Der Bund erlässt wegen des Corona-Virus neue Massnahmen: Das sind die Folgen für die Stadt St.Gallen und ihre Umgebung

Die verschärften Massnahmen gegen das Corona-Virus treffen grosse Teile der Bevölkerung in der Stadt und Region St.Gallen hart.

Sandro Büchler, Michel Burtscher, Sheila Eggmann, Elisabeth Fitze, Fabio Fornito, David Gadze, Diana Hagmann-Bula, Marlen Hämmerli, Dinah Hauser, Melissa Müller,
Reto Voneschen, Johannes Wey, Daniel Wirth und Perrine Woodtli
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Die 6500 Schulkinder der Stadt haben nun insgesamt fünf Wochen schulfrei.

Die 6500 Schulkinder der Stadt haben nun insgesamt fünf Wochen schulfrei.

Bild: Hanspeter Schiess (23. Oktober 2018)

Der Unterricht an den Schulen fällt ab sofort bis zum Ende der Frühlingsferien aus. Der Kulturbetrieb wird heruntergefahren, weil Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen untersagt sind oder eine Ausnahmebewilligung des Kantons brauchen. Restaurants, Bars und Diskotheken dürfen ab sofort nicht mehr als 50 Gäste gleichzeitig einlassen. Betroffen sind aber auch zahlreiche Freizeitbetriebe und Sportzentren, die Landeskirche und der öffentliche Verkehr.

Schule

Schluss mit Schule: Bis zum 4. April findet in der Stadt kein Unterricht statt.

Schluss mit Schule: Bis zum 4. April findet in der Stadt kein Unterricht statt.

Bild: Gaetan Bally / KEYSTONE

In den über 70 Kindergärten, 14 Primarschulen, drei Oberstufenzentren, den beiden Kantonsschulen und an den Musikschulen in der Stadt werden ab sofort bis 4. April keine Kinder und Jugendlichen unterrichtet. Weil danach zwei Wochen Frühlingsferien sind, haben die 6'500 Schülerinnen und Schüler insgesamt fünf Wochen schulfrei. Von dieser Massnahme sind auch mehr als 1000 Lehrerinnen und Lehrer alleine in der Stadt St.Gallen betroffen. Stadtrat Markus Buschor, Vorsteher der Direktion Bildung und Sport, sagt, die Vorschriften des Bundesrats und die Empfehlungen des Kantons würden umgesetzt aus Solidarität mit den Menschen, die vom Corona-Virus stark gefährdet seien.

Kinderbetreuung

Eltern sollen eine Betreuung für ihre Kinder und Jugendliche nach Möglichkeit selber sicherstellen.

Eltern sollen eine Betreuung für ihre Kinder und Jugendliche nach Möglichkeit selber sicherstellen.

Bild: Hanspeter Schiess (23. Oktober 2018)

Die ordentliche ausserfamiliäre Tagesbetreuung an den städtischen Schulen wird eingestellt. Die Stadt bittet Eltern, die Betreuung ihrer Kinder und Jugendlichen selber sicherzustellen. Kinder und Jugendliche sollen jedoch nicht von Personen über 65 Jahren betreut werden, wie es in einer Mitteilung heisst. Wer keine Betreuungslösung finde, könne seine Kinder übermorgen zur üblichen Zeit an den gewohnten Ort (Schule oder Tagesbetreuungsstandort) schicken. Die Kinder und Jugendlichen werden im Sinne einer Notmassnahme vor Ort betreut. Sobald es weitere Informationen gibt, finden sich diese im Internet unter www.stadtsg.ch/schulschliessung.

Auch Gaiserwald bietet eine familienergänzende Tagesstruktur an. Am Freitag trommelte Schulpräsident Jürg Seitter alle Schulleiter zur Krisensitzung zusammen. Das Ergebnis: Die Gemeinde bietet bis auf weiteres von Montag bis Freitag eine Betreuung von jeweils 8 bis 11.50 Uhr an. Die Tagesstruktur mit dem Mittagstisch bleibt zu.

Kirche

Ein leerer Weihwasserbehälter in der Kathedrale.

Ein leerer Weihwasserbehälter in der Kathedrale.

Bild: Benjamin Manser (9. März 2020)

Die Gottesdienste und Heiligen Messen in den Kirchen der Stadt finden wie angekündigt statt. Eine Ausnahme ist die Kathedrale. Wie das dort gehandhabt wird, klärt das Bistum St. Gallen ab, liess es verlauten.

Die Cityseelsorge lanciert die Aktion «Gegen die Angst, für die Hoffnung». An den kommenden vier Dienstagen jeweils von 11 bis 17 Uhr besteht vor der Kathedrale die Möglichkeit, Ängste und Hoffnungen in Zusammenhang mit dem Corona-Virus mit Kreide niederzuschreiben, wie Matthias Wenk von der Cityseelsorge gestern mitteilte.

