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Interview

Das grosse Interview mit FCSG-Coach Zeidler: "Ich kam mir vor wie ein Popstar"

Der 55-jährige Deutsche ist ab nächster Saison der neue Trainer des FC St. Gallen. Zeidler, der einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat, über seine Erinnerungen an St. Gallen, das Ende in Sitten und die Liebe zu Frankreich.
Interview: Christian Brägger, Patricia Loher
Peter Zeidler steht, wie sein einstiger Mentor Ralf Rangnick, für ambitionierten und attraktiven Fussball. © Urs Bucher/ TAGBLATT

Peter Zeidler steht, wie sein einstiger Mentor Ralf Rangnick, für ambitionierten und attraktiven Fussball. © Urs Bucher/ TAGBLATT

Peter Zeidler, der FC St. Gallen stellt derzeit eine wenig erfolgreiche Mannschaft. Weshalb haben Sie sich trotzdem entschieden, in die Ostschweiz zu kommen?

Nach dem ersten Gespräch mit Alain Sutter habe ich gespürt, dass wir auf derselben Wellenlänge sind. Ich weiss, in welches Land ich komme, ich weiss aufgrund meiner Zeit im Wallis über den Schweizer Fussball Bescheid. Mit dem FC Sion habe ich zweimal gegen St. Gallen gespielt. Einmal im Tourbillon, einmal in St. Gallen. Wir haben beide Spiele verloren – auswärts in der letzten Minute. Damals spürte ich, dass das Publikum Einfluss nahm. Und wie viel dieser Sieg den Zuschauern bedeutete. Auch das enge Stadion hat mich beeindruckt. Es gibt selten Arenen, in denen man derart nahe dran ist am Spielfeld.

Ihre früheren Arbeitgeber Hoffenheim und Salzburg setzen auf Systemfussball. Wollen Sie etwas Ähnliches in St. Gallen implementieren?

Ich mache sicher keine grossen Sprüche. Aber es ist richtig: Ich arbeitete drei Jahre in Hoffenheim und drei Jahre in Salzburg. Einer der wichtigsten Protagonisten war dabei jeweils Ralf Rangnick, der in meiner Karriere eine grosse Rolle gespielt hat. Diese Schule hat mich geprägt. Salzburg will stets in der aktiven Rolle sein und nach vorne spielen. Ich habe den Auftritt der Österreicher in der Europa League gegen Marseille verfolgt. Da hatte es schon Elemente drin, die mir gefallen. Wir werden versuchen, diese hier zu implementieren.

Im Vergleich mit Salzburg oder Sion verfügt St. Gallen über ein bescheidendes Budget. Wie gehen Sie mit Wünschen nach Spielern um?

Die Qualität der Spieler ist natürlich entscheidend. Und auch die Art, wie sie zusammenspielen können. Wir benötigen sehr gute Akteure, aber es sind schon einige gute da. Alain Sutter und ich versuchen nun, noch den einen oder anderen zu verpflichten. Damit wir eine Mannschaft haben, die gerne zusammenspielt. Da ist das Budget natürlich wichtig. Aber nicht das alleinige Kriterium. Wir wollen die Spieler von unserer Sache, unserem Projekt überzeugen.

Sie wissen bereits, welche Spieler Sie hier haben wollen und welche nicht?

Wir führen nun erste Gespräche. Aber wir wollen die Vorbereitung auf das Lausanne-Spiel nicht stören. Wir brauchen nicht sieben, acht neue Profis. Drei, vier Verstärkungen schweben mir vor.

Ihre Engagements in Sitten und Sochaux waren von kurzer Dauer. In St. Gallen haben Sie nun aber einen Dreijahresvertrag erhalten.

Das ist richtig. Und es gibt im Fussball keinen grösseren Vertrauensbeweis als die Laufzeit eines Kontrakts. In Sochaux war ich eine Saison, in Sitten nicht einmal eine ganze. Aber ich war davor in Hoffenheim und im Salzburger Vereinsgefüge länger engagiert. Es ist das beste für jeden Trainer, wenn er länger irgendwo arbeiten kann. Ich hoffe, dass wir das auch hier schaffen.

Wie beurteilen Sie die jüngsten Leistungen des FC St. Gallen?

Eine Beurteilung steht mir nicht zu. Aber wenn man sechs Spiele in Folge verliert, fehlt das Selbstvertrauen. Am Samstag kann die Mannschaft gegen Lausanne Fünfte werden und den Europacup erreichen. Das wär doch was.

Als Sie sich am Sonntag das Spiel St. Gallens in Sitten ansahen, wurden Sie von Anhängern Sions stürmisch empfangen. Waren Sie erstmals nach Ihrer Entlassung wieder im Tourbillon?

Ja. Früher hätte ich es nicht übers Herz gebracht. Constantin hat mich ja vier Wochen vor dem Saisonende entlassen. Er sagte: «Mit dir werden wir den Cupfinal verlieren.» Ich wollte mir dann kein Spiel des FC Sion mehr anschauen. Aber es war unglaublich, was am Sonntag abging. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich kam mir fast vor wie ein Popstar.

