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Kommentar

Das Los der Nummer zwei

Was Roman Bürkis Nationalmannschaftspause mit St.Gallens Goalie Daniel Lopar zu tun hat. Es ist mehr, als man denkt.
Christian Brägger
Christian Brägger, Sportredaktor (Bild: Urs Bucher)

Christian Brägger, Sportredaktor (Bild: Urs Bucher)

Die Ankündigung hat in den Medien und der sportaffinen Gesellschaft ein Echo ausgelöst: Roman Bürki mag, zumindest 2019, nicht mehr die ewige Nummer zwei sein im Tor der Schweizer Nationalmannschaft. Sondern lieber die ganze Schaffenskraft in den Arbeitgeber Borussia Dortmund, die Bundesliga und Champions League investieren. Der Goalie setzt Prioritäten, und reflexartig kommt der Einwand eines Berufskollegen, der sagt, das sei typisch für einen Schweizer. Und eben genau der Grund, warum «wir» es niemals weit bringen würden. Einem Bosnier oder Engländer käme es nie in den Sinn, freiwillig auf Nominationen seines Landes zu verzichten – Vaterlandstolz, Berufsethos und Ehrgeiz stünden stets an erster Stelle. Egal, welchen Status der Spieler geniesse.

Die Ansicht ist zum Teil gewiss richtig, zumal es auch die Spieler des zweiten Anzugs sind, die eine erste Formation zu Höchstleistungen treiben. Sofern der Konkurrenzkampf gesund ist. Nicht zuletzt entscheidet oft die besser besetzte Ersatzbank ein Spiel, nicht zuletzt reicht allein der Blick auf das Matchblatt und die aufgeführten Ersatzspieler, um zu erahnen, wie eine Partie 90 Minuten später enden könnte.

Roman Bürki fokussiert sich nur noch auf Borussia Dortmund. (Bild: EPA/Christian Bruna)

Roman Bürki fokussiert sich nur noch auf Borussia Dortmund. (Bild: EPA/Christian Bruna)

Im Prinzip ist Roman Bürki ein Nachahmer von Marwin Hitz. Der Thurgauer nahm sich vor der WM eine Auszeit für die WM – und fehlt seither in den Aufgeboten der Nationalmannschaft. Hitz sah kein Vorbeikommen an Bürki, Bürki sieht jetzt kein Vorbeikommen an Yann Sommer, der unangefochtenen Nummer eins im Schweizer Tor. Wie sollte er auch, wenn die Hierarchien des Nationaltrainers Vladimir Petkovic mit Recht sakrosankt sind und Sommer in den nächsten Jahren mit weiterhin tadellosen Leistungen keinen Grund liefert, angefochten zu werden. Und dennoch führt Bürkis vorerst temporärer Rückzug dazu, dass von den derzeit auf dem Papier besten drei Schweizer Goalies nur noch einer dabei ist; Bosnien oder eben England lassen grüssen (auch wenn England keine Ansammlung an starken Torhütern kennt).

Im Schatten der Nummer eins zu sein und die eigenen Ambitionen meist hinten anzustellen, ist das Los der Nummer zwei. Allein schon des Burgfriedens zuliebe. Also wartet einer wie Bürki fernab des Scheinwerferlichts geduldig auf seine Chance, wenn sie denn kommt. Oft hat das Warten auf ganz natürliche Weise und dann ein Ende, wenn sich die Nummer eins nach den Jahren zurückzieht und die Nummer zwei nachrückt. Irgendwann wurde Pascal Zuberbühler so Stammgoalie der Schweiz. Zuletzt vollzog sich ein solcher Wechsel nach dem Rücktritt von Diego Benaglio. Seinen Platz übernahm Ersatztorhüter Sommer; wie jede Nummer zwei brauchte der heute 30-Jährige viel Energie und Durchhaltewillen in all der Zeit.

Nicht zuletzt braucht es Mut, will man sich vom Nationalteam entfernen. Weil ein solcher Entscheid zu Missverständnissen und Diskussionen führen kann. Und Türen sich eher schliessen als öffnen. Doch Bürki kann für sich und seine Zukunft auf das grundsätzlich nicht zu unterschätzende Etikett «Nationalspieler» verzichten. Mit 28 Jahren steht er bei Dortmund im Zenit der Karriere, laut «Kicker» ist er der beste Goalie dieser Bundesliga-Hinrunde. Der Berner muss keinem mehr etwas beweisen, die Zeiten, einfach zufrieden zu sein, wenn er im Kreis der Nationalmannschaft ist, sind vorbei. Und wechselt er dereinst den Verein, wird die Zahl auf dem Preisschild nicht höher wegen der Meriten im Nationalteam, die da sind: Aufgebote seit 2014, neun Länderspiele gegen Widersacher wie Japan, San Marino oder Weissrussland und eine EM- sowie zwei WM-Teilnahmen von der Bank aus.

Bei diesem Leistungsausweis stellt sich natürlich die Frage nach der Motivation – man ist ja kein Bosnier oder Engländer. Und man ist nicht Marc-André ter Stegen, der in der deutschen Nationalmannschaft trotz Barcelona-Verdiensten einfach nicht an Bayern Münchens Manuel Neuer vorbeikommen will. Egal, wie selten Neuer wie in der Vorsaison wegen einer Verletzung bei den Bayern spielt. Doch der 26-jährige Ter Stegen weiss: Seine Zeit wird, ja muss noch kommen.

Das harte Los der Nummer zwei. Beim FC St.Gallen hält es derzeit Daniel Lopar in der Hand, der hinter Dejan Stojanovic ansteht. Lopars Zeit wird auch nicht mehr kommen, aber immerhin hat sie 297 Spiele lang gedauert. 297 Spiele, in denen er in all den Jahren Höhen und Tiefen erlebt hat mit den Ostschweizern. Anfang des vergangenen Jahres begann Trainer Giorgio Contini auf Stojanovic zu setzen und sah darin einen strategischen Entscheid, weil der Club dereinst mit dem jüngeren Goalie – Stojanovic ist 25-jährig und damit acht Jahre jünger als Lopar – vielleicht einmal Geld verdienen kann. Bis heute hält Peter Zeidler an dieser Hierarchie bedingungslos fest.

Der 33-jährige Daniel Lopar ist in St.Gallen nur noch der Ersatzgoalie. (Bild: Benjamin Manser)

Der 33-jährige Daniel Lopar ist in St.Gallen nur noch der Ersatzgoalie. (Bild: Benjamin Manser)

Damit ist der FC St.Gallen in einem Atemzug mit den Young Boys zu nennen, die ebenfalls mit Marco Wölfli ein alterndes Urgestein auf die Ersatzbank setzen, das zur Stelle ist, wenn man es braucht. Trotzdem ist es wohl nicht immer einfach, wenn die erste Ersatztorhüter-Position nicht mit einem Jungen besetzt ist, den man noch formen und vielleicht verkaufen kann. Die Frage nach Akzeptanz seiner Rolle stellt sich bei den älteren Semestern mehr als anderswo. Und auch der Lohn dürfte weitaus höher sein als jener einer hoffnungsvollen, jungen Nummer zwei, die noch die ganze Karriere vor sich hat.

Für Daniel Lopar kommt ein vorzeitiger Rücktritt nicht in Frage, temporär zurückziehen kann er sich schon gar nicht. Bis Sommer 2020 hat er noch einen Vertrag, der einst vermutlich vorschnell verlängert worden ist. Trainer Jeff Saibene erfand einmal in St.Gallen das Rotationsprinzip für die Goalies. Was wohl heute Bürki und Lopar davon halten würden?

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