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«Ivo ist der beste Coiffeur in der Lachen. Er nimmt sich Zeit, macht es perfekt», sagt Stammkunde Emilyanis Dharsikan.

«Ivo ist der beste Coiffeur in der Lachen. Er nimmt sich Zeit, macht es perfekt», sagt Stammkunde Emilyanis Dharsikan.

Reportage

Das St.Galler Lachen-Quartier kämpft gegen sein Ghetto-Image

Die Lachen im Westen der Stadt wurde schon als Ghetto bezeichnet. Doch das Quartier wandelt sich und bringt Erstaunliches hervor.
Sandro Büchler

30. August, Tatort Lachen-Quartier, St.Gallen: Es ist Punkt 12 Uhr, als der 23-Jährige lossprintet. Ein Polizist jagt ihm hinterher. Der Mann schlängelt sich durch den dichten Mittagsverkehr auf der Zürcherstrasse und rennt in ein wildfremdes Haus. Dort versteckt er sich. Die Szene könnte aus einem billigen Action-Film stammen. Kurz nachdem Verstärkung eingetroffen ist, nehmen Polizisten den 23-Jährigen fest. Dem Mann, der vor der Polizeikontrolle flüchtete, wird laut St.Galler Staatsanwaltschaft Gewalt und Drohung gegen Beamte, sowie Widerhandlung gegen das Waffengesetz vorgeworfen.

Knapp 7000 Menschen wohnen im Lachen-Quartier; das ist nicht einmal ein Zehntel der ganzen Stadtbevölkerung. Doch dem Quartier haftet ein zweifelhafter Ruf an. Die Mieten sind in der Lachen tiefer als anderswo, der Ausländeranteil hoch. 39,6 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung im Lachen-Quartier stammt aus dem Ausland. Dies ist seit Jahren der höchste Wert in der Stadt St.Gallen. 16 Prozent sind es in St.Georgen. Bei den Nationalitäten in der Lachen schwingen die zugewanderten Portugiesen, vor den Italienern und den Deutschen oben aus.

Der Charakter des Quartiers verändert sich

Als «die Bronx von St.Gallen» hat der frühere Stadtbaumeister Erol Doguoglu das Quartier schon bezeichnet. Und nachdem 2006 das Bundesamt für Statistik die Problemquartiere der Schweiz definiert hatte, betitelte das Magazin «Facts» das St.Galler Quartier als «Ghetto». Die Lachen war auf Platz drei der wenig schmeichelhaften Rangliste platziert. Bestätigt der vor der Polizei geflüchtete Mann den zweifelhaften Ruf des Quartiers?

Quartierpolizist Christian Gisler und seine Personenspürhündin Lyonnesse (Bild: Michel Canonica, 6. Dezember 2017)

Quartierpolizist Christian Gisler und seine Personenspürhündin Lyonnesse (Bild: Michel Canonica, 6. Dezember 2017)

«Purer Zufall», sagt Quartierpolizist Christian Gisler. In der Lachen passiere nicht mehr oder weniger als an anderen Orten in der Stadt. Gisler mag seine Arbeit im Viertel. Konflikte liessen sich hier einfacher schlichten. «Wenn man ‹Lämpe› hat, wird das Problem ausdiskutiert und die Sache ist erledigt.» Andernorts drohen die Streithähne mit dem Anwalt. Als Polizist kenne er den einen oder anderen Hinterhof im Quartier. In Gislers Augen verraten die versteckten Ecken viel über den Charakter der Lachen.

«Es ist ein altes Quartier, das sein Gesicht verändert.»

So ist der Migrosmarkt, notabene eine der umsatzstärksten Filialen, im Frühjahr nach hinten an die Ulmenstrasse gerückt. In die leer gewordene prominente Ladenfläche an der Zürcherstrasse ist der Gemüse- und Obsthändler Nûrda eingezogen. Eröffnung war diese Woche. Auch die Drogerie hat ihren Standort verschoben. Darin ist auch die Postfiliale integriert. Der frühere Mittelpunkt ist verrutscht.

