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Soldaten als Pfleger: Das Militär übt im St.Galler Kantonsspital und in Altersheimen für den Tag X

50 Soldaten des Spitalbataillons 75 leisten ihren WK im Kantonsspital und in zwei Altersheimen der Stadt – zum ersten Mal überhaupt.
Sandro Büchler
Soldat Eric Bayer misst den Blutdruck von Heimbewohner Christof Schiess.Bilder: Lisa JennySoldat Eric Bayer misst den Blutdruck von Heimbewohner Christof Schiess.Bilder: Lisa Jenny
Soldat Eric Bayer misst den Blutdruck von Heimbewohner Christof Schiess.Bilder: Lisa JennySoldat Eric Bayer misst den Blutdruck von Heimbewohner Christof Schiess.Bilder: Lisa Jenny
Soldat Eric Bayer misst den Blutdruck von Heimbewohner Christof Schiess.Bilder: Lisa JennySoldat Eric Bayer misst den Blutdruck von Heimbewohner Christof Schiess.Bilder: Lisa Jenny
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Das Militär übt im Altersheim für den Tag X

«Endlich macht die Armee mal etwas Sinnvolles», sagt ein Passant an der Bushaltestelle. Vor dem Silberturm in St.Gallen schieben sechs Soldaten betagte Männer und Frauen in ihren Rollstühlen in den Bus. Vier weitere helfen den Rüstigeren der Gruppe mit ihren Rollatoren in den Bus oder stützen sie beim Einsteigen. Die Soldaten machen mit einem Dutzend Bewohner des Altersheims Lindenhof einen Ausflug in den botanischen Garten.

Kambiz Bakhshi hat soeben eine betagte Frau im Rollstuhl die Strasse zur Haltestelle hochgeschoben und wischt sich den Schweiss von der Stirn. Er ist einer von 50 Armeeangehörigen des Spitalbataillons 75, die noch bis Mittwoch ihren jährlichen Wiederholungskurs im Altersheim Lindenhof absolvieren. Auch im Pflegeheim Notkerianum und im Kantonsspital leisten sie Dienst.

Unterstützung des zivilen Gesundheitswesens

Während zehn Tagen übt die Schweizer Armee in St.Gallen den Ernstfall, zum Beispiel bei einer Naturkatastrophe. Dann nämlich unterstützen die Spitalbataillone das zivile Gesundheitswesen. «Nun wollen wir das Zusammenspiel trainieren, sodass wir bei einem realen Ereignis vorbereitet sind», sagt Cyrill Kammerlander. Er ist Zugführer eines Pflegezuges. «Das Militär verbindet man nicht unbedingt mit einem Altersheim», führt er an.

Im Lindenhof krempelt Eric Bayer die Ärmel des Pullovers von Christof Schiess hoch und legt dem Heimbewohner eine Manschette zum Messen des Blutdrucks um den drahtigen Arm. Schiess hatte einen Schlaganfall und kann nicht mehr gehen. Er bewegt sich mit seinem elektrischen Rollstuhl fort, steuert das Gefährt wieselflink mit nur einem Finger seiner rechten Hand. «Ich war in der Artillerie», erinnert sich Schiess an seine Militärzeit. Er spricht schleppend, aber überlegt.

«Gut gibt es heutzutage eine solch praxisnahe Ausbildung.»

Später sagt Bayer, dass er sich nach solchen Begegnungen hin und wieder frage, wie es sei, alt, schwerfällig und hilflos zu sein. «Wie fühlt man sich, wenn man seine Bewegungsfreiheit einbüsst?» Er mache sich dann Gedanken zum Alter, zum Lauf des Lebens. Für den 22-Jährigen aus dem zürcherischen Hittnau ist es der erste WK. Er studiert an der Universität Zürich Banking and Finance. Doch in der Rekrutenschule hat er sich ein pflegerisches Grundwissen angeeignet, wurde zum Pflegehelfer gemäss dem Standard des Schweizerischen Roten Kreuz ausgebildet. Die praktische Ausbildung in der RS hat er im Paraplegikerzentrum Nottwil absolviert.

