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Er wohnte ein halbes Jahr im Auto: Wie ein St.Galler versucht, seinem Leben mit dem Bau von Requisiten einen neuen Sinn zu geben

Ramon Weibel baut in einem Keller im Lachenquartier apokalyptische Requisiten und Kostüme. Obwohl er erst vor eineinhalb Jahren damit begann, sind sie gefragt. Geld verdient er damit jedoch nicht.
Marlen Hämmerli
Den Helm hat Ramon Weibel in einem Keller gefunden, die Railgun hat er gebaut. (Bild: Benjamin Manser)

Den Helm hat Ramon Weibel in einem Keller gefunden, die Railgun hat er gebaut. (Bild: Benjamin Manser)

Unter der Oberfläche des Lachenquartiers, in einem Keller, sitzt Ramon Weibel. Vor ihm liegt eine Schutzweste. Konzentriert befestigt er einige Verschlüsse. Im Hintergrund läuft die Spotify-Playliste «Sherman Things». Auf einer improvisierten Werkbank aus alten Schreibtischen liegen Skizzen, Schrauben und Bauteile. Ramon Weibel werkelt hier seit eineinhalb Jahren, seit er Eddie kennen gelernt hat, seinen «coolen Stiefvater». Mit Erfolg baut Weibel Requisiten und Kostüme für Musikvideos und Theaterproduktionen. Trotzdem ist er Sozialhilfeempfänger.

Eine Ausbildung hat er nie abgeschlossen

Brutal ehrlich erzählt er, wie es dazu kam. Eine Ausbildung hat der 25-Jährige nie abgeschlossen. «Leider.» Zuletzt hatte er eine Lehre als Uhrmacher begonnen. Dann, in der zweiten Woche, entzündete sich der Blinddarm. Weibel landete im Bürgerspital Solothurn. «Dort verkackten sie die Operation. Danach war ich ein halbes Jahr bettlägerig.» Mit dem Lehrmeister kam Weibel deshalb überein, die Lehre abzubrechen.

Danach arbeitete Weibel auf diversen Baustellen, bis er Eddie kennen lernte, einen Cartoonisten und Tätowierer. «Er ist dann auf meine künstlerische Seite eingegangen.» Schon als Kind baute Weibel «riesige Lego-Konstrukte», während andere Kinder draussen Fussball spielten. Diese kreative Seite förderte Eddie, der selbst ständig kleine Soldaten bastelte. «Er nannte sie alle Sherman. Ich weiss heute noch nicht, wieso», sagt Weibel.

Trotzdem ging es ihm zunehmend schlechter. «Ich kam immer öfter her und lebte meine Depressionen im apokalyptischen Stil aus», erzählt er und lacht. Doch das Lachen erreicht die Augen nicht. Dazu kam der Krebs, an dem Eddie erkrankt war. Weibel und weitere Kollegen von Eddie halfen beim Basteln der Soldaten und im Krieg gegen den Krebs. Dann starb Eddie und Weibel stürzte in ein Loch. «Er war meine grosse Inspiration. Nach seinem Tod ging es mir gar nicht mehr gut.» Erst versuchte er noch, die Gruppe zusammenzuhalten. «Ich wollte Eddies Andenken hochhalten, in dem wir weitermachen.» Doch einer nach dem andern ging und liess Weibel alleine.