Gastronomie

Licht aus in der «Südbar»? Für 50 Personen lohne es sich nicht, einen DJ zu buchen, sagt Katrin Rutz.

Licht aus in der «Südbar»? Für 50 Personen lohne es sich nicht, einen DJ zu buchen, sagt Katrin Rutz.

Bild: Hanspeter Schiess (10. Oktober 2019)

Das «Brauwerk» beim Bahnhofpärkli agierte gestern nach 17.30 Uhr so: Die Gäste mussten draussen bleiben oder warten, bis ein Platz frei wurde. Normalerweise kommt sehr viel Laufkundschaft zum Feierabendbier. Gestern war das nicht möglich. «Uns treffen die Massnahmen sehr hart», sagt Geschäftsführer Joël Hardegger. Doch seien 50 Plätze besser, als das Restaurant ganz zu schliessen. Neu gebe es ganztags eine kleine warme Karte, damit die Gäste gestaffelt essen könnten.

Auch Katrin Rutz von der «Südbar» ist in Sorge: «Es lohnt sich nicht, für unter 50 Leute einen DJ zu buchen.» Die Bar bleibe aber trotzdem weiterhin geöffnet: «Wir möchten für die Gäste da sein.» Bisher habe sie noch keine Reservationen absagen müssen, doch einige Gruppen hätten bereits von sich aus storniert.

«Die Leute haben Angst und stornieren von sich aus», sagt Damaso Estevez vom spanischen Lokal Hogar Español. Ein Problem sehe er darin, dass er noch nicht genau wisse, wie die Massnahmen des Bundesrats umgesetzt werden müssten. Etwa, ob die 50 Personen pro Raum oder pro Restaurant zählen.

Auch für das «Netts» an der St.-Jakob-Strasse sind die neuen Regeln einschneidend. Das Restaurant hat normalerweise Platz für 220 Personen. «Wir wollen aber auch für 50 Personen offenbleiben», sagt Oliver Nett. Er habe bereits viele Absagen von Gästen erhalten. «Und ich rechne damit, dass es noch mehr werden.» Doch Nett bleibt trotz Corona-Krise zuversichtlich. «Das stehen wir zusammen durch», sagt er.

Die Migros Ostschweiz wird ihre Restaurants unter Einhaltung der behördlichen Vorgaben öffnen. Diese Regelung gelte ab heute Samstag, heisst es.

Im «BBC» in Gossau hat man sich am Freitagnachmittag schnell mit den neuen Begebenheiten arrangieren müssen. «Wir haben sowieso einen Sicherheitsdienst an der Tür. Der zählt nun, dass nicht mehr als 50 Gäste eintreten», sagt Sprecherin Rita Bolt. Das übrige Personal werde heruntergeschraubt. Zu Spitzenzeiten drängen sich sonst bis zu 450 Gäste im Lokal. Das «BBC» angesichts der strengen Auflagen gar nicht zu öffnen, sei aber derzeit kein Thema: «Man kann nicht einfach schliessen», sagt Bolt. Ob die Party zum St. Patrick’s Day am kommenden Dienstag stattfinde, sei noch nicht klar. Ohnehin hält Bolt fest, dass alle ihre Aussagen nur für den Moment Gültigkeit haben.

Das «Werk 1» soll in den nächsten Wochen mittags und abends geöffnet bleiben, wie Verwaltungsrat David Grass sagt. Die Öffnungszeiten wurden vorübergehend leicht angepasst und Veranstaltungen reduziert. Nun werden im Restaurantteil auch Tische verschoben, um den Abstand zwischen den Gästen zu gewährleisten und die Obergrenze von 50 Personen einhalten zu können. «Es kann sein, dass wir einige Gäste auf einen anderen Tag vertrösten müssen», sagt Grass. Kurzarbeit hat das «Werk 1» bisher nicht beantragt. «Wir beobachten die Situation und planen unsere Mitarbeiter auf die reduzierte Gästezahl ein.» Wichtig sei es nun, flexibel zu bleiben, um auf allfällige zusätzlich verordnete Massnahmen und Umstände rasch zu reagieren.

Kultur

So bald bildet sich vor dem Palace keine Schlange mehr.

So bald bildet sich vor dem Palace keine Schlange mehr.

Bild: Nik Roth (7. Mörz 2020)

Das Team des Palace hat in einer Krisensitzung entschieden, alle Veranstaltungen bis Ende April nicht durchzuführen. Co-Programmleiter Fabian Mösch sagt: «Konzerte versuchen wir, in den Herbst zu verschieben.» Aber das Team prüft auch alternative Formen von Anlässen mit unter 50 Teilnehmern. «Wir wehren uns gegen den kompletten sozialen Stillstand. Das Leben in den nächsten sechs Wochen soll nicht nur aus Hamsterkäufen und Netflix bestehen», sagt Mösch.

