Gastkommentar

Ist der Autobahnanschluss Plus dringend nötig oder unverantwortlich? Gegner und Befürworter beziehen Stellung

Mit ihren Argumenten wollen Raphael Frei (FDP, IG Mobil) und Felix Gemperle (SP, Verein «Kein 3. Autobahnanschluss») die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger überzeugen. In drei Wochen entscheiden sie an der Urne.

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Dank einem dritten Autobahnanschluss und einer Kantonsstrasse zum See soll die Region Rorschach besser erschlossen werden. (Bild: PD)

Dank einem dritten Autobahnanschluss und einer Kantonsstrasse zum See soll die Region Rorschach besser erschlossen werden. (Bild: PD)

Am 17. November stimmen die Stimmbürger von Goldach und Rorschach über den Autobahnanschluss Plus ab. Vom 315 Millionen Franken teuren Projekt hätten die Gemeinden nur einen Bruchteil zu zahlen. Die Meinungen über Sinn und Unsinn dieses Grossprojekts gehen auseinander. Zwei Vertreter der Pro- und Kontraseite wollen mit ihren Argumenten überzeugen.

PRO: Den Anschluss nicht verpassen

Raphael Frei ist Präsident der IG Mobil und setzt sich für das Projekt Autobahnanschluss Plus ein. Er ist Kantonsrat und FDP-Parteipräsident. (Bild: PD)

Raphael Frei ist Präsident der IG Mobil und setzt sich für das Projekt Autobahnanschluss Plus ein. Er ist Kantonsrat und FDP-Parteipräsident. (Bild: PD)

Goldach, Rorschach und Rorschacherberg sollen sich positiv entwickeln können. Eine zeitgemässe Verkehrsinfrastruktur mit Schiene und Strasse ist ein wichtiger Faktor der Standortqualität. Der eigene Autobahnanschluss mit der Kantonsstrasse zum See bildet das Rückgrat eines regionalen Verkehrskonzeptes und ist die Basis für eine positive Zukunft unserer Region. Die Fakten sprechen für sich.

Es werden nicht Millionen verlocht, sondern sinnvoll als Teil einer gesamten neuen Verkehrslösung investiert. Fakt ist zudem: Das Projekt wird zu rund 95 Prozent von Bund und Kanton über Strassenfonds finanziert, welche die Autofahrer über leistungsabhängige Steuern/Abgaben füllen. Wird das Geld nicht bei uns ausgegeben, werden damit an anderen Orten in der Schweiz Strassen gebaut – wir gehen einmal mehr leer aus. Wir erhalten mit dem Projekt eine Top-Infrastruktur für ganz wenig Steuergeld aus unserer Region.

«Es werden deutlich mehr Wohngebiete entlastet als Kulturland verbraucht.»

Die Gegner argumentieren, dass schönste Bauparzellen mit Seesicht vernichtet würden. Durch die neue Verkehrsführung werden aber weit über 1000 Personen entlastet, die heute mitten im Siedlungsgebiet an stark befahrenen Strassen wohnen. Natürlich ist es verständlich, wenn sich 100 direkt betroffene Personen wehren – einfach nicht mit dem Argument Heimat- und Umweltschutz.

Auch mit Elektroautos bleibt der Stau

Unterführungen alleine reichen lange nicht, um die Verkehrsprobleme zu lösen. Fakt ist: Die St. Gallerstrasse zwischen Waldeggkreisel, Knoten Bruggmühle und Kronenkreisel ist bereits heute überlastet. Mit dem in Zukunft von Verkehrsexperten prognostizierten Verkehrswachstum auf der Strasse (auch mit Elektroautos) wird das System inkl. dem öffentlichen Verkehr mit Postauto und Seebus absehbar kollabieren.

Seit Jahrzehnten diskutiert die Region mögliche Lösungen für die Neuordnung des Verkehrs – zahlreiche Varianten wurden entgegen dem Vorwurf der Gegner schon geprüft. Vielfach scheiterten die Ideen schon früh an fehlenden Finanzen oder fehlender Zusammenarbeit. Die Gemeinde Goldach prüfte und verwarf verschiedenste Umfahrungsvarianten – inkl. Südumfahrung durch das geschützte Goldachtobel. Endlich liegt nun eine gemeinsame, mit Bund und Kanton erarbeitete Lösung vor.

Potenzial für mehr Lebensqualität

Die verkehrstechnische Erreichbarkeit lässt sich überall in der Schweiz nur mit langwierigen und kostspieligen Investitionen in Strasse und Schiene verbessern. Parallel zum Ausbau von Doppelspur und Stadtbahnhof sowie der Bahn- und Busfrequenzen, muss auch in die Strasse investiert werden. Dafür liegt nun ein Projekt vor, bei welchem viele Faktoren zusammenpassen; es kann realisiert und vor allem auch finanziert werden. Im Projekt stecken über zehn Jahre Koordinations-, Entwicklungs-, Planungsarbeiten und enorm viel Fachwissen von Experten. Der zugrunde liegende Masterplan stimmt die Verkehrs- und Siedlungsentwicklung optimal aufeinander ab und eröffnet grosse städtebauliche Potenziale für mehr Lebensqualität.

