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Der dritte Sonntag ohne Predigt: Experiment fordert St.Galler Kirchgänger heraus

Die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Straubenzell verzichtet im Mai auf die Sonntagspredigt. Das ist für manch einen Gottesdienstbesucher eine neue Erfahrung: Statt wie gewohnt einfach dazusitzen und zuzuhören, ist auf einmal aktive Teilnahme gefragt.
Christina Weder Bruderer
«Hier wird nicht gepredigt!» Die Kanzel wird an diesem Sonntag nicht gebraucht. (Bild: Michel Canonica)

«Hier wird nicht gepredigt!» Die Kanzel wird an diesem Sonntag nicht gebraucht. (Bild: Michel Canonica)

Sonntag, kurz vor 10 Uhr: Es scherbelt vor der Kirche Bruggen. Teller und Tassen fliegen durch die Luft und zerschellen in einem Container. Es sind für einmal die Kirchgänger, die einen solchen Krach veranstalten. Getreu dem Motto «Scherben bringen Glück» stimmen sie sich auf den Familiengottesdienstes ein. Er dreht sich ums Thema Glück. Dass es kein gewöhnlicher Gottesdienst ist, wird spätestens beim Betreten der Kirche klar. Die Kanzel ist zur Seite geschoben. Eine Tafel hängt daran: «Hier wird nicht gepredigt!»

Beten, singen, taufen – nur nicht predigen

Es ist der dritte Sonntag in Folge, an dem das Seelsorgeteam der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Straubenzell aufs Predigen verzichtet. Auslöser war ein Artikel in der Zeitschrift «Bref», in dem eine junge Theologin das Ende der Predigt ausruft. Diese sei nicht mehr zeitgemäss. Nun will auch das Straubenzeller Pfarrteam zur Diskussion stellen, ob es nicht an der Zeit wäre, die Gottesdienste «dialogischer und beteiligter zu gestalten». Das probiert es im Mai aus.

Pfarrerin Regula Hermann. (Bild: Michel Canonica)

Pfarrerin Regula Hermann. (Bild: Michel Canonica)

Pfarrerin Regula Hermann steht an diesem Sonntag vor gut besuchten Rängen. Gegen hundert Gläubige sind gekommen: Familien, Ehepaare, Senioren. Ein Chor singt; ein Baby wird getauft; Kinder und Jugendliche vom Cevi führen ein Stück auf. Es wird gesungen und gebetet. Nur die Predigt fehlt. An ihrer Stelle haben die Kirchgänger die Wahl: Sie können sich über einen Bibeltext austauschen oder fünf Stationen zum Thema «Glück» besuchen.

Da bleibt kaum jemand sitzen: Die Kirchgänger verteilen sich an fünf Stationen. (Bild: Michel Canonica)

Da bleibt kaum jemand sitzen: Die Kirchgänger verteilen sich an fünf Stationen. (Bild: Michel Canonica)

Nun kommt Bewegung in die Gemeinde. Die Gottesdienstbesucher erheben sich, verteilen sich im Raum, stecken die Köpfe zusammen. Sie notieren auf kleinen Zetteln, was Glück für sie bedeutet. Oder sie stellen einen Glücks-Anstecker her, was besonders bei den Kindern gut ankommt. 15 Minuten stehen ihnen dafür zur Verfügung. Diese Zeit ist sonst für die Predigt reserviert.

Gemeindemitglieder stehen dem Experiment offen gegenüber

Was bedeutet Glück? Eine der fünf Stationen in der Kirche. (Bild: Michel Canonica)

Was bedeutet Glück? Eine der fünf Stationen in der Kirche. (Bild: Michel Canonica)

Doch was halten die Gottesdienstbesucher davon, dass die Predigt einen Monat lang ins Wasser fällt? Wie kommt das alternative Programm bei ihnen an? In Gesprächen zeigt sich, dass die meisten dem Experiment offen gegenüberstehen – zumindest für eine befristete Zeit. Ein Ehepaar, das regelmässig den Gottesdienst besucht, findet die Versuchsanlage spannend. «Mir ist die konventionelle Predigt trotzdem lieber», sagt die Frau. Die verschiedenen Stationen ermöglichten es zwar, mit anderen in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen. «Sie bringen aber auch Unruhe in die Kirche.» Dabei seien es die Ruhe, die feierliche Stimmung und die Andacht, die sie im Gottesdienst besonders schätze.

«Jetzt wird uns Unterhaltung geboten. Daran muss ich mich gewöhnen.»

Eine andere Kirchgängerin spricht von einer schönen, aber anstrengenden Erfahrung. «Ich kann nicht mehr einfach dasitzen und konsumieren, sondern muss mich entscheiden, an welcher Station ich mitmachen will», sagt sie. Zudem vermisse sie die Predigt. Die intellektuelle Auseinandersetzung gehöre für sie zum reformierten Gottesdienst dazu. «Dennoch muss nicht jeder Gottesdienst gleich sein. Man könnte gut abwechseln.»

Zwei ältere Damen, die nach dem Gottesdienst zusammen Kaffee trinken, sind sich in dieser Frage nicht einig. «Wir werden am Sonntag ganz schön herausgefordert», sagt die eine. Trotzdem könne sie dem Experiment einiges abgewinnen und sich sogar vorstellen, einmal im Monat einen Gottesdienst ohne Predigt zu besuchen. Ihre Sitznachbarin sieht das anders: «Ich sehne mich nach den alten Zeiten zurück.» Sie vermisse die Ruhe – und auch die Predigt. Wenn das so bleibe, schaue sie sich lieber einen guten Gottesdienst im Fernsehen an.

«Manche wollen einfach sitzen und zuhören»

Das Straubenzeller Seelsorgeteam hat auf einer Stellwand in der Kirche Rückmeldungen gesammelt. Pfarrerin Regula Hermann zieht ein erstes Fazit. Sie ist erstaunt, wie wenig verärgerte Stimmen eingegangen sind. Und sie ist begeistert, wie viele Gemeindemitglieder das Pfarrteam ermutigt haben, Neues auszuprobieren und das Experiment zu wagen. Es zeigte sich auch, dass die meisten nicht gänzlich auf die Predigt verzichten wollen.

«Es gibt Kirchgänger, die wollen sitzen, singen und zuhören, aber nicht selber aktiv werden.»

Nächsten Sonntag steht der vierte Gottesdienst ohne Predigt an. Danach werden die Straubenzeller wieder zum Predigen zurückkehren. Doch damit soll das Experiment nicht einfach zu den Akten gelegt werden. Am Montag, 24. Juni, ist um 19.30 Uhr eine öffentliche Veranstaltung zum Thema geplant. Pfarrerin Hermann könnte sich zudem gut vorstellen, künftig einzelne Gottesdienste ohne Predigt abzuhalten. «Das wird ein Label sein», sagt sie. Ein Ziel hat das Pfarrteam bereits erreicht. Es hat in der Gemeinde eine Diskussion in Gang gesetzt.

Kirchgänger stellen einen Anstecker her: Das kommt besonders bei den Kindern gut an. (Bild: Michel Canonica)

Kirchgänger stellen einen Anstecker her: Das kommt besonders bei den Kindern gut an. (Bild: Michel Canonica)

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