In Sitten haben Sie eine andere Seite des Fussballs kennen gelernt mit einem umtriebigen Präsidenten. Constantin soll einmal gesagt haben, Sie hätten sich aufgeführt als seien Sie der Papst.

Ich habe keine Probleme mit Constantin. Er hat gesagt, sein grösster Fehler sei es gewesen, Zeidler zu entlassen. Er gibt mir wieder die Hand und will mich küssen, wenn er mich sieht. So ist das im Wallis. Der Schweizer Fussball braucht Constantin, obwohl man ihn oft nicht verstehen kann. Aber er hat mir in Sitten eine Chance gegeben. Ich war ja in Salzburg einer von vielen Trainern, der die Champions League nicht erreicht hat. Kurz danach scheiterten wir gegen Dynamo Minsk in der Europa League. Nach der Niederlage in Altach war es dann in Salzburg für mich vorbei. Die Entlassung war ein Schlag, ich war ein paar Monate ohne Job. Dann kam Constantin.

War es für Sie nach der Entlassung in Sitten schwierig, wieder auf die Beine zu kommen?

Salzburg war schwieriger, weil ich danach sechs Monate ohne Arbeit war. In Sitten hatte ich noch einen Vertrag, der nicht so schlecht war. Aber ich sagte: «Ich verzichte auf alles. Ich will wieder arbeiten.» Dann ging ich nach Sochaux.

Weshalb war Salzburg härter?

Das war meine Chance auf die Champions League. Wir haben in der Qualifikation gegen Malmö 2:0 gewonnen. Im Rückspiel stand es nach zehn Minuten 0:2, wir verloren 0:3. Ich sagte zu meiner Frau, die nach Schweden in die Ferien wollte: «Da gehen wir nicht mehr hin.» In Salzburg hatte ich die Chance, in einem grossen Projekt dabei zu sein. Deshalb war meine Entlassung eine Enttäuschung. Aber rückblickend war ich damals nicht in Topform.

Wie meinen Sie das?

Ich hatte wohl nicht dieselbe Ausstrahlung wie sonst, weil ich unsicher war. Die Mannschaft war im Umbruch. Man war frustriert in Salzburg, weil die Champions League stets verpasst wurde. Man fragte sich: Weshalb schafft es Basel mit einem geringeren Budget und wir nicht? Sie kennen ja die Rivalität. Die ist nicht nur im Skifahren gross.

Was wissen Sie über die Ostschweiz?

Aufgewachsen bin ich zwischen Ulm und Stuttgart. Es war eine Zeit, als die Feriendestinationen noch nicht Italien, Südfrankreich oder Ibiza hiessen. Wir fuhren jeweils in Richtung Bodensee. Ich habe mich stets gefragt: Geht es auf der anderen Seite noch weiter? Als ich Trainer bei Salzburgs zweitem Team Liefering war, spielten wir oft in Vorarlberg und mit Salzburg auch in Altach. Daher kenne ich die Region. Ich fühle mich nicht so weit weg von St. Gallen. Ich kann wieder in meiner Muttersprache reden. Obwohl ich Französisch liebe, ich war ja im ersten Teil meines Lebens Französischlehrer.

Woher kommt die Liebe zu Frankreich?

Wahrscheinlich ist sie über den Fussball entstanden. In den 1980er-Jahren gab es die grosse französische Generation mit dem «Carre magique»: mit Platini, Giresse, Tigana und Fernandez. Ich habe dann Französisch studiert und war fast 20 Jahre lang Lehrer am Gymnasium. Mein Traum war es, irgendwann als Trainer nach Frankreich zu gehen und in die erste Liga zu kommen – ich habe es nicht geschafft. Aber wir haben mit Sochaux gegen Paris St-Germain im Cup gespielt und in Lens vor fast 30000 Zuschauern gewonnen. Ich habe jeden Tag genossen.

Weshalb verlassen Sie Sochaux?

Weil ich spüre, dass man in St. Gallen etwas bewegen kann. Ich weiss, es wird nicht einfach. Es kann auch holprig werden. Dann müssen wir ruhig bleiben. Wo war Luzern im Winter? Im Abstiegskampf. Und nun hat sich das Team in die Europa League gespielt. In der Schweiz kann es schnell gehen. Man darf nicht ernsthaft denken, dass man die Young Boys oder Basel angreifen kann, obwohl: Constantin hat das geglaubt.

Haben Sie Alain Sutter erst beim FC St. Gallen kennen gelernt?

Meine erste Station im Profifussball war der VfR Aalen in der dritten Liga. Ich war Co-Trainer von Willi Entenmann und Entenmann war Sutters Trainer in Nürnberg gewesen. Entenmann hat mir fast jeden Tag von Sutter erzählt.

Was hat er Ihnen berichtet?

Dass Sutter ein schneller, ein technisch starker Spieler war. Dass er anders ist als die anderen. Natürlich habe ich auch die WM 1994 mitverfolgt und ich weiss, dass er über 60 Länderspiele gemacht hat. Ich habe Respekt vor grossen Karrieren, weil ich selber ja nie Profi war. Mit Alain konnte ich bei unseren Treffen auch über andere Dinge reden als über ein 4-3-3 oder Standardsituationen.

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