Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Traurig und stolz zugleich: Der ehemalige Stadtrat Fredy Brunner blickt auf das Geothermie-Projekt zurück

Vor fünf Jahren wurde mit einem Erdbeben der Anfang vom Ende der Stadtsanktgaller Geothermie-Träume eingeläutet. Fredy Brunner, der damals verantwortliche Stadtrat und «Motor» des Vorhabens, steht bis heute zum Entscheid, die Übung abzubrechen.
Reto Voneschen
Stadtrat Fredy Brunner und Projektleiter Marco Huwiler zeigen Trümmerstücke aus dem Bohrloch. (Bild: Urs Jaudas, 27. September 2013)

Stadtrat Fredy Brunner und Projektleiter Marco Huwiler zeigen Trümmerstücke aus dem Bohrloch. (Bild: Urs Jaudas, 27. September 2013)

Am Samstag, 20. Juli 2013, 5.30 Uhr, wurden Stadt und Region St. Gallen von einem Erdstoss geschüttelt (siehe «Tagblatt» von gestern). Im Untergrund des Sittertobels, in dem der Bohrturm fürs Geothermieprojekt stand, hatte sich eine unter Spannung stehende Gesteinsschicht bewegt. Ursache dafür waren Massnahmen gewesen, die man auf dem Geothermie-Bohrplatz am Vortag ergriffen hatte, um einen unkontrollierten Gasausbruch zu verhindern. Dafür war Wasser und zähflüssige Bohrflüssigkeit ins Bohrloch gepresst worden.

Das Gemisch hatte auf eine unter Spannung stehende Gesteinsschicht wie ein Schmiermittel gewirkt. An der Oberfläche wurde ein Erdstoss mit einer Stärke von 3,6 auf der Richter-Skala gemessen. Obwohl das einem sehr schwachen Erdbeben entspricht, hatte es weitreichende Folgen fürs Geothermie-Pionierprojekt. Nach Abklärungen und Tests wurde es 2015 eingestellt.

Verantwortliche machten sich Entscheid nicht leicht

Fünf Jahre nach dem Erdbeben steht Fredy Brunner immer noch zum Entscheid, das Geothermieprojekt abzubrechen. Man habe nichts im Affekt oder voreilig beschlossen. Man habe sich im Gegenteil Zeit für die nötigen Abklärungen gelassen und diese seriös vorgenommen. Brunner selber blieb zwei Jahre länger als ursprünglich geplant Amt. Er wollte das Geothermie-Pionierprojekt zu Ende führen und die undankbare Aufgabe nicht einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger überlassen müssen.

Viele St. Gallerinnen und St. Galler seien damals über den Projektabbruch enttäuscht gewesen. Er werde bis heute immer wieder darauf angesprochen, wieso man nicht weitergemacht habe, ob der Entscheid nicht ängstlich gewesen sei, erzählt Fredy Brunner fünf Jahre danach. Das liege vielleicht daran, dass die detaillierte Erklärung für den Abbruch im politischen Folgestreit um die Nutzung des unter dem Sittertobel festgestellten Erdgases untergegangen sei.

Erhöhtes Risiko für seismische Aktivitäten

Das Erdbeben vom 20. Juli 2013 habe die Risikobeurteilung bezüglich des Untergrunds im Sittertobel verändert, erklärt Fredy Brunner im Gespräch die Überlegungen, die nach dem Erdbeben angestellt werden mussten. In 4450 Metern Tiefe unter dem Sittertobel habe man keinen stabilen und ruhigen Untergrund, es gebe da vielmehr bei Eingriffen ein erhöhtes Risiko für seismische Aktivitäten.

Das Erdbebenrisiko sei denn auch einer der Gründe für den Abbruch des Projekts gewesen, sagt Fredy Brunner. Für die Umsetzung des ursprünglichen Konzepts wäre eine zweite Bohrung nötig gewesen. Die Idee war, heisses Wasser aus einem Bohrloch an die Oberfläche zu holen, es durch einen Wärmetauscher zu leiten und abgekühlt durchs zweite Bohrloch zurück in den Untergrund zu schicken. Das erschien nach der Reaktion des Untergrunds auf die Massnahmen vom 19. Juli 2013 gegen den unkontrollierten Gasausbruch als ein zu grosses Risiko.

