Das Ende einer Liebe

Im Kibbuz leben, ohne Einkommen und Eigentum. Das war einmal Mode. Auch Ueli Eisenhut zog vor 50 Jahren nach Israel – und blieb sein halbes Leben. Von der guten Idee der Kibbuzim, das weiss er, ist nur noch wenig übrig.

Janique Weder
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Fand in Israel eine Heimat fern der Heimat: Der St. Galler Taxifahrer Ueli Eisenhut. (Bild: Benjamin Manser)

Fand in Israel eine Heimat fern der Heimat: Der St. Galler Taxifahrer Ueli Eisenhut. (Bild: Benjamin Manser)

Ueli Eisenhut taucht den Teebeutel ins heisse Wasser. Ingwer-Zitrone. Am anderen Ende baumelt eine dunkelrote Etikette aus der Tasse. Darauf steht: «Innerer Frieden ist die Essenz des Lebens.» «Ein gutes Mantra», sagt Eisenhut und nimmt sich eine der Datteln, die in der weissen Schüssel auf dem Esstisch stehen. Medjool-Datteln, mitgebracht von Eisenhuts jüngstem Besuch aus Israel. Wobei «Besuch» eigentlich das falsche Wort ist.

Der Euphorie verfallen

Fast fünf Jahrzehnte ist es her, als der St. Galler Ueli Eisenhut, heute 67, damals 19 Jahre alt, das erste Mal nach Israel reist. Dezember 1967. Wenige Monate sind seit Israels militärischem Triumph im Sechstagekrieg vergangen, in dem das Land den Sinai, den Gaza-Streifen, die Golanhöhen und das Westjordanland erobert hat. Der Westen sieht in Israel einen von Feinden umzingelten Kleinstaat, der sich zu behaupten weiss – das Land schwimmt auf einer Welle der Euphorie. Auch er sei begeistert gewesen, erinnert sich Eisenhut. Sein besonderes Interesse aber gilt den Kibbuzim. «Ich war ein typischer Achtundsechziger. Überzeugt, dass das kapitalistische System scheitern wird.»

Kibbuz. Das hebräische Wort bedeutet Versammlung, aber es meint viel mehr. Kibbuzim, so die Mehrzahl, waren, vereinfacht gesagt, genossenschaftliche Einrichtungen ohne Privateigentum und privatwirtschaftliche Tätigkeit, mit gemeinsamer Kasse, Arbeit und Produktion. Jeder gibt, was er kann, und jeder bekommt, was er braucht: Das war die Idee hinter den ländlichen Kollektivsiedlungen, wie sie seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Israel gegründet wurden. Die ersten Mitglieder, Kibbuzniks genannt, verstanden sich als Pioniere eines zionistischen Israels. In den 1960er-Jahren dann entdeckten Jugendliche aus dem Ausland die Freiwilligenarbeit in den Kibbuzim. Das Leben dort erschien vielen wie der Prototyp einer solidarischen, befreiten Gesellschaft. Der vitale Gegenentwurf zum Europa der Nachkriegszeit.

Kurs Richtung Heimat

Vier Tage dauert die Schiffsreise von Neapel nach Haifa. Ueli Eisenhut reist auf der «Moledet». Es ist das erste hebräische Wort, das er lernt: «Heimat». In Israel angekommen, teilen sie ihn nach Bet Alfa ein, ein Kibbuz im Norden des Landes, nahe der jordanischen Grenze, am Fuss des Gilboa-Gebirges. 350 Erwachsene und 400 Kinder leben in der Siedlung, die 1922 von der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair gegründet worden ist.

Als Volontär geniesst Eisenhut Sonderstatus. Er arbeitet nur sechs Stunden am Tag, meistens in der Küche, manchmal auf dem Feld. Es sind ungezwungene Tage. Hebräisch lernt Eisenhut kaum, dafür hocken die jungen Freiwilligen aus aller Welt zu oft aufeinander. «Das kann man sich gar nicht vorstellen, wie schön das war», sagt Eisenhut heute. Dennoch findet der Traum nach acht Monaten ein Ende. Eisenhut kehrt in die Schweiz zurück.

Er soll studieren, so wollen es die Eltern. Eisenhut entscheidet sich, wenn auch widerwillig, für ein Studium der Landwirtschaft. Dass er für die Arbeit auf dem Feld taugt, hat er in Israel gemerkt. Dazwischen schiebt er ein Jahr USA – Praktikum auf einer Farm, Besuch von Kibbuz-Freunden in New York, Drogen, Parties –, «lustig, aber nicht meine Welt». Auch die Fachhochschule in Zollikon ist nicht Eisenhuts Welt. Trotzdem schliesst er das Studium ab. Als Jahrgangsbester.

Trauung per Stellvertreter

Mit dem Abschluss in der Tasche lässt sich Eisenhut nicht mehr dreinreden. Er geht zurück nach Israel. Wieder Bet Alfa, wieder Küchendienst. Und dann: «Sie hatte die schönsten Augen, die man sich denken kann.» Sie, das ist Roni Yahlom, in Bet Alfa geboren und aufgewachsen. Die Israeli und der Schweizer werden ein Paar.

