«Das ist höchst problematisch»: Die Jungfreisinnigen Rorschach wollen Stimmabgaben mit Bier belohnen – Suchtfachleute sind entsetzt

Die Jungpartei will Stimmbürger mit Freibier an die Urne locken. Suchtfachleute sind entsetzt.

Martin Rechsteiner
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Aus seiner Sicht keine Schnapsidee: Partei-Vize Joel Mäder mit dem Werbeplakat des Anstosses.

Aus seiner Sicht keine Schnapsidee: Partei-Vize Joel Mäder mit dem Werbeplakat des Anstosses.

Bild: Martin Rechsteiner

Die Aktion ist gut gemeint. Für Stimmabgaben gibt es Bier – so wollen die Jungfreisinnigen der Region Rorschach junge Wählerinnen und Wähler an die Urne locken. Vier Bier nach Wahl erhalten Stimmberechtigte, die am Samstagabend zwischen 19 und 22 Uhr ihr Wahlcouvert zum Anlass «Wahl-Bier» in der Kornhausbräu mitbringen und abgeben. Das schreibt die Partei in einer Mitteilung.

Suchtfachexperten sind empört über die Aktion. Sie bezeichnen die Menge an angebotenem Freibier «problematisch.»

Suchtfachexperten sind empört über die Aktion. Sie bezeichnen die Menge an angebotenem Freibier «problematisch.»

Bild: Martin Rechsteiner

Das Ziel sei, Wahlanreize zu schaffen sowie die Förderung politischer Interessen, besonders jene der Jungbevölkerung, erklärt die Partei. Sie bittet Teilnehmer, ihre Wahlcouverts ausgefüllt und verschlossen mitzubringen und betont, es handle sich nicht um eine offizielle Urnenabgabe, sondern lediglich um einen «Botenservice». Weiter sei es natürlich «keine Voraussetzung, dass die Person die Jungfreisinnigen oder die FDP gewählt hat.» Auch seien Anwesende nicht verpflichtet, den Jungfreisinnigen ihr Wahlcouvert anzuvertrauen. In diesem Fall winken immerhin noch zwei Freibier zur Belohnung.

Laut Experten höchst problematisch

Was wahlrechtlich einwandfrei ist, ruft jetzt allerdings Suchtfachleute auf den Plan. Sie bezeichnen das Schaffen von Wahlanreizen durch Alkohol, und dann noch in dieser Menge, als «höchst problematisch». Regine Rust, Geschäftsleiterin Stiftung Suchthilfe St.Gallen, sagt: «Die von Suchtfachleuten und Gesundheitsverbänden als unbedenklich eingestufte Menge beträgt maximal zwei Stangen pro Tag für einen Mann und eine Stange für eine Frau.»

Heikel sei in diesem Fall auch, dass sich das Angebot vor allem an Junge richte.

«Im Alter von bis zu 25 Jahren befindet sich das Gehirn noch in seiner Entwicklung. Da hat ein hoher Alkoholkonsum eine besonders schädliche Wirkung.»

Rust stellt klar: «Wir sind dafür, dass sich junge Menschen für Politik und den Wahlkampf interessieren. Aber dieser Anlass sendet falsche Signale.» Man stelle sich vor, die Verantwortlichen gäben anstatt Bier ein anderes legales Suchtmittel, etwa Zigaretten, aus, sagt sie. «Da wäre, zu Recht, ein Aufschrei vorprogrammiert.»

Ähnliche Worte findet Sacha Tanner, Bereichsleiter Prävention und Gesundheitsförderung des Blauen Kreuzes St.Gallen-Appenzell. Er bezeichnet die Abgabe dieser Menge Bier innerhalb von drei Stunden als «problematisch und fragwürdig» und sagt: «Hinzu kommt, dass der Anlass das Bild vermittelt, Politik würde am Stammtisch unter Alkoholeinfluss gemacht. Das wirkt unseriös.»

Kritik auch aus privatem Umfeld

Joel Mäder, Vizepräsident Jungfreisinnige Rorschach, reagiert gefasst auf die Empörung der Suchtfachexperten. «Über diesen Anlass kann man streiten. Wir selbst hatten parteiintern grosse Diskussionen darüber, ob und wie viel Bier wir ausschenken sollen», sagt er. Man habe entschieden, Kontroversen in Kauf zu nehmen. «Auch in meinem privaten Umfeld wurde der Anlass kritisiert.»

Mäder weist darauf hin, dass es sich beim Freibier nur um «kleine», also um Stangen handelt. Das ergibt maximal 1,2 Liter pro Person. Und sie würden auch alkoholfreie Getränke anbieten.

«Wir zwingen niemanden, diese Menge Bier zu trinken.»

Die Partei appelliere an die Selbstverantwortung, die jeder Stimmbürger zu tragen habe. «Selbstverantwortung ist etwas, wofür wir Jungfreisinnigen stehen.» Wer an dem Samstagabend in den Ausgang gehe, trinke ja oft mindestens die gleiche Menge Bier, findet Mäder. Dass dieser Anlass «höchst problematisch» sei, will er nicht gelten lassen.

Natürlich sei Alkohol am Stammtisch nicht nötig, sagt er. «In unserer Gesellschaft wird an geselligen Anlässen aber gerne darauf zurückgegriffen.» Und mit einem solchen Anlass wie dem «Wahl-Bier» könne man Jungen bestens zeigen, dass Politik nicht zwangsläufig abstrakt sei und hinter verschlossenen Türen stattfinde. Viel mehr könne sie auch gemütlich bei einem Bier diskutiert werden.

Der Anlass ist eine «einmalige Sache»

Beim «Wahl-Bier» handle es sich um eine «einmalige Sache», sagt Mäder. «Wir haben uns überlegt, wie wir die Aufmerksamkeit junger Wähler gewinnen können.» Dabei seien die Parteiverantwortlichen zum Schluss gekommen, dass Kontroverse ein gutes Mittel dafür sei. «Wir provozieren mit dem ‹Wahl Bier› zwar, sind aber überzeugt, einen Anreiz für junge Stimmbürger zu schaffen.»

FDP-Präsident beschwichtigt

Und wie beurteilt die Mutterpartei die Aktion? Raphael Frei, Präsident der FDP Kanton St.Gallen, sagt: «Ich habe bei den Veranstaltern natürlich nachgefragt, ob es auch alkoholfreie Getränke gibt.» Und dies sei ja der Fall. «Man hätte auf dem Plakat vielleicht noch hervorheben können, dass es auch Alkoholfreies gibt», sagt Frei. «Aber man muss den Anlass auch richtig einordnen: Die Jungpartei ruft ja nicht zum Besäufnis auf, sondern im Vordergrund stehen Diskussion und Austausch.»