Ausgeläutet: Die evangelische Kirche Rorschach schaltet ihre Glocken in der Nacht ab

Die evangelische Kirche Rorschach verzichtet seit heute freiwillig auf nächtliche Glockenschläge. Das ist ein Novum in der Region, in anderen Kirchgemeinden käme das kaum infrage. 

Martin Rechsteiner
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Von der Nachtruhe ist die fünftgrösste Glocke der Schweiz betroffen: die «Vadiani» im Turm der evangelischen Kirche Rorschach.

Von der Nachtruhe ist die fünftgrösste Glocke der Schweiz betroffen: die «Vadiani» im Turm der evangelischen Kirche Rorschach.

Bild: mre

Nachtruhe gilt jetzt auch für die Kirche. Zumindest für die evangelische in Rorschach. Ab heute Montag werden ihre Glocken nachts verstummen. Nur noch tagsüber, von 7 bis 22 Uhr, wird es Geläut und Glockenschläge geben.

Auferlegt hat sich die Kirchgemeinde die nächtliche Stille selbst: Die Vorsteherschaft der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Rorschach hat aus freien Stücken entschieden, ihre Läutordnung anzupassen.

Beschwerden gab es bisher kaum

Reklamationen der Anwohner seien nicht der Grund für den Schritt gewesen, versichert Pfarrerin Esther Marchlewitz auf Anfrage. «Beschwerden gab es zwar, aber nur vereinzelt.» Viel mehr sei die Kirchenvorsteherschaft zur Einsicht gelangt, dass Glockenschläge in der Nacht nicht mehr die gleiche praktische Bedeutung hätten wie früher.

«Den Leuten ist die Nachtruhe zunehmend wichtig. Deshalb wollen wir auch niemanden unnötig mit Lärm quälen.»

Dass das Geläut der evangelischen Kirche Rorschach eine gewisse Lautstärke hat, ist nicht von der Hand zu weisen – im Turm hängt mit einem Gewicht von über acht Tonnen immerhin die fünftgrösste Glocke der Schweiz.

Hin wie her sei es besser, das nächtliche Geläut freiwillig anzupassen, als unter Zwang, sagt Marchlewitz. Sie verweist damit auf Beispiele in anderen Schweizer Gemeinden wie etwa Wädenswil (ZH), wo Streitereien um nächtliche Glockenschläge bis ans Bundesgericht gelangt sind 

Glockenschläge polarisieren landesweit

Wer die Schlagworte «Kirchenglocken» und «Streit» googelt, stösst auf eine schier endlose Zahl von Fällen überall in der Schweiz. Kirchenglocken geben im ganzen Land immer wieder zu reden. Ein prominentes Beispiel stammt aus dem zürcherischen Wädenswil und beschäftigte im Jahr 2017 das Bundesgericht. Obwohl dieses entschied, dass die Glocken auch künftig nachts alle 15 Minuten schlagen dürfen, hat der Fall viele Kirchgemeinden verunsichert. Im Kanton Zürich setzten einige die nächtlichen Glockenschläge aus Angst aus. Andernorts stossen solche Fälle Diskussionen an. Wie jetzt in Rorschach oder etwa in Wittenbach, wo die katholische und die evangelische Kirche schon seit etwa zwei Jahren nachts verstummen.

Vor allem Neuzuzüger stören sich

Andere Gemeinden, andere Ansichten. Glockenschläge gehören zur Tradition, auch in der Nacht. Das findet Marko Muzek, Präsident des katholischen Kirchenrats Tübach. Dort schlägt die Kirche im Viertelstundentakt und das rund um die Uhr. «Wir haben viele Beschwerden wegen des Kirchengeläuts. Allerdings auch viele Befürworter», sagt er. Es seien oft Neuzuzüger, die sich an den Kirchenglocken stören.

«Die Kirche steht aber seit 275 Jahren hier. Wer sich an Fluglärm stört, zieht ja auch nicht neben einen Flughafen.»

Bei Beschwerden zeige sich die Kirchgemeinde jedoch dialogbereit und versuche, Kompromisse auszuhandeln, sagt Muzek.

Wie solche aussehen können, erklärt Felix Bischofberger, Präsident Verwaltung katholische Kirche Thal. «Wir haben technische Massnahmen getroffen. Die Glockenschläge und das Geläut haben wir verkürzt und an den Glocken eine Schalldämmung angebracht», sagt er.

Auf die Frage, weshalb man die Glocken stattdessen nicht einfach in der Nacht abgeschaltet habe, sagt er: «Die Massnahmen waren nicht aufwendig.» Zudem sei Glockenlärm eine fortlaufende Diskussion: «Macht man Zugeständnisse, wollen die Gegner auf einmal, dass auch am Tag nicht mehr geläutet wird.»

Schalllöcher verkleinert

Technische Anpassungen gab es auch an der evangelischen Kirche Rheineck. Die Schalllöcher am Turm sind nun verkleinert, sodass die Glockenschläge draussen leiser ertönen, wie Pfarrer Christian Wermbter sagt.

«Bei uns stand ein nächtliches Aussetzen des Glockenschlags noch nie zur Diskussion», sagt Melanie Tobler Dudler, Präsidentin Vorsteherschaft evangelische Kirchgemeinde Thal-Lutzenberg. Denn es habe wegen den Kirchenglocken noch nie eine Beschwerde gegeben, begründet sie und sagt: «Eine solche Diskussion hängt von der Gemeinde ab und auch, wo im Dorf die Glockentürme stehen.»

Auch bei der katholischen Kirchenverwaltung Rheineck stand das Thema noch nie zur Diskussion. Dies aber aus technischen Gründen: «Die Glocken unserer Kirche läuten nur tagsüber. Eine Uhr hat der Turm nicht, deshalb gibt es keine zeitlichen Glockenschläge», sagt Othmar Gerschwiler, ehemaliger Kurator.

Goldach wartet ab

Bei der Steinacher katholischen Kirchenverwaltung gab der nächtliche Glockenschlag bis jetzt kaum zu reden, wie Präsident Andreas Popp-Bischoff sagt. «Die einzigen Beschwerden gab es kürzlich nicht wegen der Glocken, sondern weil während Sanierungsarbeiten die Uhr am Turm abgedeckt war.»

Anders sieht es bei der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde in Goldach aus: «Unsere Kirchen hier und in Steinach läuten in der Nacht noch. Wir haben das Thema aber auf dem Radar und schauen, was die Gemeinden im Umkreis machen», sagt Paul Baumann, Geschäftsleiter Verwaltung der Kirchgemeinde. «Diskussionen im Team gab es schon. Abschalt-Pläne haben wir derzeit aber keine.»

Und ganz still wird es nachts auch in Rorschach nicht, auch wenn die evangelische Kirche nicht mehr läutet. Denn die Glocken der Katholiken werden weiterhin im Viertelstundentakt schlagen. Pius Riedener, Präsident Verwaltungsrat der katholischen Kirchgemeinde Region Rorschach sagt: «Dieses Thema Stand nie zur Diskussion im Rat, Beschwerden hatten wir auch nie.

Zudem sind wir nicht bereit, diese Tradition leichtfertig aufzugeben.»

Dies gelte auch für die Kirchen in Untereggen und Goldach.