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Kommentar

Der frische Wind muss in Gossau rasch die Richtung finden

Der parteilose Wolfgang Giella ist seit gestern amtierender Stadtpräsident von Gossau. Trotz der gut geleisteten Arbeit hinterlässt Alex Brühwiler seinem Nachfolger einige Baustellen.
Sebastian Schneider
Redaktor Sebastian Schneider (Bild: Michel Canonica)

Redaktor Sebastian Schneider (Bild: Michel Canonica)

Der parteilose Wolfgang Giella ist seit gestern amtierender Stadtpräsident von Gossau. Sein Vorgänger Alex Brühwiler ist seit kurzem eingeschriebener Geschichtsstudent. Der erste Gossauer Stadtpräsident zeichnete sich in seiner über 17-jährigen Amtszeit als schneller Redner und schneller Denker aus. Selten, womöglich gar nie, musste jemand das Gefühl haben, dass Brühwiler nicht auf der Höhe ist oder das Dossier nur oberflächlich kennt. Der erste Gossauer Stadtpräsident hatte mit diesem Amt seine Berufung gefunden. Es muss ihm Freude bereitet haben, seinen Sachverstand bei der täglichen Arbeit einzusetzen. Seine Ausbildungen in Betriebswirtschaft und in der Juristerei haben dem Anwalt geholfen, komplexe Zusammenhänge rasch zu verstehen. Auch hatte Brühwiler ein beeindruckendes Gedächtnis. Im Parlament spielte er diese Karte regelmässig aus und brachte Parlamentarier mit seinem Wissen aus vergangenen Legislaturen zum Schweigen.

Alex Brühwiler verstand es, respektvoll mit allen Partnern und Anspruchsgruppen umzugehen, auch wenn es inhaltliche Auseinandersetzungen gab. Er hielt sich an einen Grundsatz mit zwei Zielen: die Wiederwahl und während der Legislatur keinen grossen Ärger. Dies machte Brühwiler kaum angreifbar. Auf der anderen Seite brachte dieses nüchterne Rollenverständnis dem 63-Jährigen die Kritik ein, dass er mehr verwalte als regiere. Trotz des Vorwurfs, ein Technokrat zu sein, bewies Brühwiler aber immer wieder politisches Gespür. Er wusste meistens, welche Themen er wann aufgreifen musste und für welche Vorlage sich ein Engagement im Abstimmungskampf lohnte. Hinzu kommt, dass man bei Brühwiler auch immer einem Menschen begegnete. Ein Technokrat würde mit seinem Umfeld anders umgehen.

Alex Brühwiler hinterlässt seinem Nachfolger Wolfgang Giella dennoch einige Baustellen. Für den neuen Stadtpräsidenten wird es schwierig sein, richtig zu priorisieren. Denn neben den bekannten grossen Herausforderungen, wie etwa die Umsetzung des Masterplans Sportanlagen oder die Verabschiedung des Richtplans, kommen auf den gebürtigen Zürcher weitere Aufgaben hinzu. Zumal die Erwartungen an Wolfgang Giella gross sind. Die Wählerinnen und Wähler versprechen sich von ihm, dass er den im Wahlkampf viel zitierten «frischen Wind» nach Gossau bringt.

Immerhin ist Giella nicht auf sich alleine gestellt. Er kann etwa auf Stadtschreiber Toni Inauen zählen, der gemäss Brühwiler eine «ausnahmslos tadellose» Arbeit abliefert. Auch Kommunikationschef Urs Salzmann kennt die Verwaltung schon länger als Brühwiler, und Finanzverwalter Heinz Loretini beherrscht sein Metier wie kaum ein anderer. Vizestadtpräsidentin Gaby Krapf-Gubser (FDP) verfügt über bald zehn Jahre Erfahrung im Stadtrat. Und mit Schulpräsident Urs Blaser (FDP) und den Stadträtinnen Helen Alder-Frey (CVP) und Claudia Martin (SVP) ist das Gremium gut aufgestellt. Giella muss es daher rasch gelingen, das Gremium auf einen bürgerlich-pragmatischen Kurs zu bringen. Pragmatisch in diesem Sinne, dass man die Stimmen aus der linken Opposition in die Agenda aufnimmt – wie schon unter Brühwilers Leitung. Will man nämlich verhindern, dass die SP in der Oppositionsrolle rasch wächst, muss der Stadtrat auch Themen aufgreifen, welche die bürgerlichen Politiker nicht aufs Tapet bringen würden. Die Förderung des Langsamverkehrs, die Reduktion des Strassenlärms sowie die dringliche energetische Sanierung des Rathauses sind nur einige Beispiele für städtische und ökologische Themen, mit denen sich Gossau immer mehr konfrontiert sieht.

Das politische Programm muss auf die Erwartungen an Giella abgestimmt sein. Neben dem für Gossau selbstverständlichen hohen Kostenbewusstsein sollte Giella unter Beweis stellen, dass er eine innovative Kraft ist und dass er Gossau dort weiterbringen kann, wo es im Moment niemand erwartet. «Ich bin immer wieder für eine Überraschung gut», sagte er während des Wahlkampfs. Davon will man noch in dieser Legislatur etwas sehen.

Giella hat zudem die Erwartung geweckt, dass er im Stande ist, ein neuartiges Netzwerk zu spannen. Als ehemaliger Leiter der Winterthurer Fachhochschulbibliothek betrifft dies vor allem den Bildungsbereich. Von jemandem, der bereits an vielen Orten gewirkt hat und viele Vergleiche in seine Argumentation einbezog, erhofft man sich zudem grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Herisau bietet sich etwa an. Giella ist mit dem Gemeindepräsidenten Andreani Renzo befreundet.

In den ersten Monaten kommt für Giella die Herausforderung hinzu, seinen Platz in Gossau und in der lokalen Politik zu finden. Er muss darauf achten, dass Nähe und Distanz zu allen Politikern stimmen. Dafür muss er auf Vertreter der CVP, der Partei seines Widersachers in der Kampfwahl, zugehen. Andererseits muss er aufpassen, dass die Nähe zu Mitgliedern der Findungskommission nicht zu einer Hypothek wird.

Die Frage, ob er einer Partei beitreten will, ist noch ungeklärt. Nach dem vergangenen Wahlkampf ist ein Beitritt in die SP, CVP oder SVP unwahrscheinlich. Ein Beitritt zur Flig oder zur FDP wäre gewiss nicht verkehrt. Im Moment ist aber am wahrscheinlichsten, dass Giella parteilos bleibt.

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