Turnschuhe statt Kampfstiefel

Bayer macht sich nützlich. Er hilft den Bewohnern im Lindenhof bei der Körperpflege, beim Zähneputzen, macht ein Puzzle mit den Betagten. «Eine Bewohnerin isst zu schnell. Da musste ich beim Frühstück schauen, dass sie sich nicht verschluckt.» Bevor er mit der Gruppe zum Ausflug aufbricht, räumt Bayer die Abwaschmaschine ein.

Um 7 Uhr haben Bayer und seine Kameraden ihren Tagesdienst im Altersheim begonnen. Zuvor sind sie mit Zug und Bus von Mörschwil, wo sie in der Zivilschutzanlage schlafen, nach St.Gallen gefahren. Im Untergeschoss des Altersheims ziehen sich die Soldaten um, tauschen den Tarnanzug gegen Pflegekleidung, Kampfstiefel gegen Turnschuhe aus. Sobald die Soldaten aber nach draussen gehen, ziehen sie wieder die Militäruniform an.

Ein Novum für das Altersheim

Um 9 Uhr besammeln sich zehn Heimbewohner, zehn Soldaten und das Betreuungspersonal. Eine 81-Jährige fragt, was die Polizei hier mache. Eine Pflegefachfrau erklärt ihr, wer die Uniformierten sind. Der Einsatz der Armee sei für das Altersheim Lindenhof ein Novum, sagt Abteilungsleiterin Bea Bosshard.

«Wir wussten nicht, wie unsere Bewohner auf die Armeeangehörigen reagieren werden.»

Bosshards Sorge war unbegründet, denn die Bewohner seien dankbar für die Abwechslung. Auch Erinnerungen kommen hoch: Die Bewohner erinnern sich an den eigenen Dienst für das Vaterland, die Frauen berichten von den Erlebnissen ihrer Söhne in der Armee. Das ungewohnte Bild wirke bei den Bewohnern nach, sagt Bosshard. «Denn sie fragen am Abend, wo die jungen Männer seien».

Für das Altersheim sind die WK-Soldaten eine Ergänzung bei der täglichen Arbeit. Es gehe bei diesem WK darum, sich in eine bestehende Struktur einzugliedern, betont Bayer. «Denn es gibt nicht mehr Arbeit, bloss weil wir hier sind.» Ziel sei vielmehr, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und die Abläufe kennen zu lernen. «Damit die Zusammenarbeit funktioniert, wenn wirklich Not am Mann ist.»

«Die Soldaten können was»

Auch im Kantonsspital St.Gallen ist das Spitalbataillon. Hier helfen die Soldaten beispielsweise Patienten umzulagern oder messen das Fieber. Sie begleiten Patienten zu ambulanten Untersuchungen, unterstützen sie beim Essen oder desinfizieren medizinische Geräte. Andere helfen bei der Logistik, in der Küche, bei Malerarbeiten oder ölen quietschende Rollstühle. «Ein Soldat hat einem Mann beim Rasieren geholfen. So kamen sie ins Gespräch und haben über die Armee damals und heute diskutiert», sagt Philipp Lutz, Sprecher des Kantonsspitals. Die Unterstützung sei willkommen und werde geschätzt. «Die Soldaten können was.» Deshalb seien sie keine Belastung, sondern eine Entlastung.

Der Nutzen für das Spital liege auf der Hand, sagt Lutz. Denn wenn beispielsweise eine Pandemie ausbreche, müssten beide Seiten rasch zusammenarbeiten, harmonieren und umgehend Impfstrassen einrichten können. «Es ist daher sinnvoll, die Abläufe einzuüben.» Er hoffe aber, dass es nur beim Training bleibe und der Tag X nie eintreten werde.

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