«Das Risiko ist uns bewusst»: Wie eine Rorschacher Modeboutique seit Jahren dem Lädelisterben trotzt – und jetzt auch der Coronakrise

Während vielerorts Läden verschwinden, geht bei Scarpa in Rorschach seit 40 Jahren Mode über den Ladentisch. Damit dies so bleibt, sind die Inhaber Gabriela und Oswald Hitz ein Risiko eingegangen. Dann kam Corona.

Linda Müntener
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Hell und offen: Gabriela und Oswald Hitz haben in die Komplettsanierung ihres Ladengeschäfts an der Rorschacher Hauptstrasse investiert.

Hell und offen: Gabriela und Oswald Hitz haben in die Komplettsanierung ihres Ladengeschäfts an der Rorschacher Hauptstrasse investiert.

Daniela Bologna

Der Zeitpunkt hätte ungünstiger nicht sein können. Als der Bundesrat den Corona-Shutdown Mitte März verkündete, war in der Rorschacher Modeboutique Scarpa alles bereit zur Wiedereröffnung. Zwei Monate war das Geschäft an der Hauptstrasse zu diesem Zeitpunkt wegen Umbauarbeiten bereits geschlossen gewesen. Die Inhaber Gabriela und Oswald Hitz hatten viel investiert, das sollte sich nun auszahlen. Die Einladungskarten waren gedruckt, die Geschenke für die Stammkundschaft eingepackt, die neue Kollektion in den Schaufenstern, die Vorfreude gross.

Doch aus der Feier wurde nichts, stattdessen zwei weitere Monate Schliessung, Stillstand. «Das hat uns schon getroffen», sag Gabriela Hitz.

Auch in schwierigen Zeiten vorwärts schauen

Die einstige Einkaufsstadt Rorschach ist längst kein einfaches Pflaster für Gewerbler mehr. Man kämpft gegen die Konkurrenz im grenznahen Vorarlberg und Konstanz, Laufkundschaft verirrt sich selten ins Städtchen am See, Traditionsgeschäfte schliessen. Viele Geschäftsräume stehen derzeit leer, jener der Familie Hitz wird seit 40 Jahren mit Kleidern, Schuhen und Accessoires gefüllt.

Um sich von der Masse abzuheben und Scarpa in Rorschach frischen Wind zu verleihen, sei eine Renovation des Ladens im ehemaligen UBS Gebäude nötig gewesen. «Wir haben alles herausreissen lassen und nach unseren Wünschen komplett neu gestaltet», sagt Gabriela Hitz. Die neuen Räume unter den Arkaden präsentieren sich heller und offener als zuvor, die minimalistische Gestaltung setzt die Kleidungsstücke in den Fokus. «Wir wollen dem Lädelisterben gezielt entgegenwirken, indem wir eine Oase der persönlichen Begegnung schaffen.»

Dass der Corona-Shutdown kommen würde, hatte zum Zeitpunkt der Planung niemand geahnt. Gabriela Hitz sagt:

«Das Risiko ist uns bewusst.»

Sie zählt darauf, dass spezielle Geschäfte mit motiviertem Personal und Begeisterung für die Mode immer einen Platz haben werden. Auch in die zweite Filiale in St.Gallen haben die Gewerbler vor fünf Jahren investiert und die historischen Räume umgebaut. Die Schuhe stehen dort auf einem grossen Tisch, der aus Abbruchmaterial kreiert wurde.

Die zweite Scarpa-Filiale befindet sich an der Kugelgasse in St.Gallen. Sie wurde im Jahr 2015 umgebaut.

Die zweite Scarpa-Filiale befindet sich an der Kugelgasse in St.Gallen. Sie wurde im Jahr 2015 umgebaut.

Daniela Bologna

«Dieses sinnliche Einkaufserlebnis kann der Online-Handel nicht bieten», sagt Gabriela Hitz. Die Rorschacherin ist überzeugt, dass es für ein Unternehmen in diesen schwierigen Zeiten nur eine Strategie gibt: vorwärts.

Die ganze Familie hilft mit

Vorwärts gehen, am Ball bleiben – das zählt auch in der Mode. Bei Scarpa sollen Kundinnen jeder Generation etwas Passendes finden. Wie deckt man diese Breite ab? «Inspirationen holen wir uns auf Messen, beispielsweise in Mailand. Wir besuchen jede», sagt Gabriela Hitz. Die Kundinnen wünschen sich die aktuellen Trends. Bei der Auswahl der Lieferanten setzt sie nicht in erster Linie auf grosse Marken. In der Boutique finden sich auch Teile von kleineren, unbekannten Labels. «Entscheidend ist die Qualität.»

In der Familie Hitz helfen alle mit: Tochter Alexsandra posiert als Model.

In der Familie Hitz helfen alle mit: Tochter Alexsandra posiert als Model.

Daniela Bologna

Inputs der jüngeren Generation bekommt Gabriela Hitz von ihren vier erwachsenen Kindern. Auch wenn jedes seinen eigenen beruflichen Weg eingeschlagen hat – im Familienunternehmen helfen sie mit. Sohn Christoph betreut den Internetauftritt und bespielt die Social-Media-Kanäle, Tochter Alexsandra begleitet Gabriela Hitz an diverse Messen, modelt für die neue Kollektion und springt als Verkäuferin ein.

Neben diesem familiären Flair, zeitgemässer, qualitativer Mode und persönlicher Beratung legt man bei Scarpa grossen Wert auf die Pflege der Stammkundschaft. Zweimal im Jahr wird ein mehrtägiger Lagerverkauf in den Scarpa-Hallen an der Goldacher Felbenstrasse veranstaltet. Dort werden Schuhe, Kleider und Accessoires zu stark reduzierten Preisen angeboten. Man begegnet sich, tauscht sich zwischen den Regalen aus. Für viele Kundinnen ein Anlass, den sie sich dick im Kalender anstreichen. Dafür nimmt die eine oder andere auch eine längere Anreise in Kauf. «Es ist immer wieder schön zu sehen, wie viel Freude die Frauen daran haben. Die Schuhe und Kleider tragen sie auch nach Jahren noch gerne», sagt Gabriela Hitz.

Der Frühlings-und Sommertrend 2020: flache, leichte Schuhe.

Der Frühlings-und Sommertrend 2020: flache, leichte Schuhe.

Daniela Bologna

Heimlieferung als Kundenservice

Die Stammkundschaft hat das Familienunternehmen während des Corona-Shutdowns mit dem Kauf von Gutscheinen unterstützt. Gabriela Hitz hat einen Heimlieferservice ins Leben gerufen. Kleidungsstücke wurden den Kundinnen nach Hause gebracht, dort konnten sie diese anprobieren und sich in Ruhe entscheiden, ob sie kaufen möchten oder nicht. Das kam gut an. So gut, dass Gabriela Hitz den Service weiterhin anbietet. «Es ist noch nicht allen wohl dabei, wieder ein Geschäft zu betreten.»

Zudem wird neu ein «Privatshopping» angeboten, an dem die Kunden neben den Öffnungszeiten einen Termin buchen können und alleine durch den Laden stöbern dürfen.

Seit die Läden wieder offen haben dürfen, zieht auch das Geschäft bei Scarpa langsam wieder an. Die Unternehmerin hofft, dass die Solidarität, welche viele Gewerbler während der Coronakrise spüren, danach nicht wieder verschwindet.

«Ich wünsche mir, dass die Leute vermehrt die persönliche Begegnung und Beratung wertschätzen und die lokalen Läden dem Online-Handel und dem nahen Ausland vorziehen.»