Das Graffiti an der Offenen Kirche in St.Gallen erhält eine Gnadenfrist

Das aufgemalte Gesicht an der Offenen Kirche soll bis Ende 2021 bleiben dürfen. Nicht alle sind zufrieden damit.

Sandro Büchler
Drucken
Teilen
«Das Graffiti muss weg»: So entschied die städtische Baubewilligungskommission im April. (Bild: Ralph Ribi, 7. August 2019)

«Das Graffiti muss weg»: So entschied die städtische Baubewilligungskommission im April. (Bild: Ralph Ribi, 7. August 2019)

Das Baugesuch mit der Nummer 56889 enthält die Nachricht, auf die wohl viele gewartet haben: Künstlerische Fassadengestaltung bis Abschluss Architekturwettbewerb Campus HSG Platztor, längstens bis 31.12.2021. Der Verein Wirkraumkirche, der die Offene Kirche am Unteren Graben betreibt, beantragt mit dem Gesuch eine befristete Bewilligung für das Graffiti am Gebäude. Das haushohe Kunstwerk an der Front der Kirche soll vorerst nicht übermalt werden und mindestens noch zweieinhalb Jahre bestehen bleiben. Das Gesuch liegt bis zum 21. August öffentlich auf.

Im April war die Zukunft des Wandbildes ungewiss. Denn damals beantragte der Verein für die ursprünglich lediglich temporäre Bemalung eine unbefristete Bewilligung. Die kantonale Denkmalpflege war dagegen: Das auf die Fassade gesprayte Frauengesicht zeige «keinerlei Respekt gegenüber dem historischen Gebäude». Aufgrund der negativen Einschätzung des Kantons lehnte auch die städtische Baubewilligungskommission das Gesuch ab. Das Gesicht sollte bis Mai 2019 übermalt werden – noch bevor überhaupt klar war, ob die Kirche dem zukünftigen Campus der Universität St.Gallen weichen muss.

Architekturwettbewerb ist ausschlaggebend

Nicht nur Theodor Pindl, der Intendant der Offenen Kirche war enttäuscht. Der Entscheid stiess auch in der Bevölkerung auf Unverständnis und Kopfschütteln. Der Aufschrei war so gross, dass in einer Petition der Erhalt des «Wahrzeichens» gefordert wurde. Über 2400 Personen unterschrieben die Forderung online. Dies führte auch bei Stadt und Kanton zu einem Umdenken. Die Parteien setzten sich im Juni und Juli an einen Tisch. In der Zwischenzeit hatte die St.Galler Stimmbevölkerung dem Bau des Uni-Campus am Platztor zugestimmt. Frühestens 2024 sollen die Bagger auffahren. Ob die Offene Kirche, die auf dem Bauareal steht, abgebrochen wird oder bestehen bleibt, wird erst nach Abschluss des Architekturwettbewerbs, also Ende 2021, klar sein. Jedoch stehen aktuell alle Zeichen auf Abbruch.

Das Ergebnis des Wettbewerbs gebe den Ausschlag, wie es mit der Kirche weitergehe, sagt die zuständige Stadträtin Maria Pappa. Der gewählte Zeitpunkt sei in der Debatte ausgehandelt worden. Zeichne sich Ende 2021 ab, dass die Kirche tatsächlich weichen müsse, könnten die Betreiber die Bewilligung für das Graffiti nochmals bis zum Baustart verlängern, sagt Pappa weiter.

Denkmalpflege verlangte Frist

«Wir haben uns vor den Gesprächen gewünscht, dass das Graffiti bis zur Umnutzung oder dem Abbruch bewilligt worden wäre – bis 2024 oder ohne eine Jahreszahl», sagt Roman Rieger, Vereinspräsident von «Wirkraumkirche». Die involvierte Denkmalpflege habe jedoch eine Zahl verlangt. Dieser Forderung kamen die Betreiber der Offenen Kirche entgegen. Doch in Riegers Worten schwingt eine leise Enttäuschung mit:

«Wir sind mittelmässig zufrieden.»

Ivan Furlan, Leiter des Amts für Baubewilligungen spricht hingegen von einem Kompromiss, den man erzielt habe. «Es ist ein gangbarer Weg», sagt Furlan. Sobald das Ergebnis des Architekturwettbewerbs vorliege, könne man den Fortbestand der Kirche und damit des Wandbildes neu beurteilen.

Wie lange das Graffiti also weiter die Fassade der Offenen Kirche ziert, bleibt unklar. Gehen keine Einsprachen gegen das aktuelle Baugesuch ein, erhält das Wandbild eine Gnadenfrist von zweieinhalb Jahren.

Rekurs und Online-Petition: Das Graffiti an der Offenen Kirche soll bleiben

Das Aus für das Graffiti an der Offenen Kirche in St.Gallen stösst in der Bevölkerung auf Unverständnis. Der St.Galler Marcel Baur lanciert nun eine Online-Petition. Das Ziel: Der kantonale Denkmalschutz soll das Gesuch nachträglich doch noch bewilligen. Gleichzeitig will ein Verein einen Rekurs gegen den Kantonsentscheid einlegen.