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Diskussion um Gartenbeizen in St.Gallen: «Eine belebte Stadt ist gut für die Geschäfte.»

Jahr für Jahr steigt in der St.Galler Innenstadt die Zahl der Gartenbeizen und Strassencafés. Dadurch wird der öffentliche Raum zur freien Nutzung immer kleiner. Ein Trend mit Gefahren, wie ein Fachmann anmerkt. In der Tagblatt-Community freut man sich über eine lebendige Stadt.
Christoph Renn
Gartenbeizen sind in Mode: Sie prägen wie hier an der Marktgasse das Stadtbild. (Bild: Ralph Ribi)

Gartenbeizen sind in Mode: Sie prägen wie hier an der Marktgasse das Stadtbild. (Bild: Ralph Ribi)

Mit Freude präsentierte die Stadt die aktuellen Zahlen zu den Gartenbeizen und Strassencafés in St.Gallen. Mit 137 sind es nämlich so viele, wie noch nie. Und es gibt wohl nur wenige, die sich nicht über zusätzliche Beizen freuen, in denen sie ihr Feierabendbier draussen trinken können. Doch birgt diese Entwicklung auch Gefahren für die Innenstadt. Wo Gartenbeizen im öffentlichen Raum entstehen, geht immer etwas verloren. Gewisse Gruppen werden ausgegrenzt, andere Klientel wird angezogen. Die Vielfalt verschwindet so aus «aufpolierten» Gassen und von «verschönten» Plätzen.

Öffentliche Räume müssen jedoch allen zur Verfügung stehen. So argumentierten Stadtsoziologen bereits in den 1960er-Jahren. «Und dieser Grundsatz hat sich seither nicht verändert», sagt Dani Fels, Professor im Kompetenzzentrum Soziale Räume der Fachhochschule St.Gallen (FHS). Es sei immer kritisch, wenn der öffentliche Raum durch kommerzielle Nutzungen besetzt werde, wie das bei Gartenbeizen und Strassencafés der Fall sei.

Bewusste Verdrängung?

Fels geht sogar einen Schritt weiter: «Mit ihrer Bewilligungspraxis kann die Stadt eine Verschiebungsstrategie verfolgen.» So etwa beim geplanten Biergarten im neugestalteten Bahnhofpärkli:

«Hier findet die Verschiebung ironischerweise vom ‹wilden› hin zum kommerziellen Biertrinken statt!»

Stadträtin Sonja Lüthi will von einer absichtlichen Verschiebung oder gar bewussten Verdrängung gewisser Gruppen aus dem öffentlichen Raum nichts wissen. «Wenn eine Gartenbeiz im öffentlichen Raum eingerichtet wird, belegt sie zwar den gemieteten Platz», sagt sie. Und das schränke natürlich die Nutzung für andere Gruppen ein. «Eine Verdrängung stellen wir in St.Gallen deshalb jedoch nicht fest.»

Ein Spagat zwischen verschiedenen Interessen

Trotzdem wünscht sich Dani Fels für die Stadt St.Gallen, dass die Verantwortlichen Risikobereitschaft zeigen. Denn Plätze und Gassen müssten sich selbst entwickeln. Mit Gartenbeizen gebe man jedoch immer eine gewisse Struktur vor. «Das Potenzial der Plätze sollte so nicht in der ganzen Innenstadt zu Nichte gemacht werden.» Und er wünscht der Stadt Mut. Mut, nicht jedem Druck von Aussen nachzugeben. Als Beispiel nennt er Bewohner in der Innenstadt, die sich immer über Lärm ärgern.

Stadträtin Sonja Lüthi. (Bild: Michel Canonica)

Stadträtin Sonja Lüthi. (Bild: Michel Canonica)

Diesen Mut beweise die Stadt schon, entgegnet Lüthi: «Bis zu einem gewissen Masse werden solche Brennpunkte geduldet.» Es werde jedoch versucht, sie in geordnete Bahnen zu lenken, so dass sie gemeinverträglich blieben oder wieder gemeinverträglich würden. Das sei oft ein Spagat zwischen verschiedenen Interessen. So müssten die Bewohnerinnen und Bewohner der Innenstadt sicher mehr erdulden als jene in reinen Wohnquartieren. Aber auch der Bevölkerung im Zentrum könne nicht alles zugemutet werden.