Die drei Gewerbevereine, der Arbeitgeberverband sowie die CVP, FDP und SVP unterstützen das Projekt. Mit einem Ja zum eigenen Autobahnschluss ermöglichen wir, den Verkehr in der Region zu entflechten, die Stadtlücke zwischen den Gemeinden zu schliessen, die Zentren von Goldach und Rorschach zu beleben, sowie Arbeitsplätze zu sichern.

«Tagblatt »Podium am 28. Oktober

Am Montag, 28. Oktober, um 19.30 Uhr, stellen sich Raphael Frei und Felix Gemperle im Stadthofsaal den Fragen der Moderatoren und des Publikums. Ebenfalls auf der Bühne steht Stadtpräsident Thomas Müller (Pro) und Lukas Reichle (Contra). Ab 18.45 Uhr gibt es gratis Bratwurst und Getränke, im Anschluss offerieren die Gemeinden Goldach, Rorschach und Rorschacherberg einen Apéro.

CONTRA: Es gibt bessere Lösungen

Felix Gemperle (SP) ist Regionenleiter Vertrieb bei den SBB und ehemaliger Kantonsrat. Er ist Vizepräsident des Vereins "Kein 3. Autobahnanschluss". (Bild: Rudolf Hirtl)

Felix Gemperle (SP) ist Regionenleiter Vertrieb bei den SBB und ehemaliger Kantonsrat. Er ist Vizepräsident des Vereins "Kein 3. Autobahnanschluss". (Bild: Rudolf Hirtl)

Zu einer sauberen Verkehrsplanung gehört, in Varianten zu denken. Können im bestehenden Strassenraum Verbesserungen umgesetzt werden, braucht es ergänzende Projekte wie zum Beispiel Bahnunterführungen oder es muss gar eine komplett neue Strasse gebaut werden. Beim geplanten Anschluss Rorschach Plus wurden sechs verschiedene neue Autobahnanschlussvarianten der aktuellen Situation gegenübergestellt. Alle Zwischenvarianten – auch ohne Anschluss – wurden nicht geprüft, ein nicht zu verantwortender Fauxpas.

Der Verein «kein3.autobahnanschluss» hat von einem namhaften Verkehrsexperten ein Positionspapier erstellen lassen. Darin wird aufgezeigt, dass die Verkehrsmengen bzw. die zukünftige Entwicklung um bis zu 60 Prozent zu hoch berechnet wurden. Bei realistischer Betrachtung inkl. 20 Prozent Verkehrszunahme ist somit nicht die Verkehrsmenge das Problem, sondern dass der Verkehr wegen der immer längeren Barriereschliesszeiten nicht fliessen kann. Mit Bahnunterführungen und besser funktionierenden Kreuzungen könnte genau dieses Ziel erreicht werden – ohne eine neue Anschlussschneise quer durch den letzten grünen Hang und wertvolles Siedlungsgebiet.

«Weil sich der Verkehr wie Wasser verhält – wo Platz ist, fliesst er durch – würde der neue Anschluss zudem zu massiv mehr Verkehr führen.»

Wir kennen keinen seriösen Verkehrsexperten, der dieses Naturgesetz nicht bestätigt. Und im Gegensatz zu Arbon, wo die Altstadt durch die Umfahrung wirklich verkehrsentlastet wurde, würden auf der St.Gallerstrasse im Durchschnitt immer noch täglich zwischen 12700 und 14800 Autos verkehren. Eine wirkungsvolle Entlastung sieht anders aus.

Der neue Anschluss ist eine Wucht. Die neu vorgesehene Kreuzung an der Sulzstrasse vereint nicht weniger als 19 Spuren, zusätzlich zum Veloweg. Damit wird wertvolles Kulturland unwiederbringlich zerstört. Zudem werden diverse Gebiete mit massiv zusätzlichem Verkehr und auch Lärmemissionen belastet, das Naherholungsgebiet Hohrain wird in nicht zu verantwortender Art und Weise zerstört. Und ergänzend soll auch noch ein vor wenigen Jahren neu gebautes Pflegeheim einer Strassenschlucht geopfert werden.

Digitalisierung bietet Chancen

Die Schweiz hat ein weltweit einzigartig erfolgreiches Verkehrssystem. Mit dem einmalig guten öffentlichen Verkehr kann in Ergänzung mit dem Velo- und Fussverkehr ein Grossteil des Verkehrs weit besser gelöst werden als mit neuen Strassen, speziell in Städten und Agglomerationen. Das Problem des Individualverkehrs ist, dass im Pendlerverkehr im Schnitt nur 1,1 Personen je Auto befördert werden. Die Digitalisierung bietet zwei Riesenchancen: Wenn beispielsweise mit flexiblen Mitfahr-Apps die durchschnittliche Belegung gesteigert werden kann, hilft das allen. Ergänzend kann der Verkehr wesentlich besser gesteuert werden, sodass sich die Probleme in der Rushhour reduzieren.

Mit einer Vielzahl von intelligenten Massnahmen können im bestehenden Strassennetz wesentliche Verbesserungen erzielt werden, welche einen zusätzlichen Autobahnanschluss überflüssig machen. Nur mit einem Nein am 17. November bietet sich die Chance für eine bessere Lösung. Im Interesse der Bevölkerung, der Wirtschaft und auch der Umwelt. Und dies zu einem massiv tieferen Preis als den im Projekt genannten 315 Millionen Franken.