Ein zweiter, mindestens so wichtiger Grund für die Einstellung des Geothermie-Vorhabens war, dass im Untergrund zwar Wasser gefunden wurde, aber zu wenig und zu wenig heisses, um ein Geothermie-Kraftwerk zu betreiben. Letztlich habe die Gefahr bestanden, dass mit zu wenig Wärme, einem aufwendigen Betrieb mit nur einem Bohrloch, in dem Erdgas nach oben steigt, das Projekt nicht mehr hätte wirtschaftlich betrieben werden können. Das finanzielle Risiko des Projekts wäre zu hoch geworden.

Es habe den Verantwortlichen beim Entscheid, das Projekt abzubrechen, nicht an Mut gefehlt, hält Fredy Brunner im Gespräch fest. Das Risiko sei unter dem Strich einfach zu hoch gewesen. Alle Verantwortlichen waren beeindruckt davon, wie gross das Vertrauen der Bevölkerung ihnen gegenüber war. Und dieses Vertrauen wollte man nicht missbrauchen. Es habe gute Gründe für die Einstellung des Projekts gegeben. Die damalige Lagebeurteilung sei aus seiner Sicht bis heute gültig, sagt Fredy Brunner.

Viel Schwung in die Energiepolitik getragen

Was bleibt fünf Jahre nach dem Erdbeben vom Geothermieprojekt übrig? Fredy Brunner nennt an erster Stelle das «Energiekonzept 2050» der Stadt St. Gallen. Es habe Schwung in die Energiepolitik gebracht. Und die grundsätzliche Stossrichtung sei bis heute richtig.

Das Geothermieprojekt sei Bestandteil des Energiekonzepts und eine Folge des Entscheids gewesen, aus der Atomenergie aussteigen zu wollen. Dafür sei der Weiterausbau der Fernwärme, wie er jetzt an die Hand genommen werde, zwingend nötig. Auch wenn es mit Wegfall der Wärme aus der Geothermie natürlich Anpassungen am Konzept brauche.

In seiner persönlichen Bilanz blickt Fredy Brunner traurig und stolz zugleich auf das Pionierprojekt der Geothermie. Die Politik sei bereit gewesen, etwas zu wagen. Und die Bevölkerung sei ihr dabei gefolgt. Obwohl das Happy End fehle, habe man doch ein gutes Projekt aufgegleist, das auch einen guten Verlauf genommen habe. Dies, weil alle am gleichen Strick gezogen hätten. Zwischen 2008 und 2015, also in relativ kurzer Zeit, sei viel auf die Beine gestellt und erreicht worden.

Ein Beispiel für andere Zukunftsprojekte

Die Geschichte des Energiekonzepts und der Geothermie zeige, was man bewegen könne, wenn es einem gelinge, alle «ins gleiche Boot» zu holen. Diesbezüglich würde sich Fredy Brunner wünschen, dass dieses Kapitel der Energiepolitik ein Beispiel für andere Zukunftsprojekte in der Stadt St. Gallen sein könnte. Es sei Aufgabe der Politik, bei solchen Aufgaben den Funken der Begeisterung zu entzünden. Dass das immer noch möglich sei, wisse man spätestens seit dem Geothermieprojekt.

Solche Zukunftsprojekte wären für Fredy Brunner etwa die Stadtentwicklung, die Kulturdiskussionen und die Verkehrsentwicklung. Beim ÖV stosse das System, bei dem fast alle Bus- und Postautolinien im Stadtzentrum endeten, aufgrund fehlender Kapazitäten an Grenzen. Fredy Brunner ist überzeugt, dass es Umsteigepunkte für Bus- und Postautopassagiere im Osten und Westen der Stadt braucht, die mit einem leistungsfähigen Verkehrsmittel verbunden sind: einem Tram auf eigenem Trassee.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.