Das Beispiel Brühlgasse

Ein Brennpunkt ist die Brühlgasse. In den Sommermonaten verlagern sich die Partys auch hier vor die Bars. Der Lärm hält bis tief in die Nacht hinein an. «Deshalb gibt es hier einen runden Tisch», sagt Sonja Lüthi. An ihm würden einerseits Betreiberinnen und die Betreiber von Gast- wirtschaften und Clubs sowie anderseits Vertreter von verschiedenen Amtsstellen sitzen. An diesem runden Tisch wurde beispielsweise vor einigen Jahren beschlossen, dass ein privater Sicherheitsdienst im Gebiet der Brühlgasse niederschwellig intervenieren kann.

In der Brühlgasse sind private Sicherheitsleute unterwegs und sorgen «niederschwellig» dafür, dass der Strom der Nachtschwärmer in geordneten Bahnen verläuft. (Bild: Urs Jaudas - 2. August 2013)

In der Brühlgasse sind private Sicherheitsleute unterwegs und sorgen «niederschwellig» dafür, dass der Strom der Nachtschwärmer in geordneten Bahnen verläuft. (Bild: Urs Jaudas - 2. August 2013)

Dass die Stadt den Dialog sucht, ist laut Fels der richtige Weg. Denn der Dialog solle immer vor Regulierungen stehen. «Es wird immer eigenartig, wenn die Stadt mit Gesetzen gegen eine Gruppierung oder ein Problem vorgeht.» Er erinnert an den Wegweisungsartikel im städtischen Polizeireglement, bei dem Polizisten anfänglich selbst nicht so genau gewusst hätten, wie sie ihn im Einzelfall umsetzten sollten, was im schlechtesten Fall zu Willkür führen könne.

Ein schweizweiter Trend

Dani Fels, Dozent FHS. (Bild: PD)

Dani Fels, Dozent FHS. (Bild: PD)

Ab wann es in einer Stadt zu viele Strassencafés und Gartenbeizen gibt, ist laut Dani Fels schwer zu beziffern. Doch beobachtet er, dass sich ein Trend entwickelt, in Innenstädten alle Risiken zu vermeiden. Sei es mit baulichen Massnahmen oder eben mit Aussenrestaurants. Diesen Trend gebe es jedoch nicht nur in St. Gallen, sondern er sei schweizweit zu sehen.

Umso wichtiger sei es für eine Stadt, vielfältig zu bleiben. «St.Gallen lebt davon, dass alle involviert sind», sagt Fels. Deshalb gehörten auch Orte dazu, die die Gemeinschaft «aushalten» müsse. Umso wichtiger sei es, dass die Stadt eine klare Strategie erarbeite, damit sich die Vertreter immer über die Motive der Bewilligungen klar würden.

Ein umfassendes Konzept fehlt (noch?)

Ein umfassendes Konzept für die Nutzung des öffentlichen Raumes gibt es in der Stadt St.Gallen nicht. «Es gibt Regeln, die zusammen mit den Gassengesellschaften, Quartiervereinen und Pro City festgelegt wurden», sagt Sonja Lüthi. Diese seien jedoch in die Jahre gekommen und in Überarbeitung. «Schliesslich ist jedoch häufig im Einzelfall abzuwägen, was möglich ist und was nicht.» Und Stadträtin Lüthi verspricht: «Uns ist sehr wichtig, dass im öffentlichen Raum auch in Zukunft Platz für die freie Nutzung bleibt.»

