Das Porträtbild aus dem Fotoatelier: Schon im 19. Jahrhundert wurden Selfies verschickt

Die Lust am eigenen Bild ist ein altes Phänomen. St.Gallen um 1900 war deswegen auch eine Fotografenhochburg.

Karl Horat
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Schon unsere Ur-Ur-Grosseltern waren von Porträtbildern fasziniert. Nur war es für die Zeitgenossen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erheblich aufwendiger zu einem solchen Bild zu kommen als für uns heute. Sie konnten nicht einfach ein Handy zücken und ein Selfie schiessen. Auch die private Familienfotografie lag damals in der Zukunft; sie wurde erst in den 1960er-Jahren zum Massenphänomen.

Bauer Langenegger spannt sein Pferd an

Für sein Porträtfoto spannte etwa Bauer Langenegger von der Gigeren in Rehetobel, der versierteste Hackbrettspieler des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts, sein Pferd vor den Wagen und kutschierte nach St.Fiden, um seine Autogramm- und Fanpostkarten kreieren zu lassen. Bei den Gebrüdern Taeschler liess er sich fotografieren. Das Fotoatelier wurde von den vier Söhnen des St.Galler Daguerreotypie-Fotopioniers Johann Baptist Taeschler (1805–1866) an der Greithstrasse gegenüber der katholischen Kirche St.Fiden betrieben.

Ein Porträtfoto anzufertigen, war damals eine längere Prozedur. Hackbrettspieler Lan­genegger packte sein Instrument aus und platzierte es auf dem Tisch, das silberbeschlagene Lindauerli im Mund, die Schlägel in der Hand. Dann wurde die Kamera ausgerichtet, mit einer Glasplatte geladen und der Objektivdeckel abgenommen. Jetzt musste das Fotomotiv ein paar Sekunden bewegungslos ausharren. Und die schwere Glasplatten-Kamera hielt den Moment für die Ewigkeit fest.

Nicolas Senn, der heute auf dem Hackbrett international erfolgreich ist, hat’s einfacher. Die Kameratechnologie ist so weit, dass fast an jedem Ort fotografiert werden kann; der Gang ins Atelier erübrigt sich in den meisten Fällen. Und was miniaturisierte Handykameras qualitativ liefern, hätte unsere Ur-Ur-Grosseltern zum Staunen gebracht. Dass die Firma Sharp in Japan im Jahre 2000 das erste Kamerahandy herausbrachte, hat – in Kombination mit dem Internet – die Gebrauchsfotografie umgekrempelt.

Ein Porträt aus St.Fiden gelangte bis in die USA

Ebenfalls bei den «Gebr. Taeschler – Specialität Portraits» in St.Fiden liess eine unbekannte Dorfschönheit ihr Abbild im Profil auf beschichteter Glasplatte festhalten. Ein Abzug davon tauchte bei einem Sammler in den USA auf. Wie die Fotografie nach Übersee kam und wer abgebildet ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Vielleicht war es ein «Vergiss-mich-nicht» für einen Auswanderer, eine Art Facebook-Eintrag jener Zeit.

Melanie Sonderegger, die Studentin, welche die Aufnahme entdeckte, schüttelte ihre Lockenpracht in denselben Look wie die eventuelle Vorfahrin – für ein vergleichbares Profil von heute. Sie meint, dass sich junge Frauen von heute noch genau gleich inszenieren würden wie damals. Heute einfach auf Instagram statt auf Fotopapier. «Als Objekt, das angesehen und begehrt werden darf, gefallen sie sich. Die Jahre des feministischen Diskurses haben offenbar nichts ändern können – die alten Rollenmuster sind unverändert. Die Models wissen: Auf Insta­gram muss ein Bild auf den ersten Blick funktionieren. Sonst sind die Nutzer weg.»

Wie ein St.Galler beinahe die Farbfotografie erfand

Die Entwicklung der Fototechnik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte die boomende Textilstadt St.Gallen zur Fotografenhochburg. In den 1890er-Jahren warb ein Dutzend Fotohäuser im Stadtzentrum, in Tablat und in Straubenzell um die Gunst der Kunden. Einer davon war Otto Pfenninger, aus dessen Atelier ebenfalls Porträts erhalten geblieben sind.

Pfenninger war wohl 1855 geboren worden. Als 28-Jähriger heiratete er die Engländerin Sophia Loose. Zusammen führten sie bis Ende des Jahrhunderts das Fotogeschäft «Zur Börse» in St.Gallen. Dann zogen sie weg, nach Brighton in England. Dort wäre Pfenninger fast zum Inhaber eines frühen Verfahrens für Farbfotografie geworden. Alles begann sehr viel versprechend.

Der St.Galler arbeitete mit drei Aufnahmen, die er übereinander kopiert. Seine Fotos zeigen farbige Szenen von guter Qualität, schon etwa einer Polaroid-Aufnahme der 1980er-Jahre entsprechend. Die Gebrüder Lumière in Lyon waren schneller auf dem Markt. Sie hatten das Autochrom erfunden. Ihre Glasplatten konnten als Farbfilmvorgänger ab 1911 gekauft werden. Die Technik von Otto Pfenninger interessiert höchstens noch die Fotohistoriker.