Das Gossauer Marktstübli bleibt definitiv erhalten

Das Marktstübli bleibt erhalten. Das hat der Stadtrat frühzeitig entschieden. Die Belegungszahlen haben sich innert zweier Jahre verfünffacht. Die Vereine machen davon aber nur einen Bruchteil aus.

Johannes Wey
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Das Marktstübli wird nach wie vor selten von Vereinen genutzt. (Bild: Ralph Ribi 11. April 2017)

Das Marktstübli wird nach wie vor selten von Vereinen genutzt. (Bild: Ralph Ribi 11. April 2017)

Auf den ersten Blick sind die Zahlen eindrücklich: 160 Mal wurde das Marktstübli 2018 genutzt und damit fünfmal häufiger als im Jahr 2016. 2015 hatte das Lokal gar an über 340 Tagen leer gestanden und war damit ein Sorgenkind der Stadt. Da die Kesb mehr Büroräume benötigte, entschied der Stadtrat, das Stübli umzunutzen – was einen Aufschrei unter den Vereinen auslöste (siehe unten).

Nun wird das Stübli also an fast jedem zweiten Tag genutzt. Für den Stadtrat Grund genug, die «Bewährung» vorzeitig zu beenden und sich festzulegen, dass das Lokal definitiv bestehen bleibt.

Eigentlich hatte er sich bis im Frühling Zeit für eine Bilanz lassen wollen. «Wir haben schon viele Anfragen für 2019. Deshalb wollten wir diesen Interessenten Gewissheit geben», begründet Stadträtin Gaby Krapf-Gubser.

Die neuen Nutzer bringen die Frequenz

Krapf findet die bessere Auslastung erfreulich. Allerdings geht die Zunahme nur am Rande auf die Vereine zurück, welche die angepeilte Schliessung vor zwei Jahren lautstark bekämpft hatten. Am häufigsten quartierten sich die regelmässigen Nutzer mit 70 Terminen im Marktstübli ein. Der Tavola-Mittagstisch findet wöchentlich, die Family Church zweimal im Monat statt.

Deutlich zugenommen hat auch die Nutzung durch Private, etwa für Geburtstagsfeiern. Diese Anlässe haben von 17 im Jahr 2017 auf 58 im Jahr 2018 zugenommen. Private und regelmässige Nutzungen lässt die Stadt erst seit Frühling 2017 zu.

Mit der vorherigen Regelung wollte der Stadtrat Rücksicht auf die Restaurants nehmen. «Nun sind wir der Meinung, dass das lokale Gewerbe auch von privaten Anlässen profitieren kann, etwa durch Caterings», sagt Krapf. Das Marktstübli schliesse eine Lücke, in der es bislang wenige Angebote gegeben habe.

Aber auch die Stadt Gossau selber ist auf den Geschmack gekommen und zur wichtigsten Einzelnutzerin avanciert: 60 Anlässe wie Workshops oder Amtsleitersitzungen wurden für die Verwaltung oder Kommissionen durchgeführt, sagt  Krapf.

«Vielleicht hat es die Diskussion um das Marktstübli gebraucht.»

Denn derartige Räume gebe es im Rathaus keine. Interne Anlässe hätten oft in beengten Platzverhältnissen stattgefunden. «Wir haben gemerkt, wie gut sich dieser grosszügige Raum mit seiner Infrastruktur eignet. Zudem tut es gut, hin und wieder aus den eigenen vier Wänden herauszukommen.»

Vereine machen nur 15 Prozent aus

Die Vereine und das Gewerbe blieben hingegen unter den Erwartungen. Die jährliche Zahl ihrer Anlässe im Marktstübli habe sich zwar von 20 im Jahr 2015 auf 37 im Jahr 2018 gesteigert. Von 2017 auf 2018 sei die Zunahme aber gering ausgefallen, sagt Krapf.

«In diesem Bereich hätte ich eine grössere Nachfrage erwartet.»

Um das Marktstübli gerade für Vereine attraktiver zu machen, hat die Stadt 2017 35'000 Franken investiert, unter anderem in Geschirr und einen Beamer. Ausserdem wurden die Öffnungszeiten ausgeweitet, auf Anregung eines parlamentarischen Vorstosses aus der Feder von CVP-Stadtparlamentarier Martin Pfister. Die neuen Öffnungszeiten haben sich laut Krapf bewährt: «Von Anwohnern gab es keine Reklamationen.»

Das Hin und Her um das Marktstübli

  • 17. Oktober 2016 «Marktstübli wird in Büros umgenutzt», lautet die Überschrift einer 800 Zeichen umfassenden Mitteilung der Stadt. Vereine und Parteien wurden im Vorfeld nicht informiert. Es bricht ein Sturm der Entrüstung los.
  • 14. November 2016 Der Stadtrat lädt zu einer Aussprache ein. Es kommen fast 100 Vereinsvertreter und Parlamentarier. Der Stadtrat räumt Fehler in der Kommunikation ein und vertagt den Entscheid auf Januar 2017. Zudem lädt er die IG Sport und die IG Kultur zu einer weiteren Aussprache ein.
  • 6. Dezember 2016 Während der Budgetdebatte im Parlament stellt die Flig erfolglos den Antrag, das Marktstübli für 30'000 Franken aufzuwerten. Ebenfalls von der Flig stammt die Interpellation «Marktstübli – Tschüss», für deren Beantwortung der Stadtrat erneut Kritik einstecken muss.
  • 16. Januar 2017 Der Stadtrat krebst zurück und räumt dem Marktstübli eine Gnadenfrist bis Ende 2019 ein. Sofern es gut genutzt wird, bleibt das Lokal bestehen. Und: Der Stadtrat spricht einen Kredit über 35'000 Franken zur Verbesserung der Infrastruktur.
  • 7. Januar 2019 Noch vor Ablauf der Frist ist für den Stadtrat klar: Das Marktstübli bleibt bestehen.

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Noemi Heule