Das sagt die Tagblatt-Community

Jnge Wild schreibt auf Facebook: "Herrlich St. Gallen, wurde auch Zeit, dass du aus deinem Dornröschenschlaf erwachst.Vorher warst du so steril und furztrocken und jetzt lebst du auf zur Freude all deiner Bewohner und Besucher." Auch Kurt Schedler kann den Gartenbeizen viel Positives abgewinnen:

"Es ist schön, wenn die Stadt wiederbelebt wird."

Gleich klingt es bei Jeannette Schlegel: "Ich finde das toll! Belebte Innenstädte ziehen auch wieder Leute an, was wiederum gut ist für die Geschäfte!"

Marcel Baur wäre es lieber, die Stadt wäre auch toleranter gegenüber Veranstaltungen: "Wichtiger als dauerhafte Installationen erachte ich die Akzeptanz gegenüber spontanen und kurzfristigen Angeboten. Das müssen nicht immer gleich kommerzielle Angebote sein.
Beispiel Toleranz im Stadtpark, 3 Weiern, Gallusplatz, roter Platz.
Hier muss doch nicht immer gleich weggewiesen werden.
Wenn sich solche, spontane Angebote etablieren könnten, dann haben auch fixe, kommerzielle Gartenbeizen ihre Berechtigung."

Stadt St.Gallen ist auf gleicher Höhe wie Luzern

Für die Stadt St.Gallen sind 137 Gartenbeizen und Strassencafés neuer Rekord. Damit entfällt seit diesem Jahr auf 581 St.Gallerinnen und St.Galler ein Aussenrestaurant. Noch kann es der Bohl zwar nicht mit der Piazza Grande in Locarno aufnehmen, das mediterrane Gefühl kommt an heissen Sommertagen aber trotzdem auf. Doch wie steht St.Gallen mit seiner Rekordzahl im Vergleich zu anderen Städten da?

Fünfmal mehr Freiluftbeizen, fünfmal mehr Einwohner

Klar ist: An Zürich kommt die Gallusstadt in absoluten Zahlen nicht heran. Ganze 685 Bewilligungen für Strassencafés und Gartenbeizen sind in diesem Jahr an der Limmat erteilt worden. Wobei diese Zahl nicht zwischen Gartenbeizen auf öffentlichem oder privatem Grund unterscheidet. Zürcherinnen und Zürcher steht also fast die fünffache Zahl Aussenrestaurants zur Auswahl.

Der Blick auf die Zahl der Zürcher, auf die eine Gartenbeiz entfällt, relativiert das Ganze aber wieder. Dann zeigt sich, dass in Zürich mit 619 Bewohnerinnen und Bewohner auf ein Gartenrestaurant deren Dichte sogar leicht kleiner ist als in St.Gallen. Mit knapp 425'000 Einwohnern übertrumpft Zürich St.Gallen halt auch in Sachen Bevölkerungszahl um mehr als das Fünffache.

Bregenz ebenfalls mit vielen Freiluftbeizen

Gänzlich anders präsentiert sich die Situation im Vergleich mit Bregenz. Dort gibt es 42 Strassencafés im öffentlichen Raum. Hinzu kommen einige Aussenrestaurants auf privatem Grund. Ihre Zahl kann die Stadt jedoch nicht genau beziffern. In absoluten Zahlen gibt es rund hundert Beizen weniger als in St.Gallen. Doch in Bregenz leben auch nur knapp 30'000 Personen. Auf eine Beiz kommen 704 Bewohnerinnen und Bewohner. Bezüglich Dichte an Freiluftbeizen liegt die Vorarlberger Stadt damit in diesem Vergleich auf dem Schlussrang.

In Luzern gibt es mit 140 Gartenbeizen etwa gleich viele wie in St.Gallen. Die beiden Städte sind auch von der Einwohnerzahl her ähnlich. Damit entfallen in Luzern 583 Personen auf ein Freiluftrestaurant. Dass St.Gallen und Luzern so nahe beieinander liegen, mag auf den ersten Blick überraschen: Im stärker touristischen Luzern reiht sich doch rund um den Bahnhof und an der Reuss ein Aussenrestaurant ans andere. (ren/vre)

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