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Kulturskandale in St.Gallen: Das Fass des Anstosses

Der «Wasserturm» von Roman Signer stand im Zentrum der hitzigsten Debatte, die in den vergangenen 30 Jahren um ein St. Galler Kunstwerk tobte. Die Wogen um den plätschernden Brunnen gingen hoch, und er liess sogar Scheiben bersten.
Roger Berhalter
Ein Fass auf dem Sockel: Der plätschernde «Wasserturm» des Künstlers Roman Signer am Oberen Graben. (Bild: Ralph Ribi)

Ein Fass auf dem Sockel: Der plätschernde «Wasserturm» des Künstlers Roman Signer am Oberen Graben. (Bild: Ralph Ribi)

«Ah, das pissende Fass!», sagt eine 17-Jährige, auf den Brunnen im Grabenpärklein angesprochen. Auch der heutigen Jugend ist der «Wasserturm» von Roman Signer noch ein Begriff, auch wenn sich die Wogen um die plätschernde Skulptur längst geglättet haben. Heute gilt das rote Fass auf den Stahlstelzen als eines der St. Galler Wahrzeichen. Touristen machen hier auf Stadtführungen Halt und bestaunen den Wasserstrahl, der aus dem Fass in weitem Bogen hinunter in den Park spritzt. Ist das Kunst? Heute scheint die Antwort klar: Ja, natürlich ist das Kunst! Vor 30 Jahren aber war diese Frage heiss umstritten.

Es begann harmlos und hochoffiziell. Der städtische Gewerberverband wollte anlässlich seines 150-jährigen Bestehens der St. Galler Bevölkerung ein Geschenk machen und lancierte einen Kunstwettbewerb, den Roman Signer mit seinem «Wasserturm» gewann. Die Jury lobte in ihrem Bericht die überzeugenden Proportionen des Brunnens und den «gesunden Humor, der eine poesievolle Note» gebe. «Wie der aus grosser Höhe fallende Wasserstrahl sich mit dem Leben im Grabenpärkli verbindet und zum Spiel auffordert, so ruft Roman Signers Objekt zur Auseinandersetzung und Beteiligung auf.» Im Juni 1986 übergab der Gewerbeverband sein Jubiläumsgeschenk der Stadt.

«Sie verschandeln damit unsere schöne Stadt»

Danach war es vordergründig erst einmal ruhig um das rote Fass. Doch die Volksseele kochte, und am 29. April 1987 öffnete die «Ostschweiz» ein Ventil für diesen Ärger. Von der Zeitung auf der Strasse befragt, liessen Passanten Dampf ab und schimpften über den «Wasserturm». Dies löste eine Flut von empörten Leserbriefen aus. «Ich frage mich, woher unsere Stadtväter und die von ihnen Beauftragten das Recht nehmen, uns St. Gallerinnen und St. Gallern derartige Hässlichkeiten zuzumuten und das dazu noch als Kunst zu bezeichnen», schrieb eine Leserin. Bald war vom «Fass des Anstosses» die Rede. Ein Leser kritisierte den Stadtrat: «Sie verschandeln damit unsere schöne Stadt.» Ein anderer berichtete, er spüre beim Anblick des Brunnens jedes Mal einen Brechreiz. Eine Leserin vermutete, «dass da ein reicher Ölscheich versteckt-offene Werbung für seine überfüllten Öllager» mache. Einer warnte: «Wehe unseren Kindern und Enkeln, die in solcher Atmosphäre aufwachsen!»

Alfons J. Keller, Roland Mattes und Jost Hochuli haben diese und weitere Leserbriefe sowie Pressestimmen zum Brunnen gesammelt und im Sommer 1987 herausgegeben. Die Lektüre des Büchleins zeigt, wie aufgeheizt die Stimmung damals war und wie sie gar ins Aggressive kippte. So zerschlugen Unbekannte im Mai 1987 das Schaufenster der Konditorei Pfund, die eine süsse Nachbildung des Brunnens ausgestellt hatte.

