«Nur, weil wir nicht mehr im Dorf sind, heisst das nicht, dass wir nicht mehr für die Leute da sind» – Auf Patrouille mit zwei Polizisten durch Gaiserwald

Ein halbes Jahr ist es her, seit der Polizeiposten Abtwil geschlossen worden ist. Seither wird Gaiserwald von Gossau aus betreut. Während einige die Schliessung nach wie vor bedauern, bemühen sich die Polizisten, den persönlichen Kontakt aufrechtzuerhalten.

Perrine Woodtli
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Urs Vollmeier und Magdalena Fässler vor der Gossauer Polizeistation. Er ist seit gut 20 Jahren bei der Polizei, sie seit 4. (Bild: Benjamin Manser (4. Juni 2019))

Urs Vollmeier und Magdalena Fässler vor der Gossauer Polizeistation. Er ist seit gut 20 Jahren bei der Polizei, sie seit 4. (Bild: Benjamin Manser (4. Juni 2019))

8.30 Uhr vor der Polizeistation in Gossau. Die Sonne brennt bereits auf die Polizeiautos. Urs Vollmeier und Magdalena Fässler setzen sich in den Streifenwagen. Eine Patrouillenfahrt durch Gaiserwald steht an. Bis letzten November mussten die beiden dafür noch nicht von Gossau nach Gaiserwald fahren. Damals waren sie noch auf dem Polizeiposten in Abtwil stationiert. Dieser wurde Anfang Dezember geschlossen. Seither wird Gaiserwald von Gossau aus betreut.

Urs Vollmeier schaltet das Radio ein. Über Waldkirch geht’s Richtung Engelburg. Die Routen seien von Tag zu Tag unterschiedlich, sagt er. «Uns wird nicht vorgeschrieben, wo wir wann durchfahren. Wir sind da sehr frei und variieren.» Er und Fässler sind nach wie vor hauptsächlich für Gaiserwald zuständig. Mit der Schliessung des Polizeipostens habe sich vor allem eines geändert: die kurzen Wege. «Ansonsten blieb vieles gleich», sind sie sich einig. In Abtwil seien sie mehr Allrounder gewesen, da sie auch fürs Sekretariat zuständig waren. Auf einem grösseren Posten wie Gossau falle dies weg, dafür ermittelten sie mehr.

Mit offenen Augen durch die Quartiere

Vollmeier lenkt das Auto durch das Engelburger Quartier Chapf. Aufmerksam schauen er und Fässler aus dem Fenster. «Die Bewohner haben uns gemeldet, dass wir zu selten hier sind», sagt Vollmeier. Solche Anliegen versuche man aufzunehmen. Vollmeier ist der Meinung, dass die Polizei gleich stark in Gaiserwald präsent ist, wie zu Zeiten des Abtwiler Postens. «Wir machen keine Strichli-Liste. Aber es ist sicher nicht weniger geworden», sagt er. 

«Nur, weil wir nicht mehr im Dorf sind, heisst das nicht, dass wir nicht mehr für die Leute da sind.»

Mit dem Projekt «Kantonspolizei der Zukunft», das in der Polizeiregion Fürstenland-Neckertal am 1. Juli startet, werde die Präsenz in den Gemeinden zudem erhöht. Die Kantonspolizei setzt immer stärker auf die mobile Polizei. Ab Juli werden die Beamten der einzelnen Stationen teilweise auch vom Stützpunkt Oberbüren aus als mobile Polizei operieren. «Die Polizei kann so mehr Leute rausschicken und schneller reagieren, wenn etwas passiert.»

Nach dem Chapf geht es über die Kreuzstrasse den Hügel hinauf. Dort oben steht versteckt zwischen ein paar Häusern ein leer stehendes, wild überwuchertes Haus. Am Sonntag hatte sich jemand bei der Polizei gemeldet, weil er Lärm aus dem Haus gehört hat. Als eine Patrouille nachsah, traf sie aber niemanden an. Vollmeier und Fässler schauen sich das Haus an. Er will zur Gemeinde und herausfinden, wem die Liegenschaft gehört. «Klar könnten wir kurz anrufen», sagt Fässler. «Wir schauen aber lieber im Gemeindehaus vorbei.» Auch ihnen sei der Kontakt wichtig.

