Der FC St.Gallen als Blockadebrecher nach dem Ersten Weltkrieg

Heute vor 100 Jahren spielte der FC St.Gallen in München gegen den FC Bayern. Es war das erste Spiel einer ausländischen Mannschaft seit 1914 in der bayrischen Landeshauptstadt. Und nicht ganz unproblematisch.

David Gadze
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Am 8. Juni 1919 spielt der FC St.Gallen als erste ausländische Mannschaft nach dem Ersten Weltkrieg in München. Der FC Bayern gewinnt 4:3. (Bild: PD)

Am 8. Juni 1919 spielt der FC St.Gallen als erste ausländische Mannschaft nach dem Ersten Weltkrieg in München. Der FC Bayern gewinnt 4:3. (Bild: PD)

Die Meldung im «St.Galler Tagblatt» vom 10. Juni 1919 war kurz. Ganze acht Zeilen standen unter dem Titel «Die St.Galler Fussballer» in München. Dabei hatte der Ausflug des FC St.Gallen in die  ayrische Landeshauptstadt an jenem Pfingstwochenende durchaus Bedeutung. Weniger sportliche, sondern vor allem historische: Die deutsche Grenze war zu jener Zeit für den internationalen Sportbetrieb hermetisch abgeriegelt. So war der FCSG die erste ausländische Fussballmannschaft, die seit dem Ausbruch (beziehungsweise dem Ende) des Ersten Weltkriegs in München zu einem Spiel antrat.

Dieses war am Sonntag, dem 8. Juni 1919. Vor über 5000 Zuschauern, was damals Rekord bedeutete, verlor der FC St.Gallen zwar mit 3:4 gegen die Bayern, gewann aber – auch sportlich – viel Respekt. Der legendäre Bayern-Präsident Kurt Landauer lobte gemäss einem Bericht einer lokalen Zeitung die Gäste dafür, «den ihr von der Entente auferlegten sportlichen Boykott der Mittelmächte mit einem glatten ‹Nein›» beantwortet zu haben.

Dabei hatten die St.Galler «in Anbetracht der schwierigen Verkehrsverhältnisse und der politischen Lage» noch gezögert, die Reise anzutreten, heisst es im Artikel weiter. Als aber die Einladung des FC Bayern eingetroffen sei, hätten sie sich gesagt: «Wir müssen nach München und wenn wir zu Fuss hingehen.» Die Reise lohnte sich für den FCSG schliesslich auch aus sportlicher Sicht: Am Montag besiegte er den FC Wacker München mit 3:2.

Eine Art Sportfreundschaft

Der FC St.Gallen unterhielt mit dem FC Bayern in jenen Jahren eine Art Sportfreundschaft. Bereits 1908 waren sich die beiden Mannschaften erstmals gegenübergestanden – es war das erste Spiel des heutigen Weltclubs FC Bayern gegen eine ausländische Mannschaft überhaupt. Wie Lokalhistoriker Fredi Hächler in seiner Publikation über die Anfangsjahre des FC St.Gallen schreibt, kam es vor dem Ersten Weltkrieg erneut zu Hin- und Rückspielen.

Die Verbindung der beiden Clubs hielt nach dem Spiel von 1919 an. So war William Townley während seiner Zeit als Trainer des FC Bayern (beziehungsweise des TuSpV Jahn München, wie der Club kurzzeitig hiess) 1920 einige Wochen lang auch Trainer des FCSG (den er von 1923 bis 1925 nochmals trainierte). In jenem Jahr gab es auch ein weiteres Spiel.

1920 trennen sich der FC St.Gallen und Bayern München 2:2. (Bild: PD/Stadtarchiv der Politischen Gemeinde St.Gallen)

1920 trennen sich der FC St.Gallen und Bayern München 2:2. (Bild: PD/Stadtarchiv der Politischen Gemeinde St.Gallen)

Weitere Duelle zwischen Deutschschweizer und deutschen Mannschaften wurden jedoch von den Westschweizer Vereinen, die zu den Siegermächten standen und vor allem gegen französische Teams spielten, äusserst kritisch beäugt. Das Länderspiel der Schweiz gegen Deutschland von 1920 hätte schliesslich fast zur Spaltung des Fussball- und Athletikverbands geführt.

1948 ein weiteres Mal die Blockade durchbrochen

Die historische Begegnung zwischen St.Gallen und München auf dem Fussballplatz wiederholte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Am 10. Oktober 1948 reiste eine vereinigte Mannschaft des FC St.Gallen und des SC Brühl nach München, wo sie vor über 40000 Zuschauern gegen ein Team mit Spielern des FC Bayern und von 1860 München antrat.

«Wie vor 29 Jahren, so auch heute, haben die Schweizer die Sperrschranken durchbrochen, um in friedlichem Wettkampf unseren Sportlern die versöhnende Hand zu reichen», heiss es im Grusswort des Oberbürgermeisters Thomas Wimmer im «Münchner Sportprogramm» vom 9. Oktober. Der Erlös aus dem Spiel ging an das Münchner Waisenhaus. Davon zeugt heute der Name der St.-Galler-Strasse, die am Waisenhaus vorbeiführt.

1948 kehrt der FCSG zu einem weiteren sporthistorischen Spiel nach München zurück. (Bild: PD/Stadtarchiv der Politischen Gemeinde St.Gallen)

1948 kehrt der FCSG zu einem weiteren sporthistorischen Spiel nach München zurück. (Bild: PD/Stadtarchiv der Politischen Gemeinde St.Gallen)