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«Der 1. August ist ein Kind unseres modernen Rechtstaates»: Karin Keller-Sutter spricht in Rorschach

Die Bundestagsfeier auf der Arionwiese in Rorschach lockte rund 3500 Besucher an. Der Grund: Die Rede hielt Bundesrätin Karin Keller-Sutter.
Ines Biedenkapp
Karin Keller-Sutter erhielt für ihre Rede ein persönliches Geschenk von Rorschachs Stadtpräsident Thomas Müller: eine Kopie seines Wahlscheins vom Dezember 2018. (Bild: Ralph Ribi)

Karin Keller-Sutter erhielt für ihre Rede ein persönliches Geschenk von Rorschachs Stadtpräsident Thomas Müller: eine Kopie seines Wahlscheins vom Dezember 2018. (Bild: Ralph Ribi)

Das Festzelt ist schnell gefüllt. Einen freien Platz sucht man vergebens. Rund 3500 Gäste sind gekommen. «Rorschachs Stadtpräsident, Herr Müller, ist sehr effizient», beginnt Karin Keller-Sutter ihre Rede mit einem Lächeln. «Er fragte mich bereits vor der Wahl zur Bundesrätin als Festrednerin an.» Die Leute nicken vergnügt, als die Justizministerin die Ein- und wieder Ausladung des vergangenen Jahres ansprach. Denn Bundesrat Ignazio Cassis sagte Rorschachs Stadtpräsident zwar zu, sein Sekretariat jedoch ab. Daher fragte er Karin Keller-Sutter an, die er später wieder ausladen musste.

Während die Besucherinnen und Besucher ihre Handys zücken, beginnt die Justizministerin davon, wie sie anfangs Juli die traditionelle zweitägige Reise vom Bundesrat durchführten, die im Volksmund auch gerne «Schuelreisli» genannt wird.

«Und diese Bezeichnung ist vielleicht gar nicht so falsch», führt sie aus.

«Denn wie auf jeder Schulreise habe ich auch dieses Mal wieder etwas gelernt.» So sei für sie besonders der Besuch im Bundesbriefarchiv eindrücklich gewesen.

Der 1. August ist ein Kind der Moderne

Der Besuch hätte ihr einmal mehr die Bedeutung des 1. Augusts und der heutigen Feierlichkeiten aufgezeigt. Damit erinnert sie an den Bundesbrief von 1291 und den Rütlischwur. «Einige würden behaupten, der Schwur und die Urkunde seien nur ein Mythos» sagt die Justizministerin.

«Andere wiederum sehen in diesem den Ursprung der Schweiz.»

Politische Bedeutung erlangte der Brief allerdings erst im Jahre 1889, als der damalige Bundesrat den Brief offiziell zur Gründungsurkunde der Schweiz erklärte und an der Bundesversammlung eine Feier zum 600-jährigen Bestehen der Eidgenossenschaft beantragte.

Doch nicht immer war es in der Schweiz so friedlich. Die Entstehungsgeschichte sei durch «Kampf und Widerstreit» geprägt worden. Etwa im Jahr 1874, als es um die erste Revision der Bundesverfassung ging. Als sich die katholische-konservativen Kantone und die liberalen Kräften frontal gegenüberstanden. Denn die Einigkeit aller Schweizer «In der Liebe zu dem freien Vaterland» war auch am Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht ganz gefestigt. «So diente die erste Bundesfeier am 1. August 1891 dazu, die gemeinsame nationale Identität als Schweizer Volk zu stärken», sagt Karin Keller-Sutter. Damit sei der 1. August keine historische Zwangsläufigkeit, sondern «ist ein Kind unseres modernen Bundesstaates».

Bundesbrief schafft Identifikation

Mit ihrer historischen Einleitung will die Bundesrätin unterstreichen, dass der Bundesstaat ohne die gemeinsame Identifikation aufgrund des Bundesbrief von 1291 nicht derart hätte stabilisiert werden können. «Denn der 1. August steht letztlich für den Willen, die konservativen und die liberalen Kräfte in unserem Land zu versöhnen.» Während viele Besucher am Rand des Festzelts standen, um einen Blick auf Karin Keller-Sutter zu erhaschen, wandte diese sich in ihrer Rede der heutigen Zeit zu. «Der Schweiz geht es gut», sagt sie.

«Natürlich hat jeder und jede von uns im Alltag auch seine Sorgen, Nöte und Ängste.»

Bundesrätin Karin Keller-Sutter während ihrer Rede. (Bild: Ralph Ribi)

Bundesrätin Karin Keller-Sutter während ihrer Rede. (Bild: Ralph Ribi)

Aber der manchmal harte und zunehmend polarisierte politische Diskurs täusche oft darüber hinweg, wie gut es der Schweiz gehe. Dabei habe man ein gemeinsames Ziel: Den Erhalt der Errungenschaften und Stärken der Schweiz.

Aufeinander zugehen um Lösung zu finden

«Kaum jemand tritt für weniger Sicherheit oder weniger Wohlstand ein», führt sie aus. Wie man dieses Ziel jedoch erreiche, oder zu welchem Preis, darüber würde viel gestritten. «Für eine Auseinandersetzung führt aber nur dann zu guten Lösungen, wenn man sie ohne ideologische Scheuklappen führt», sagt Keller-Sutter.

«Diese Fähigkeit und der Wille, einander zuzuhören und aufeinander Rücksicht zu nehmen, hat die Schweiz stark gemacht.»

Zudem sei die Welt immer im Wandel. Als Beispiel spricht sie Rorschach an, dass anfang des 20. Jahrhunderts durch das Stickereiunternehmen des deutschen Max Schoenfeld innerhalb von zehn Jahren von 9000 auf 13'000 Einwohner anstieg, in den 70er Jahren jedoch unter 9000 zurückfiel. «Aber die Stadt ist daran, sich wieder aufzufangen, seit einigen Jahern steigt die Einwohnerzahl wieder – und der Steuerfuss, das ist besonders erfreulich, sinkt.» Von den Zuhörern ist Gemurmel zu hören.

Eine starke EU von Interesse

Auch spricht sie die Digitalisierung an, die als Chance gesehen werden könne aber auch zu zunehmenden Verflechtungen der Welt führe. «Das führt zu einem internationalen Anpassungsdruck, der nicht immer zu Gunsten der Schweiz ist», sagt sie. Damit wandte sie sich dem Thema der EU zu. Einige würden in der EU ein Feindbild sehen.

«Die Schweiz hat jedoch kein Interesse an einem schwachen Europa – obwohl mich die Machtpolitik der EU gegenüber der Schweiz auch ärgert», sagt die Justizministerin.

Doch die EU sei mit Abstand der wichtigste Handelspartner der Schweiz. Man käme aber nur zu keiner Lösung, wenn man nicht bereit wäre, einen Schritt aufeinander zuzugehen, sagt sie weiter. So schliesst sie ihre Rede mit dem Lied von Mani Matter, dessen Lied «Ir Ysebahn» - «In der Eisenbahn» nach einem Disput der Fahrgäste in Rorschach endet, was bei den Zuhörern mit lautem Klatschen und Lachen quittiert wird.

Für die Rede und ihre Sportlichkeit von vergangenem Jahr bedankt sich Stadtpräsident Thomas Müller neben einer Tasche von Akris mit einem ganz persönlichem Geschenk: seinem kopierten Wahlzettel vom 5. Dezember 2018. «Liebe Karin, ich war mir sicher, du wirst gewählt.»

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