einen Titanic-Moment auf einem Pedalo haben.