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In Gossau fand das letzte Kinderfest vor 111 Jahren statt

Die St. Galler warten auf das Kinderfest. In Gossau hatte ein ähnlicher Anlass bis 1907 ebenfalls Tradition. Und die Wurst spielte auch hier eine bedeutende Rolle.
Karl Schmuki
Eine Ansichtskarte zeigt den Festumzug von 1907. (Bild: PD)

Eine Ansichtskarte zeigt den Festumzug von 1907. (Bild: PD)

Die St. Galler blicken in diesen Tagen sehnsüchtig auf die Wetterprognose und können das Kinderfest kaum erwarten. Doch auch in Gossau gab es einst ein solches Fest, das letztmals vor fast 111 Jahren stattgefunden hat. Am Tag der Durchführung, am 4. Juli 1907, jubilierte der «Fürstenländer», die damals in Gossau meistgelesene Zeitung: «Kinderfest! Jugendfest! Lieblichstes Fest! Sei uns willkommen geheissen! O, wie werden die Augen der Kinder leuchten, wie schnell und freudig ihre Herzchen schlagen, wenn sie wissen, dass s i e jetzt der Mittelpunkt des Staunens und Bewunderns sind!»

Unregelmässige Tradition reisst ab

Das Kinderfest im 8500-Seelen-Dorf Gossau, in dem damals etwas mehr als 1100 Kinder im schulpflichtigen Alter lebten, konnte 1907 auf eine gewisse Tradition zurückblicken. Im September 1890 hatte etwa ein Kinderfest stattgefunden, aber einen regelmässigen Durchführungs-Rhythmus gab es nicht. Das Fest von 1907 war das erste seiner Art im 20. Jahrhundert in Gossau, und es sollte zugleich auch das letzte bleiben.

Gossau durfte im Sommer 1907 das kantonale Sängerfest organisieren. Im Rahmen der Vorbereitungen zu diesem Grossereignis war der Gedanke aufgetaucht, die dafür nötige Infrastruktur im Anschluss auch für ein Kinderfest zu nutzen. Der katholische Schulrat ergriff im Februar die Initiative «für ein gemeinsames Kinderfest grösseren Stils», aber der evangelische Schulrat war darüber zunächst nicht sehr erfreut. Denn gegen Ende Jahr sollte mit einer grossen Feier das neue evangelische Schulhaus auf dem Haldenbühl eingeweiht werden. Etwas viel «Festhütte» in einem einzigen Jahr, meinte der Rat. Schliesslich einigten sich die beiden Räte trotzdem auf die Durchführung. In Gossau gingen die Primarschüler damals in konfessionell getrennte Schulhäuser und Klassen – das blieb bis 1977 so.

Weckruf mit Tambouren und Festumzug

Wie heute in St. Gallen war das Kinderfest damals für das ganze Dorf ein Ereignis. Gärtner schalteten in der Presse Inserate für Bouquets, Sträusschen und Blumenkörbchen, Kleidergeschäfte warben für festtaugliche Röcke, Hemden, Anzüge und Sonnenschirme.

Am Festtag wurde die Bevölkerung um 6 Uhr von Tambouren geweckt, und um 10 Uhr ging bei Prachtwetter der Festumzug los. Vom «Realschulhaus an der Niederwilerstrasse» (heute Maitlisek/Wilerstrasse) ging es zwei Stunden lang durch ganz Gossau. Sujets des Festzugs waren einerseits ein Blick in die «Urgeschichte der Schweiz» mit Helvetiern und Römern und andererseits Impressionen aus dem Alltagsleben unter dem Motto «Der Tag», mit der Sonne und idyllischen Szenen zu Sonntag, Werktag und Feierabend. «Eine Augenweide», würdigte der «Fürstenländer» zwei Tage später den Umzug.

Im Festzelt, das östlich des Gallusschulhauses aufgebaut war, an derjenigen Stelle, wo heute die Musikschule Fürstenland ihren Sitz hat, standen in einem mittäglichen und einem spätnachmittäglichen Block gesangliche, tänzerische und turnerische Produktionen der Kinder auf dem Programm, unterbrochen von zwei Stunden Spiel auf der Festwiese: unter anderem Ringelreihen und «Blinde Kuh», Klettern, Barlauf und Fussball.

Das Festzelt auf einer Ansichtskarte von 1907 (Bild: PD)

Das Festzelt auf einer Ansichtskarte von 1907 (Bild: PD)

Abends klang die Feier für die Kinder mit einem 300-köpfigen Chor der Oberstufenschülerinnen und -schüler sowie der obligaten Ansprache des katholischen Dorfpfarrers aus. Die Kinder verabschiedeten sich nach Hause, während viele Erwachsene den Tag im Festzelt ausklingen liessen. Dort lauschten sie den Darbietungen von Dorfvereinen, der Bürgermusik, den Männer- und Töchterchören. Die Schulräte, Lehrer und die Spielleiterinnen begaben sich indessen zum Bankett. «Dieses Kinderfestes, das uns tiefinnerlich bewegte, werden wir noch lange, lange gedenken», schloss der «Fürstenländer» seinen Bericht.

Die Kinderfest-Wurst: Ein besonderer Leckerbissen

Gossau war in dieser Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein Zentrum der Stickereiindustrie. In dieser Branche waren weit über 1000 Personen tätig, in grösseren Fabriken, aber auch in Kleinbetrieben und als Einzelsticker. Viele von ihnen lebten am Rande des Existenzminimums. Entsprechend waren die Kinder zu Hause nicht verwöhnt. Wer mochte ihnen anlässlich des Kinderfestes die zwei Würste nicht gönnen, eine am Mittag, die andere zum Zvieri, die es am Kinderfest gab?

Im «Fürstenländer» wird ein Loblied aus Kindersicht auf die Wurst gesungen, in der blumigen Sprache jener Zeit: «… ist sie doch ein ordentliches Zipfelchen länger als die Würste, die jeweilen die Mama daheim auf den Teller bringt und die man noch mit dem Schwesterchen und Brüderchen (…) zu teilen hat. Da bei den Kleinen ein guter Appetit vorhanden war, so wurde dieser Kinderfestwurst bald ein gebührendes Ende bereitet, dass nichts mehr übrig blieb als ein paar Hautzipfelchen».

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