Ein Blick in die Hinterhöfe des Lachen-Quartiers. (Bilder: Sandro Büchler)Ein Blick in die Hinterhöfe des Lachen-Quartiers. (Bilder: Sandro Büchler)
Das Kinderlokal «Ti-Rumpel» an der Stahlstrasse.Das Kinderlokal «Ti-Rumpel» an der Stahlstrasse.
Die Zürcherstrasse an einem verregneten Tag: Grau in Grau...Die Zürcherstrasse an einem verregneten Tag: Grau in Grau...
...doch schon wenige Meter dahinter wird es grün. Im Bild sind die Familiengärten. Ein Idyll....doch schon wenige Meter dahinter wird es grün. Im Bild sind die Familiengärten. Ein Idyll.
Die Brache Lachen wird vom Kindertreff genutzt.Die Brache Lachen wird vom Kindertreff genutzt.
Die Sömmerliwiese ist eine offene Fläche. Im Sommer wird hier oft Fussball gespielt. Im Hintergrund beginnt die Einfamilienhaussiedlung.Die Sömmerliwiese ist eine offene Fläche. Im Sommer wird hier oft Fussball gespielt. Im Hintergrund beginnt die Einfamilienhaussiedlung.
Coiffeur Ivo beim letzten Schliff für Emilyanis Dharsikans neue Frisur.Coiffeur Ivo beim letzten Schliff für Emilyanis Dharsikans neue Frisur.
Im Parkverbot...Im Parkverbot...
Alt und neu nebeneinander an der Gerbestrasse.Alt und neu nebeneinander an der Gerbestrasse.
Blick ins Büro von Peter Bischof, dem Quartierbeauftragten der Stadt St.Gallen.Blick ins Büro von Peter Bischof, dem Quartierbeauftragten der Stadt St.Gallen.
10 Bilder

Das St.Galler Lachen-Quartier in Bildern

Die Lachen sei aber über die Quartiergrenzen hinaus wichtig für Einkäufe, sagt Peter Bischof, Quartierbeauftragter der Stadt St.Gallen. «Insbesondere für das benachbarte St.Otmar-Quartier.» Bischof erwähnt die kleinen Läden. «Migranten probieren eher etwas Neues aus – und reüssieren oder scheitern damit. Dann versucht es jemand anderes.» Schweizer Gewerbetreibende seien zurückhaltender.

Was hinter der Zürcherstrasse liegt, kennen viele gar nicht

Emilyanis Dharsikan (Bild: Sandro Büchler)

Emilyanis Dharsikan (Bild: Sandro Büchler)

Zwischen zwei Spiegeln im Coiffeurladen läuft ein Bruce-Lee-Film auf dem Fernseher. Emilyanis Dharsikan drückt sich aus dem Frisierstuhl hoch und gibt seinem Coiffeur einen Handschlag. «Danke, Bruder.» Der hat ihm soeben eine aufwendige neue Frisur verpasst. Die Seiten kurz, oben lang, der Trend der Stunde. Doch Coiffeur Ivo hat dem 22-Jährigen zusätzlich zwei Striche in die linke Augenbraue rasiert. «Das ist jetzt Mode, damit falle ich auf», sagt Dharsikan. Er lobt seinen Friseur: «Ivo ist der beste Coiffeur in der Lachen. Er nimmt sich Zeit, macht es perfekt.» Dharsikan ist Verkäufer, kam mit elf Jahren ins Quartier.

«Wer hier zur Schule gegangen ist, kennt alle. Jeder kennt sich.»

Man sei nett zueinander, grüsse sich und frage, wie es der Familie geht. «Im Lachen passiert vieles, es wechselt schnell.» Probleme habe er keine – im Gegenteil. Man nehme Rücksicht und sei kaum nachtragend. Niemand reklamiere oder rufe die Polizei, wenn man zu Hause eine Party veranstaltet, sagt Dharsikan. «Am nächsten Tag erkundigen sich die Nachbarn höchstens, ob man über die Stränge geschlagen habe.» Das sei mehr als Feststellung denn als Vorwurf zu verstehen.

Pius Jud, Präsident des Quartiervereins Lachen (Bild: PD)

Pius Jud, Präsident des Quartiervereins Lachen (Bild: PD)

«Die Lachen hat in den letzten fünf Jahren eine markante Erneuerung erlebt», sagt Pius Jud, Präsident des Quartiervereins Lachen. Er sei oft hin- und hergerissen, wenn hundertjährige Häuser weg müssten. «Manche Gebäude haben zwar ihren Zenit klar überschritten, bei anderen schmerzt der Verlust durch den Presslufthammer.»