«Das war extrem kleinstädtisch damals», erinnert sich Roman Signer in der «WOZ»-Ausgabe vom vergangenen 21. Juni. Er habe kaum mehr in die Beiz gehen können. «Die Leute steigerten sich in etwas hinein, mir wurde es schaurig unheimlich. Am Schluss hätten sie wohl noch einen Fackelzug gemacht zu meinem Atelier. Das ist mir wirklich eingefahren. Ich habe mir gedacht, die Zivilisation ist nur eine dünne Schicht, darunter ist der Sumpf. Man kann das Volk aufhetzen, wenn man will.» Ein metallenes Fass weckte damals bedrohliche Bilder im Kopf. Vielleicht lässt sich dadurch die Aufregung erklären. Frühling 1987, das war ein Jahr nach der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl und wenige Monate nach dem Chemie-Grossbrand in Schweizerhalle. Der Ölpreis war im Sinkflug, die Entsorgung von Atommüll ein drängendes Thema.

Dann kommt ein St. Galler Künstler daher und hievt ein Fass auf den Sockel! Wobei Signer schon damals betonte, seine Skulptur habe weder mit Chemie- und Ölfässern noch mit Atommüll zu tun. Er erklärte sich den Ärger anders: «Das Fass ist ein Blitzableiter für Leute, die sonst immer alles in sich hineinfressen, die bei grossangelegten Stadtveränderung – einer Autobahn etwa – nicht den Mut haben, sich zu Wort zu melden», sagte er am im Mai 1987 gegenüber dem «Tagblatt». Im Juni unterschrieben 4336 Personen eine Petition, um den Brunnen zu bodigen.

Franz Hohler war einer der Befürworter

Es gab auch positive Stimmen. Der Stadtrat verteidigte Roman Signer in seiner Antwort auf die Petition (und auf einen parlamentarischen Vorstoss) als ernsthaften Künstler, und er bekannte sich zu einer freiheitlichen Kulturpolitik. Auch der Gewerbeverband hielt trotz allem Trubel «fest am Mut und Ja zur modernen Kunst», wie es im Büchlein von Keller, Mattes und Hochuli heisst. Der Schriftsteller Franz Hohler setzte sich im Vorwort ebenfalls für den Brunnen ein und äusserte eine Bitte an all die wütenden Leserbriefschreiber: «Setzt euch mit ebenso viel Vehemenz und Gefühl für die Schönheit des Alltags ein, wie ihr gegen die Hässlichkeiten der Kunst wettert.»

Dinosaurier als Brunnen-Bewacher

Es sollte nur ein Spass sein, doch der Stadtrat fand die Aktion gar nicht lustig. Am Gründonnerstag 1995 stellte der St. Galler Künstler Christian Bösch im Grabenpärkli drei Dinosaurier-Eisenplastiken auf. Der grösste Saurier war fünf Meter hoch, zwölf Meter lang und 3,5 Tonnen schwer, wie Théo Buff in seinem Buch «St. Gallen. Eine Stadt, wie sie nie gebaut wurde» schreibt. Der Künstler agierte bei Nacht und Nebel, die Stadt wusste von nichts und hatte die Plastiken auch nicht bewilligt. Entsprechend verärgert war der damalige Bauvorstand Erich Ziltener. Abgesehen davon, dass sie illegal platziert worden seien, würden die Eisenplastiken den Blick auf Roman Signers Fass-Brunnen versperren. Ziltener streute mit dieser Aussage Salz auf alte Wunden, und der Streit um das Fass (siehe Haupttext) flammte wieder auf. Erneut standen sich die Befürworter und Gegner des Kunstwerks in Leserbriefen gegenüber. Nicht die Dinos müssten weg, meinten einige, sondern der Brunnen.

Der Künstler reagierte gemäss Théo Buff gelassen. «Die Dinos bewachen lediglich den Fassbrunnen. Ich erhebe auch nicht Anspruch auf einen künstlerischen Wert, es sollte einfach was sein, das dem Volk gefällt.» Die Dinosaurier konnten den Brunnen aber nur wenige Tage bewachen. Am Dienstag nach Ostern liess Bauvorstand Ziltener die Eisenplastiken abtransportieren und zur Zwischenlagerung in den Werkhof Waldau bringen. In der Folge stritten Stadt und Künstler gemäss Théo Buff darüber, wer die Kosten für den Abtransport übernehmen soll. Schliesslich zahlte die Stadt und verzichtete obendrein auf eine Anzeige. Die Dinosaurier wanderten nach Appenzell und später nach Zürich in die Gessnerallee. (rbe)

Fertig lustig: Die Eisenplastik wird im April 1995 wieder abtransportiert. (Bild:PD)

Fertig lustig: Die Eisenplastik wird im April 1995 wieder abtransportiert. (Bild:PD)

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