Auch die Grabenhalle sagt die beiden für das Wochenende geplanten Veranstaltungen ab. «Wir werden am Montag das weitere Vorgehen entscheiden», sagt Bastian Lehner. In der Betriebsgruppe prüfe man, ob allenfalls einzelne kleinere Konzerte oder Theaterstücke stattfinden könnten, wenn die Kapazitäten heruntergesetzt würden. «Aber wir müssen auf jeden Fall viel absagen, wahrscheinlich sogar alles.» Finanziell gesehen sei die eineinhalbmonatige Einstellung des Betriebs extrem schwierig. «Wir kommen ans Limit», sagt Bastian Lehner zur Lage.

Die Kellerbühne bleibt weiterhin geöffnet, alle Vorstellungen finden bis auf weiteres statt. Matthias Peter: «Wir spielen, solange es uns der Kanton erlaubt. Wir sind da auch in der Pflicht gegenüber den Künstlern.» Der Betrieb wird also aufrechterhalten, allerdings mit reduzierter Platzzahl. Maximal 90 Personen werden pro Vorstellung zugelassen. Die Sitzpläne wurden angepasst. Der Zuschauerraum wird nicht verkleinert, deshalb können die Besucher laut Peter die empfohlenen Abstandsregeln einhalten.

Im Figurentheater retten sich trotz Pandemiealarm heute und morgen drei Pinguine – nicht vor Corona, sondern vor der Sintflut. «Wir führen das Stück ‹An der Arche um acht› an diesem Wochenende auf, lassen aber nur noch 75 Personen ein», sagt Vorstandsmitglied Anja Weiss-Gehrer. Pro Vorstellung dürfe momentan nur die Hälfte der feuerpolizeilich bewilligten 150 Sitzplätze belegt sein.

Das Kinder-Musical-Theater Storchen hat die beiden Vorstellungen von diesem Wochenende abgesagt. Man hätte sie zwar mit weniger als 100 Personen durchführen können, aber momentan müssten sich alle Beteiligten, also auch Eltern und Kinder, zuerst sammeln, sagt Bettina Kaegi vom Vorstand. Zudem gebe es verschiedene offene Fragen, etwa die Einhaltung des Mindestabstands am Kiosk oder hinter der Bühne, wo die Kinder sehr nahe beieinander seien. Man wolle nächste Woche entscheiden, wie der Betrieb allenfalls fortgeführt werden könnte.

Öffentliche Verkehr

Die Verkehrsbetriebe sperren die ersten beiden Sitzreihen bei der Fahrerkabine ab.

Die Verkehrsbetriebe sperren die ersten beiden Sitzreihen bei der Fahrerkabine ab.

Bild: Hanspeter Schiess (24. Mai 2018)

Auch im ÖV gelten besondere Massnahmen. Die Verkehrsbetriebe St.Gallen (VBSG) setzen verschiedene Beschlüsse um, welche die ÖV-Betriebe mit Postauto – dem sogenannten Systemführer, der vom Bundesamt für Verkehr in ausserordentlichen Situationen eingesetzt wird – vereinbart haben.

So werden gemäss VBSG-Unternehmensleiter Ralf Eigenmann die ersten beiden Sitzreihen bei der Fahrerkabine mit einem Band abgesperrt. Die vorderste Türe bleibt geschlossen. Dort dürften ausschliesslich sehbehinderte Personen ein- und aussteigen. Ausserdem öffnet das Fahrpersonal an jeder Haltestelle sämtliche Türen (bis auf die vorderste) automatisch. Möglicherweise komme es dadurch zu kleineren Verspätungen, da im Fahrplan zwischen den Endhaltestellen nicht an jeder Haltestelle ein Stopp einkalkuliert sei. Fahrplanausdünnungen seien jedoch nicht vorgesehen – oder nur für den Fall, dass zu wenig Fahrpersonal verfügbar sein sollte. «Wir gehen davon aus, dass sich die Leute besser verteilen, je mehr Busse fahren», sagt Eigenmann.

Die VBSG hätten bereits einen Frequenzrückgang registriert, beziffern lasse sich dieser allerdings nicht. Eine Angebotsreduktion aus wirtschaftlichen Gründen müsse von den Bestellern beschlossen werden.

Um die Ansteckungsgefahr zu verringern, reinigen die VBSG die Busse nachts im Depot intensiver als bisher. Neu verwenden sie ein desinfizierendes Reinigungsmittel und putzen sämtliche Haltestangen.

Genau gleich reagiert Regiobus auf die Ausbreitung des Corona-Virus. Man habe bereits bisher mit einer «Abstandskampagne» das Fahrpersonal zu schützen versucht, sagt Leiter Bruno Huber. «Wir treiben bereits die Planungen voran für den Fall, dass mehrere Chauffeure erkranken sollten.»

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