Das St.Galler Riethüsli-Quartier verliert seinen Hort

Das Riethüsli wartet weiterhin auf ein ausgebautes Betreuungsangebot für Schulkinder. Nun steht auch noch der private Hort vor dem Aus.

Christina Weder
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Im Hort Riethüsli werden maximal 16 Kinder gleichzeitig betreut – aber nur noch bis im kommenden Sommer. Bild: Urs Bucher (26. Februar 2019)

Im Hort Riethüsli werden maximal 16 Kinder gleichzeitig betreut – aber nur noch bis im kommenden Sommer. Bild: Urs Bucher (26. Februar 2019)

Noch wird im Hort Riethüsli gespielt, gebastelt und über Hausaufgaben gebrütet. Doch bald ist damit Schluss. Der Hort, der Schulkindern an vier Werktagen pro Woche eine Betreuung am Nachmittag bietet, wird im kommenden Sommer geschlossen. Das bestätigt Jeannette Leuch, die Präsidentin des Vereins Hort Riethüsli. Der Entscheid sei an der Hauptversammlung im September einstimmig gefallen. Damit verliert das Quartier sein Betreuungsangebot für Schulkinder am Nachmittag.

Jeannette Leuch, Präsidentin Verein Hort Riethüsli. (Bild: Urs Bucher, 26. Februar 2019)

Jeannette Leuch, Präsidentin Verein Hort Riethüsli. (Bild: Urs Bucher, 26. Februar 2019)

Die Schliessung kommt nicht überraschend. Bereits im Februar haben das Elternforum Riethüsli und der Hortvorstand den Stadtrat und das Stadtparlament informiert, dass der von Eltern geführte Hort vor dem Aus stehe. Es drohe die Schliessung bis spätestens Sommer 2021. Dass es nun bereits ein Jahr früher dazu kommt, hänge vor allem mit den finanziellen Mitteln zusammen. «Wenn das Geld ausgeht, müssen wir aufhören», sagt Leuch. Das finanzielle Korsett sei zu eng, um die Auflagen des Kantons bezüglich Betreuungsschlüssel und Raumbedarf zu erfüllen.

Eltern setzen sich lautstark zur Wehr

Die Betreuungsfrage gibt im Riethüsli seit Monaten zu reden. Während die Stadt in anderen Quartieren den Ausbau der Tagesbetreuung vorangetrieben hat, ist das Riethüsli auf der Strecke geblieben. Es handelt sich um das einzige Quartier, in dem die Stadt nur einen Mittagstisch für Schulkinder anbietet. Die Betreuung am Nachmittag überliess die Stadt bis jetzt dem privaten Hort, den sie mit Infrastruktur und einem jährlichen Beitrag von 6400 Franken unterstützte.

Doch der Hort unterscheidet sich wesentlich von den städtischen Betreuungsangeboten: Die Gebühren sind höher, die Betreuungszeiten und Platzzahl sind beschränkt. 16 Kinder können gleichzeitig betreut werden. Der Bedarf sei aber viel höher, heisst es im Quartier.

Eltern aus dem Riethüsli fühlen sich deshalb beim Ausbau der städtischen Tagesbetreuung übergangen. Sie fordern lautstark, dass die Stadt mehr Platz für die Tagesbetreuung schafft, also den privat geführten Hort übernimmt und ausbaut oder ein kleines Provisorium aufstellt. SP-Stadtparlamentarierin Beatrice Truniger, die im Quartier wohnt, reichte im Februar einen Vorstoss zum Thema ein. Eltern haben das Initiativkomitee «Sofortiger Ausbau FSA plus im Riethüsli» gegründet und 1850 Unterschriften gesammelt. Bis jetzt ohne Erfolg.

Schuldirektor: «Es liegen noch keine Antworten vor»

Der Stadtrat hält an seinem ursprünglichen Plan fest. Gemäss diesem muss sich das Riethüsli gedulden. Es soll erst mit dem geplanten Neubau des Primarschulhauses eine ausgebaute Tagesbetreuung erhalten. Mindestens sechs Jahre werden verstreichen, bis es so weit ist. Ein Provisorium ist nicht vorgesehen. Der Stadtrat lehnt ein solches aus Kostengründen und wegen des Zeitbedarfs für Planung und Aufbau ab. Allerdings hat er dem Quartier stets seine Unterstützung zugesichert, sollte der private Hort schliessen, was nun der Fall ist. Es stellt sich also die Frage, wie diese Unterstützung aussieht.

Schuldirektor Markus Buschor bestätigt, er sei mit dem Verein Hort Riethüsli im Gespräch. Eine Lösung sei noch nicht spruchreif. Einerseits gehe es darum, eine allfällige zusätzliche städtische Unterstützung des Horts zu prüfen. Andererseits sei das Ziel, das Betreuungsangebot ab Sommer 2020 zu klären. Wie dieses aussehen könnte, hat der Stadtrat in seiner Antwort auf die Interpellation von Beatrice Truniger abgesteckt.

Er schreibt, es müsse nun darum gehen, bis zum Bezug des neuen Schulhauses «mit pragmatischen Massnahmen für eine sinnvolle Überbrückung zu sorgen». Der Stadtrat schlägt zweierlei vor: Zum einen will er prüfen, ob Kinder aus dem Riethüsli künftig am Standort an der Oberstrasse betreut werden können. Zum anderen steht zur Debatte, im Quartier zusätzlich zum Mittagstisch eine nachschulische Betreuung am späteren Nachmittag einzuführen. Am frühen Nachmittag gäbe es keine Betreuung im Quartier. «Für ein zeitlich umfassenderes Betreuungsangebot fehlt es am Standort Riethüsli an geeigneten Räumen und an genügend Aussenraum», findet der Stadtrat. Die Anzahl Plätze wäre beschränkt.

Das Quartier gibt sich noch nicht zufrieden

Im Quartier lösen diese Aussichten keine Begeisterungsstürme aus. Stadtparlamentarierin Beatrice Truniger sagt, sie sei damit nicht einverstanden. Die Stadt müsse ihre Planung überdenken, statt stur daran festzuhalten und sechs Jahre lang etwas «Halbbatziges» anzubieten. Truniger stört sich vor allem daran, dass die kleineren Schulkinder an die Ober­strasse geschickt werden sollen. «Sie müssen das Quartier verlassen, um betreut zu werden. Das ist doch unbefriedigend.»

Auch Jeannette Leuch, Präsidentin des Vereins Hort Riethüsli, sagt:

«Wir sehen die Bemühungen der Stadt, sind damit aber nicht nur glücklich.»

Was die Stadt anbiete, sei eine Notlösung. «Eine adäquate Betreuung, wie sie andernorts üblich ist, sieht anderes aus.» Sie hofft, dass sich doch noch eine gute Lösung findet: «Wir werden weiter dafür kämpfen.»

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Reto Voneschen