Der älteste Gossauer feiert seinen
104. Geburtstag und sagt: «Man darf sich einfach nicht so gehen lassen»

Lidio De Martin wird heute 104 Jahre alt. Mit über 100 Jahren ist er in guter Gesellschaft.

Sheila Eggmann und Elisabeth Fitze
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Lidio De Martin ist der älteste Gossauer. Er interessiert sich noch immer für Sport und Politik: In der Küche hängen neben Bildern von der Familie auch solche von Michael Schumacher oder der Bundesrätin Viola Amherd.

Lidio De Martin ist der älteste Gossauer. Er interessiert sich noch immer für Sport und Politik: In der Küche hängen neben Bildern von der Familie auch solche von Michael Schumacher oder der Bundesrätin Viola Amherd.

Bild: Ralph Ribi

Lidio De Martin hält sich an seinem Rollator fest und lacht. Dazu hat er allen Grund: Der Gossauer feiert heute seinen 104. Geburtstag. Damit ist er die älteste Person in der Stadt. Wie er dieses hohe Alter erreicht hat, kann er sich selbst nicht genau erklären. «Man darf sich einfach nicht so gehen lassen», sagt er. «Ich esse nicht viel.» Sein Lebensmotto?

«Immer früh aufstehen und zäh sein.»

Verhilft das wirklich zu einem längeren Leben?

Sabina Misoch leitet das Institut für Altersforschung an der Fachhochschule St.Gallen. «Beim Alterungsprozess sind nur 25 Prozent genetisch bedingt, 75 sind hingegen vom Lifestyle und von Krankheiten abhängig», sagt sie. Ein Alter von über 100 Jahren zu erreichen, wird von Jahr zu Jahr wahrscheinlicher. 2010 lebten im Kanton St.Gallen noch 62 Personen, die über 100 Jahre alt waren. Acht Jahre später waren es bereits 83. Dass wir älter werden, bedeutet jedoch nicht, dass wir länger pflegebedürftig sind.

Sabina Misoch.

Sabina Misoch.

Bild: Hanspeter Schiess

«Es ist schön, zu sehen, dass wir statistisch vor allem an gesunden Jahren gewinnen», sagt Misoch. Ihre Tipps für ein langes, gesundes Leben sind nicht überraschend: Sie rät zu gesunder Ernährung, täglicher, moderater Bewegung und zum Verzicht auf Alkohol und andere Drogen.

«Ich habe einfach immer viel gearbeitet»

Lidio De Martin hingegen schwört auf eine Beschäftigung. «Ich habe einfach immer viel gearbeitet», sagt er. Für Sport und Kirchenbesuche habe er keine Zeit gehabt. Die habe er sich dafür für seine Frau und die zwei Kinder genommen. De Martin war 36 Jahre lang Gummibandweber in der Goldzackhalle. Auch nach der Pensionierung setzte er sich nicht zur Ruhe, sondern suchte sich eine neue Beschäftigung. In der Spedition einer Gossauer Firma blieb er, bis er 75 Jahre alt war. Bis 95 war er Hauswart im Einfamilienhaus, in dem er gelebt hat und dort hat er auch den Garten gepflegt. Bis vor kurzer Zeit wohnte er noch in seinem eigenen Haus, dann ist er ins Casa Solaris gezogen. «Hier ist es schon schön, aber man ist halt nicht mehr frei», sagt er.

In der Schweiz bleiben immer mehr Senioren so lange wie möglich zu Hause. «Das bedeutet aber leider auch, dass sich immer mehr ältere Personen isolieren», sagt Misoch. Altersheime würden eigentlich dagegen helfen. «Das Problem ist, dass immer weniger tatsächlich ins Altersheim gehen, oder erst sehr spät dazu bereit sind.»

Man bleibt länger in den eigenen vier Wänden

Das bestätigt auch Oliver Hofmann, Geschäftsführer des Casa Solaris: «Der Eintritt in eine Pflegeeinrichtung erfolgt immer später.» Er zählt einige Gründe auf, weshalb Personen länger in den eigenen vier Wänden bleiben können. Die ausgebauten ambulanten Dienstleistungen zu Hause, beispielsweise von der Spitex oder der Pro Senectute, sind einer davon. Auch die bessere und einfachere Kommunikation mit Angehörigen und Bezugspersonen oder auch Einkaufsmöglichkeiten über das Internet würden dazu beitragen.

Der Vater von Lidio De Martin habe immer gesagt:

«Alt zu werden ist grausam.»

Er hingegen sieht noch immer gute Seiten am Leben. «Schön ist, wenn ich etwas lesen kann», sagt er. Und wenn die «jungen Blauen», das sind die Pflegerinnen, ihm etwas basteln, gefällt ihm das. «Etwa bei meinem letzten Geburtstag, da habe ich ein Poster mit Fotos bekommen.»

Wenn man mit De Martin über den Tod spricht, lacht er. «Angst davor haben am meisten die Religiösen», sagt er. «Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Wenn es so weitergeht mit dem Altern, dann gibt es nur noch mehr Probleme.»