«Das ist ein Schlag ins Gesicht»: Die beiden Direktoren des Kunstmuseums gehen mit dem St.Galler Stadtrat hart ins Gericht

Empörung im Kunstmuseum: Die Kritik der Direktion am Stadtrat wegen der coronabedingten Aufschiebung der Sanierung und Erweiterung um fünf Jahre ist ungewohnt harsch.

Daniel Wirth
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Die Idylle trügt: Die Gemütslage der Direktoren des Kunstmuseums ist alles andere als aufgehellt. Der Stadtrat hat die Erneuerung des Kunklerbaus verschoben.

Die Idylle trügt: Die Gemütslage der Direktoren des Kunstmuseums ist alles andere als aufgehellt. Der Stadtrat hat die Erneuerung des Kunklerbaus verschoben.

Nik Roth

Ein Angriff auf das Kulturleben in der Stadt und der Region sei der Vorschlag des Stadtrates, die Erneuerung des Kunstmuseums um weitere fünf Jahre zu verschieben. Die beiden Direktoren Roland Wäspe und Roman Griesfelder wählen deutliche Worte in ihrem Communiqué, das sie am Mittwoch versandten.

Sie wollen unmissverständlich klarmachen: Die Sanierung und Erweiterung des Kunklerbaus bei einer Eröffnung erst im Jahr 2032 kostete die Stadt 30 Millionen Franken mehr als heute. Das sei unverantwortlich.

Geschätzte Grobkosten von 40 Millionen Franken

Wie kommt Roman Griesfelder, geschäftsführender Direktor, auf diese Zahl, wo doch heute mit geschätzten Grobkosten von rund 40 Millionen Franken gerechnet wird?

Roman Griesfelder, geschäftsführender Direktor Kunstmuseum St.Gallen.

Roman Griesfelder, geschäftsführender Direktor Kunstmuseum St.Gallen.

Man habe sich mit dem Kanton sowie mit Stiftungen und privaten Mäzenen auf einen Kostenverteilschlüssel verständigt, der so aussehe: Die Stadt, der Kanton und Dritte kommen für je einen Drittel der 40 Millionen Franken auf.

Allerdings, räumt Griesfelder ein, wollten der Kanton und auch dem Kunstmuseum wohlgesinnte Mäzene nicht ewig warten, bis das Projekt umgesetzt werde.

Auch der Kanton erwartet coronabedingte Ausfälle

Der Kanton, sprich die Verantwortlichen des Amts für Kultur, müssten spüren, dass sowohl die Bauherrschaft als auch die Bevölkerung einer Stadt oder Region hinter einem Projekt stünden. Ansonsten bestehe die akute Gefahr, dass der Kanton sich aus dem Engagement zurückziehe, umso mehr, als auch auf kantonaler Ebene mit Steuerausfällen als Folge der Coronakrise gerechnet werde.

Noch fragiler sei die Angelegenheit mit den Stiftungen und den Mäzenen. Die Unterstützung sei eng gekoppelt an Vertrauen auf den Verlass auf eine Realisierung des Projekts.

Zögen sich der Kanton und Private aus dem finanziellen Engagement zurück, müsste die Stadt die gesamten Kosten tragen; zwei Drittel der Investitionssumme, rund 26 Millionen Franken, wären weg. Zu diesem Betrag kommen gemäss Griesfelder rund fünf Millionen Franken, die bei einer Eröffnung in zwölf Jahren in den baulichen Unterhalt gesteckt werden müssten. Unter dem Strich erwüchsen der Stadt Mehrkosten von 30 Millionen Franken, die Teuerung ist darin noch nicht einmal berücksichtigt. Griesfelder sagt:

«Die Verschiebung hat uns kalt erwischt.»