Ramon Weibel baut in einem Keller im Lachenquartier Requisiten und Kostüme für Freunde, Musikvideos und Theaterproduktionen. (Bild: Benjamin Manser)Ramon Weibel baut in einem Keller im Lachenquartier Requisiten und Kostüme für Freunde, Musikvideos und Theaterproduktionen. (Bild: Benjamin Manser)
Mit flinken Händen befestigt er an einer Schutzwest einen Verschluss. (Bild: Benjamin Manser)Mit flinken Händen befestigt er an einer Schutzwest einen Verschluss. (Bild: Benjamin Manser)
Die Werkbank hat er aus drei alten Schreibtischen improvisiert. Darauf liegen Bauteile, eine Zange und Schrauben. (Bild: Benjamin Manser)Die Werkbank hat er aus drei alten Schreibtischen improvisiert. Darauf liegen Bauteile, eine Zange und Schrauben. (Bild: Benjamin Manser)
Die Kostüme und Requisiten baut Weibel aus Schrott und alten Materialien zusammen. (Bild: Benjamin Manser)Die Kostüme und Requisiten baut Weibel aus Schrott und alten Materialien zusammen. (Bild: Benjamin Manser)
Darunter befinden sich auch diverse Helme. An dem rechts ist oben an der Stirne eine Medaille befestigt. Laut Weibel wurde ihm bestätigt, dass es ein Original ist. Die Auszeichnung wurde Soldaten der russischen Armee dafür verliehen, dass sie den Sturm auf Berlin im Zweiten Weltkrieg überlebt hatten. (Bild: Benjamin Manser)Darunter befinden sich auch diverse Helme. An dem rechts ist oben an der Stirne eine Medaille befestigt. Laut Weibel wurde ihm bestätigt, dass es ein Original ist. Die Auszeichnung wurde Soldaten der russischen Armee dafür verliehen, dass sie den Sturm auf Berlin im Zweiten Weltkrieg überlebt hatten. (Bild: Benjamin Manser)
Das Kostüm nennt Weibel «der Mechaniker». Der Schädel gehörte ursprünglich zu einer Requisite, die Weibel für ein Schamanen-Musikvideo gebastelt hatte. (Bild: Benjamin Manser)Das Kostüm nennt Weibel «der Mechaniker». Der Schädel gehörte ursprünglich zu einer Requisite, die Weibel für ein Schamanen-Musikvideo gebastelt hatte. (Bild: Benjamin Manser)
6 Bilder

Blick in die Werkstatt von Roman Weibel

Weibel deutet auf ein Tattoo an seinem rechten Unterarm. Es zeigt einen der Sherman-Soldaten. «Das ist das letzte Design, das Eddie gezeichnet hat.» Bald schon soll im Hintergrund ein Grabstein dazukommen. Ebenfalls ein Entwurf von Eddie, der nach seinem Tod kremiert wurde. Etwas von der Asche konnte Weibel «retten», wie er sagt. Aus der Asche will er nun Tinte für den Grabstein mischen lassen.

Ein halbes Jahr lebte er im Auto

Nur Tage nach Eddies Tod landete Weibel auf der Strasse: «Mein Mitbewohner hatte Geld für Alkohol statt für die Miete ausgegeben.» Weibel gelang es so kurz nach dem Tod seines Freundes nicht, eine neue Wohnung zu suchen. Kurz zuvor hatte er sich ein neues Auto gekauft. «Als ob ich es geahnt hätte.» Sechs Monate wohnte Weibel darin. Parkierte nachts auf Raststätten und chauffierte seine Kollegen, um Geld für Benzin und Essen zu verdienen.

Das Problem: Ohne Wohnung fiel Weibel «total durchs Raster». Der St.Galler war fortan auf keiner Gemeinde gemeldet, hatte keinen Anspruch auf Sozialhilfe und damit kein Geld für eine Wohnung.

«Ein Teufelskreis.»

Schliesslich erbarmte sich eine Vermieterin und schenkte Weibel die erste Miete. Derzeit wird abgeklärt, ob Weibel IV-berechtigt ist und ob er in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden kann.

Statt tatenlos auf den Bescheid zu warten, baut er nun aus Schrott Kostüme und Requisiten. Immer wieder erhält Weibel Aufträge, doch die Arbeit erledigt er gratis. «Ich habe das Gefühl, man könne daraus Geld machen. Aber mir fehlt der Geschäftssinn.» Derzeit träumt Weibel von einer «Werkstatt für alle». Eine Halle, ausgestattet mit Material und Werkzeug, wo Leute ihre Ideen verwirklichen können. Konkrete Pläne dafür hat er aber nicht. «Seit ich obdachlos war, plane ich nicht weiter als für eine Woche.» Ein Kollege habe mal ein Sprichwort zitiert: «Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen.»

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