Gesprächsthema auf dem Friseurstuhl

Von Engelburg geht es über die Spisegg nach Abtwil. Regelmässig rauscht es aus dem Funkgerät. Während Vollmeier im Gemeindehaus vorbeischaut, nutzt Magdalena Fässler die Gelegenheit für einen Abstecher in den nahe gelegenen Coiffeursalon. Dieser befindet sich im selben Gebäude, in dem auch der Polizeiposten war. Die Inhaberin strahlt, als sie die Polizistin erblickt. Ja, sie vermisse die Polizei, sagt sie. Der Wegzug sei immer wieder Thema im Salon. «Die Leute wollen sie zurück.»

Fässler nickt verständnisvoll. «Da wir nicht mehr im selben Haus arbeiten, sieht man sich seltener.» Stand das Polizeiauto vor dem Posten, fühlten sich viele Bürger sicherer. «Nur weil ein Polizist vor Ort ist, ist es aber nicht sicherer. Wenn ich alleine auf dem Posten bin, was oft war, kann ich bei einem Ernstfall sowieso nichts machen. Wir sagen: ‹Ein Polizist ist kein Polizist›.»

Nächster Halt Säntispark. Beim Rundgang drehen sich die nach ihnen um, die Kinder zeigen auf sie. Wer eine blaue Uniform trägt, ist unter ständiger Beobachtung. Fässler hält hier und da einen kurzen Schwatz ab. «Schon lange nicht mehr gesehen», ruft ihr eine Frau zu. Nach einer Kaffeepause geht es über den Sonnenberg, vorbei am Walter-Zoo wieder nach Gossau.

Nach zwei Stunden sind Vollmeier und Fässler zurück auf dem Posten. «Genug Arbeit im Büro hätten wir schon», sagt Fässler. «Aber die Zeit für eine Fahrt muss man sich nehmen.» Weniger im Büro, mehr unter den Leuten, lautet die Devise. Unterm Strich seien in jeder Gemeinde täglich Polizisten unterwegs. So wird auch morgen wieder ein Polizeiauto seine Runden durch die Abtwiler Quartiere drehen.

Polizei fährt nur noch durch

Der Entscheid, den Abtwiler Polizeiposten zu schliessen, stiess 2018 auf Unverständnis. Der Gaiserwalder Gemeinderat befürchtete eine «Anonymisierung und Entfremdung» zwischen Polizei und Bevölkerung. Ein halbes Jahr später, sagt Gemeindepräsident Boris Tschirky: «Wir mussten uns damit arrangieren.» Ein Unterschied seien sicher die kurzen Wege zum Polizeiposten, die weggefallen seien. «Die Polizei ist zwar nach wie vor präsent, um dem Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung Rechnung zu tragen», sagt Tschirky. «Sie fährt aber nur noch durch die Gemeinde. Es fehlt der direkte Kontakt und der persönliche Austausch. Das ist schade und nicht wegzudiskutieren.» Für viele sei die Polizei eine Institution, die ins Dorf gehöre.

SVP will nach einem Jahr Bilanz ziehen
Der Gemeinderat werde sich vor den Sommerferien mit den Verantwortlichen der Kantonspolizei austauschen, und über die Situation sprechen und Bilanz zu ziehen. Zudem sei man offen für Reaktionen aus der Bevölkerung. Dass die Polizei Thema in der Gemeinde sei, wisse er bislang nur von einer direkten Kontaktaufnahme mit ihm, sagt Tschirky. «Ich bin aber auch nicht an jedem Stammtisch anzutreffen.»
Gewehrt gegen die Schliessung hatte sich vor allem die SVP Gaiserwald. Auch sie befürchtete fehlende Präsenz und war überzeugt, dass die Polizei die Nähe zur Bevölkerung nicht mehr gewährleisten könne. Die SVP Gaiserwald plane, ein Jahr nach der Postenschliessung Bilanz zu ziehen, teilt Parteipräsident Philipp Köppel mit. Jetzt sei es zu früh dafür. (woo)

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Marco Cappellari