Er sieht die Sanierung und Erweiterung des Kunstmuseums bedroht. Dabei hat dieses Vorhaben eine lange Geschichte. Bereits Ende der 1990er-Jahre war gemäss Communiqué klar gewesen, dass die «wichtigste Kunstinstitution der Ostschweiz» erneuerte Räumlichkeiten benötigt, um ein zeitgemässes Besuchererlebnis zu bieten und ihrer kunsthistorischen Verantwortung gerecht zu werden.

Mit der Strategie «3 Museen – 3 Häuser» wurde 2004 definiert, wie die Stadt ihre drei grossen Museen (Kunstmuseum, Naturmuseum, Historisches und Völkerkundemuseum» modernisieren will. Zur Erinnerung: Das Historische und Völkerkundemuseum wurde saniert, das Naturmuseum wurde im Osten der Stadt neu gebaut und eröffnet. Das Kunstmuseum harrt noch immer seiner Erneuerung.

2012 gewann die Park Architekten AG mit Markus Lüscher den Architekturwettbewerb für das Kunstmuseum. Das Ergebnis des Projekts ist gemäss der Kunstmuseumsdirektion ein modernes Kunstmuseum, das internationale Ausstrahlungskraft hat, den Stadtpark als Begegnungsort für alle St.Gallerinnen und St.Gallen aufwertet. Denn die Architekten seien behutsam mit dem Stadtpark und dem historischen Kunklerbau umgegangen, der sich in der höchsten nationalen Schutzklasse befinde.

Auch Roland Wäspe, der seit 1989 Direktor des Kunstmuseums ist und in zwei Jahren pensioniert wird, hält mit Kritik am Stadtrat nicht zurück:

«Der Stadtrat nimmt seine Verantwortung nicht wahr.»

Es sei das dritte Mal, dass der Stadtrat das Kunstmuseum «im Regen stehen lässt». 2003 habe sich der Stadtrat unter Stadtpräsident Heinz Christen (SP) nicht genügend für das Projekt «Moby» engagiert, deshalb sei es vom Stimmvolk bachab geschickt worden. Jahre später habe der Stadtrat die Projektierung von Kunst- und Naturmuseum voneinander entkoppelt. Und jetzt das: Eine Verschiebung des Projekts zur Erneuerung des Kunstmuseums um weitere fünf Jahre als Massnahme eines Coronamassnahmenpakets sei ein Debakel («Tagblatt» vom 17.Juni). Wäspe spricht von «kompletter Ignoranz» und von «einem Schlag ins Gesicht».

Roland Wäspe, Direktor Kunstmuseum St.Gallen, geht 2022 in Pension.

Roland Wäspe, Direktor Kunstmuseum St.Gallen, geht 2022 in Pension.

Ralph Ribi

St.Gallen hinke anderen Städten weit hinten nach: In Zürich werde das Kunstmuseum um mehrere zehntausend Quadratmeter erweitert, Vaduz habe bereits ein neues, in Bregenz, Aarau und Chur seien die Häuser schon modernisiert worden.

Maria Pappa: «Wir haben mit dem Kanton geredet»

Stadträtin Maria Pappa, Vorsteherin der Direktion Planung und Bau, versteht den Ärger der beiden Kunstmuseumsdirektoren. Denn das wichtige Projekt sei auf der Zielgeraden und hätte im Herbst dieses Jahres dem Stadtparlament vorgelegt werden sollen.

Maria Pappa, Stadträtin für Bau und Planung.

Maria Pappa, Stadträtin für Bau und Planung.

Ralph Ribi

«Aber», sagt Pappa, «wir mussten die Notbremse ziehen und wegen der prognostizierten Steuerausfälle als Folge der Coronakrise das Investitionsvolumen nivellieren.» Zur Befürchtung Roman Griesfelders, wonach der Kanton seinen in Aussicht gestellten Beitrag an die Kunstmuseumsmodernisierung zurückziehe, sagt die Baudirektorin der Stadt: «Wir haben mit den Verantwortlichen des Amts für Kultur gesprochen.» Der Beitrag werde nicht gestrichen, sagt Maria Pappa.

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