Ein Sensor für Probleme und Sorgen

Viele Aussenstehende hätten ein falsches Bild von der Lachen, sagt wiederum Peter Bischof, der städtische Quartierbeauftragte. «Denn die meisten kennen nur die vielbefahrene Zürcherstrasse.» Dort seien die Häuser dicht aneinandergebaut – «dahinter wird es lockerer und grüner».

Das Lachen-Quartier aus der Vogelperspektive: An der Zürcherstrasse, die sich quer durch das Quartier zieht, sind die Häuser dicht aneinander gebaut. Dahinter ist die Bebauung mit Familiengärten, Grünflächen und Einfamilienhäuser (links oben) lockerer. Rechts oben im Bild thront das markante Gebäude des Bundesverwaltungsgerichts. (Bild: Ralph Ribi)

Das Lachen-Quartier aus der Vogelperspektive: An der Zürcherstrasse, die sich quer durch das Quartier zieht, sind die Häuser dicht aneinander gebaut. Dahinter ist die Bebauung mit Familiengärten, Grünflächen und Einfamilienhäuser (links oben) lockerer. Rechts oben im Bild thront das markante Gebäude des Bundesverwaltungsgerichts. (Bild: Ralph Ribi)

Bischof zählt auf: Familiengärten, ein Kinderspielplatz im Waldaupark, für die grösseren Kinder die Sömmerliwiese zum Fussball spielen. Leicht erhöht folgen Einfamilienhäuser.

«Wenn man einmal den Stempel hat, dann braucht es ganz viel, um diesen wieder loszuwerden.»

Peter Bischof, Quartierbeauftragter der Stadt St.Gallen (Bild: Sandro Büchler)

Peter Bischof, Quartierbeauftragter der Stadt St.Gallen (Bild: Sandro Büchler)

Das grösste Problem des Lachen-Quartiers sei es, dass die «verschiedenen Leute nicht miteinander in Kontakt kommen», erläutert Bischof. Pius Jud vom Quartierverein ergänzt: «Es ist schwierig, an die ausländische Bevölkerung heranzukommen.» Er sei bemüht, allen Nationalitäten eine Stimme zu geben. Doch gelingt dies nur mässig.

Was der Quartierverein nicht erreicht, schafft das Kinderlokal tiRumpel an der Stahlstrasse. Denn durch die Arbeit mit den Kindern der Migranten erreiche man auch deren Eltern, sagt Bischof. Dies unterstützt die Integrationsbemühungen der städtischen Behörden. Doch die Zusammenarbeit geht weiter, bezieht Ältere ein: Die Betreiber des Ti-Rumpel binden Pro Senectute, das HEKS und die Valida in ihre Arbeit ein. «So hat sich der Kindertreff zu einem allgemeinen Treffpunkt gemausert.»

«Der Kindertreff ist ein Glücksfall für das Lachen-Quartier.»

Kathrin Rieser, Co-Leiterin des tiRumpel (Bild: PD)

Kathrin Rieser, Co-Leiterin des tiRumpel (Bild: PD)

Die generationenübergreifende Zusammenarbeit zahlreicher Akteure sei bereichernd, sagt Kathrin Rieser, Co-Leiterin des tiRumpel. «So hat er sich zu einem Ort für Begegnungen für Gross und Klein entwickelt.» Darüber hinaus ist der Kindertreff zu einem Sensor für aktuelle Entwicklungen im Quartier geworden. Das Zusammenspiel der Institutionen im Schmelztiegel Lachen sei vorbildlich, lobt Peter Bischof. «Es kommt alles zusammen.»

Kinder und Jugendliche sind also ein Schlüssel zum Verständnis und den Zusammenhalt in der Lachen. Für Quartierpolizist Christian Gisler bestätigt sich diese These jeden Tag. Dann nämlich, wenn er sich wegen einer Sprachbarriere nicht verständigen könne. Da werde häufig eines der Kinder in der Familie gerufen, um zu übersetzen. «Kinder sind ein Eisbrecher.»

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