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Das Urgestein an der Langgasse: Im St.Galler Café Derby scheint die Zeit stehen geblieben zu sein

Im Morgengrauen erhellt die Leuchtschrift als Erstes an der pulsierenden Langgasse. Ab 5 Uhr morgens können Gäste im Café Derby einkehren. Auch das macht das Lokal seit bald einem halben Jahrhundert zu einer Quartierinstitution.
Peter Hummel
Ein Hauch von Urbanität im sommerlichen Strassencafé: Renate Rohr kann viele Stammgäste bedienen. (Bild: Peter Hummel)

Ein Hauch von Urbanität im sommerlichen Strassencafé: Renate Rohr kann viele Stammgäste bedienen. (Bild: Peter Hummel)

Das Café an der Langgasse 26 ist mit seinen Öffnungszeiten ein wahrer Anachronismus – von 05 bis 15 Uhr, sechs Tage die Woche, das ganze Jahr. Seitdem Kurt Flückigers legendäres «Colosseum» an der Bahnhofstrasse in den 1970er-Jahren verschwunden ist, gibt’s das eigentlich nicht mehr in der Stadt. Es hat zwar ein paar Bäckerei-Cafés, die schon um 6 oder 7 Uhr öffnen, der Znüni-Beck Moor in Winkeln gar schon um 3 Uhr. Dazu gibt es heute Bahnhof- und Tankstellenshops, die auch bereits ab 6 Uhr offen haben. Doch bei Lokalen ist das heute umgekehrt: Modern ist, erst um 5 Uhr zu schliessen.

Die Derby-Besitzerin räumt zwar ein, dass es in den ersten zwei Stunden «auch nicht mehr immer voll» sei. Doch Renate Rohr kann sich gar nichts anderes vorstellen, als ihre selbst gewählte «Frühschicht» – seit gut 20 Jahren macht sie das nämlich so. Bevor sie ihre eigene Meisterin wurde, war die gebürtige Aargauerin in einem Teufener Speiselokal tätig, noch mit weisser Bluse und schwarzem Jupe.

1960er-Jahre-Stil findet immer noch Anklang

Das Café Derby besteht schon seit Errichtung des «Denner-Hauses» 1969. Der Schriftzug ist seit Anbeginn unverändert. Die Anschrift «Restaurant» müsste zwar längst überpinselt werden – wie auch die verblichene und teils abblätternde Farbe der Fassade dringend einer Auffrischung bedürfte.

Auch das Interieur hat alle Moden überstanden und ist noch authentischer Gründerstil: Rundum Vorhänge und Sitzbänke, die Lehnen mit olivgrünem Knautschleder, die Sitzflächen mit Polsterstoffen erneuert, runde Stofflampen, (echte) Orchideen, schwarz-weisse Werbeposter einer Kaffeefirma an den Wänden und hinter einem Vorhang ein Wandtelefon «Mod. 1929» für Gästegespräche.

Der treuen Kundschaft scheint dieser Sixties-Charme jedenfalls zu passen – das seien von Lehrlingen bis zum Hochschulprofessor «aller Gattig Lüüt»: Frühmorgens Angestellte, zum Znüni Handwerker und ab dem späteren Morgen viele Pensionierte, die länger verweilen; dann werde das Café zum «Renate-Stübli».

Dem «Derby» kommt da eine wichtige soziale Funktion als Quartiertreffpunkt zu: Wenn sommers über rausgetischt ist, strömt das Café an der geschäftigen Langgasse gleichzeitig einen Hauch von Urbanität aus. Viele Stammgäste kommen täglich; die Cafetière (die sich aber nicht so vornehm nennen mag) weiss genau, wem sie den «Blick» und wem das «Tagblatt» bringen muss. Das sind die treuen Zeitungsleser, denen die Zeitung im Café noch wichtig ist. Mindestens ein Dutzend Exemplare stehen zur Verfügung, WLAN braucht’s dafür keines.

Exoten kommen und gehen, das «Derby» bleibt

Das Allerwichtigste ist und bleibt aber der Kaffee selbst: Die altbewährte Carimali-Maschine liefert Café crème oder Schale in prima Qualität. Einen «neumodischen» Macchiato braucht’s und gibt’s hier nicht. Die Zeit scheint auch beim Preis von 3,80 Franken stehen geblieben zu sein – mit Rahm im Kännli und Schöggeli inklusive. Das gibt’s übrigens auch bei einem Mineral oder ähnlichem wohl ein weiteres Unikum.

Renate Rohrs Geschäftsmodell ist so simpel wie eh und je: Der Kaffee ist und bleibt der Hauptumsatzträger ihres Cafés; Gipfel gehören natürlich dazu, Sandwiches gibt’s auf Wunsch, aber sonst keinerlei Chichi. Das Café Derby ist wirklich ein Urgestein an der Langgasse. Denner, Migros und Post bieten zwar die Basis für ein (noch) intaktes Geschäftsquartier, doch auch hier gibt’s Geschäftsaufgaben und -wechsel.

Das Rauchverbot war eine Zäsur

Natürlich sei auch das «Derby» vor einem Jahrzehnt noch besser gelaufen: Das Rauchverbot sei schon eine spürbare Zäsur gewesen, zudem seien seither leider viele Stammgäste verstorben. Doch seine Besitzerin will nicht klagen; dank ihrem Ein-Frau-Betrieb (mit tatkräftiger Mithilfe ihres Lebenspartners) könne ihr Café weiterhin bestehen: keine Schulden, tiefe Fixkosten, kein Computer. Im «Derby» ist die heile Welt wirklich noch stehen geblieben!

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