Weil Eisenhut kein Jude ist, kann er Roni nicht heiraten. Nicht in Israel. Darum lässt sich das Paar per Ferntrauung von einem mexikanischen Heiratsanwalt vermählen. Zwei Wochen nach der Hochzeit – Eisenhut ist jetzt israelischer Bürger – folgt der Marschbefehl. Er, der Achtundsechziger mit dem Traum von der sozialistischen Revolution, in der Armee? «Damals machte das Sinn. Es ging um die Existenz des Landes.» Eisenhut absolviert seine Ausbildung in der Infanterie, danach in der Flugabwehr. Für einen richtigen Krieg wird er nie aufgeboten. 1982, kurz vor Ausbruch des Libanon-Kriegs, zieht Ueli Eisenhut mit seiner Familie in die Schweiz. Seine drei Töchter und sein Sohn sollen sehen, wie ihr Vater aufgewachsen ist. Eisenhut denkt gerne an jene Zeit zurück: «Es war so friedlich hier.» Er habe es genossen, Zeit mit den Kindern zu verbringen. Im Kibbuz geben die Eltern ihre Kinder wenige Tage nach der Geburt in fremde Hände. Sie wachsen in Kinderhäusern auf, die Familie sehen sie nur nachmittags.

Während dieser Jahre verändert sich auch Eisenhuts Bild von Israel. «Der Libanon-Feldzug war ein unsympathischer Krieg.» Die Regierung in Jerusalem nennt die Operation zwar beschönigend «Frieden für Galiläa». In Wirklichkeit ist es Israels erster reiner Angriffskrieg. Zwei von Eisenhuts besten Freunden sterben im Dienst. «Ich fing an, die Richtigkeit dieser Kriege anzuzweifeln.»

Nach zwei Jahren kehrt die Familie nach Bet Alfa zurück. Ueli Eisenhut übernimmt die Leitung im Stall. Er kümmert sich um 300 Milchkühe und baut im Alleingang eine Käserei auf. Doch das Leben in den Kibbuzim verändert sich. Der Volontär-Boom ist vorbei, die jungen Kibbuzniks wandern in die Städte ab, das Durchschnittsalter in den Siedlungen steigt. Haben die Kibbuzbewohner in den ersten Jahren nach der Staatsgründung 1948 noch sieben Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht, sind es Mitte der 80er-Jahre noch knapp drei Prozent. Dazu kommt, dass sich Israels politische Prioritäten immer mehr verändern, seit 1976 der konservative Likud-Block die Macht übernommen hat: Subventionen, die stets den Kibbuzim zugekommen sind, dienen neu der Errichtung jüdischer Siedlungen im Westjordanland. Unter Menachem Begin beginnt eine Misswirtschaft, die Israel die schwerste Rezession seiner Geschichte bringt. Im Juni 1985 liegt die Inflationsrate bei 450 Prozent. Vielen Kibbuzim droht der Bankrott.

Der Mythos der Gleichheit

Heute wohnen noch zwei Prozent aller Israeli in den 270 Kibbuzim des Landes. Von ihrer sozialistischen Idee ist fast nichts mehr übrig. «Die Gemeinschaft ist in den Hintergrund gerückt», sagt Eisenhut, «auf Kosten der individuellen Freiheit.» Der Mythos Kibbuz ist entzaubert.

Angefangen habe es in den Krisenjahren, sagt Eisenhut. Das System beginnt sich zu verändern. Die Kibbuzim führen die Arbeitszeiterfassung ein, Essen kostet plötzlich etwas, und obwohl es Wäschereien gibt, besitzen immer mehr Familien eigene Waschmaschinen. Statt Sackgeld gibt es Lohn, dafür eröffnet man Bankkonten. Vor allem Eisenhuts Frau Roni kämpft mit den Umwälzungen. Immer häufiger spricht sie von der Schweiz.

Vom Stall ins Taxi

Ueli Eisenhut steht einem Umzug skeptisch gegenüber. «Niemand hat hier auf einen Aussteiger wie mich gewartet.» Viel hält ihn aber auch im Kibbuz nicht mehr, die Kinder sind längst ihre eigenen Wege gegangen: Daniel arbeitet als Kunstmaler in Zürich, Sharon lebt in Holland, Jehudith und Revital sind in andere Kibbuzim umgezogen.

2003 zügeln Roni und Ueli Eisenhut nach St. Gallen. Eisenhut macht die Taxiprüfung und lernt dabei seinen heutigen Arbeitgeber kennen, «den besten Chef der Welt». Seit zwölf Jahren fährt Eisenhut vier Tage die Woche Taxi. Es gefalle ihm, gebraucht zu werden. Den Kontakt mit Menschen zu halten. In der Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in St. Georgen wohnt Eisenhut unterdessen alleine. Roni ist vergangenen Sommer nach langer Krankheit gestorben.

Manchmal vermisse er die Gemeinschaft, die alte Zeit, sagt Eisenhut. Mit Israel hingegen identifiziert er sich immer weniger. Es ist nicht mehr das Land, in das er sich als junger Mann verliebt hat. «Alles ist extremer geworden. Täter und Opfer haben die Rollen getauscht», sagt Eisenhut und nimmt einen letzten Schluck von seinem Yogi-Tee. «Innerer Frieden ist die Essenz des Lebens.» Ueli Eisenhut hat seinen Frieden gefunden. Israel noch nicht.