Die Abrissbirne wartet: Das Ende der St.Galler Villa Recife ist besiegelt

Die Villa Recife am unteren Rosenberg in St.Gallen kann abgerissen werden. Der Stadtrat hat sich dagegen ausgesprochen, sie unter Denkmalschutz zu stellen. Heimatschutz und WWF sorgen sich um andere ähnliche Ensembles aus Villa und Park am Rosenberg, die im Zuge zunehmender Verdichtung unter Druck geraten.

David Gadze
Drucken
Teilen
Die 1889 fertiggestellte Villa Recife soll mit drei anderen Gebäuden neuen Wohnhäusern weichen. (Bild: Benjamin Manser/14. Februar 2019)

Die 1889 fertiggestellte Villa Recife soll mit drei anderen Gebäuden neuen Wohnhäusern weichen. (Bild: Benjamin Manser/14. Februar 2019)

Die Tage der Villa Recife am westlichen Rosenberg sind gezählt. Das in den Jahren 1888 und 1889 erstellte Gebäude von Architekt Julius Kunkler, der auch die Tonhalle erbaut hatte, kann zusammen mit den drei Liegenschaften auf der anderen Seite der Greifenstrasse abgerissen werden. Der Stadtrat hat entschieden, die Villa Recife nicht unter Denkmalschutz zu stellen. Und die städtische Baubewilligungskommission hat das Baugesuch für vier Neubauten mit insgesamt 53 Wohnungen erteilt. Der WWF und der Heimatschutz hatten sich mit einer Einsprache dagegen gewehrt.

Die Villa Recife sei schon bei der Überarbeitung des Inventars schutzwürdiger Bauten vor 1970, das seit 2012 in Kraft ist, nicht aufgenommen worden, sagt Stadträtin Maria Pappa. Jetzt sei die «konservative städtische Denkmalpflege» zum Schluss gekommen, dass die Villa ihre ursprüngliche Identität beim Umbau von 1949 zu grossen Teilen verloren habe. «Sonst wäre sie längst im Inventar.» Deshalb habe der Stadtrat die Villa nicht nachträglich unter Schutz gestellt.

Grünflächen am Rosenberg geraten unter Druck

Dieser Entscheid sei aufgrund des Verfahrensverlaufs «keine Überraschung», sagt Lukas Indermaur, Geschäftsführer des WWF St.Gallen. Wenigstens habe man zusammen mit dem Heimatschutz eine Verbesserung der Umgebungsgestaltung erreicht, die auch die Baubewilligungskommission bemängelt hatte. Die Einsprache habe bewirkt, dass die Umgebungsgestaltung im Detail angeschaut und die Bauherrschaft gezwungen worden sei, das Projekt zu überarbeiten und nochmals aufzulegen. So sei es gelungen, einen Teil der geplanten Baumfällungen zu verhindern und dort, wo dies nicht möglich war, teilweise Ersatzpflanzungen durchzusetzen. Ob diese die bestehenden Bäume tatsächlich ersetzen könnten, sei aber eine andere Frage. Ausserdem sei erfreulich, dass die Stadt auf die Einsprache des WWF bezüglich des Baumschutzes überhaupt eingetreten sei, sagt Indermaur. Denn ob eine Baumgruppe im Siedlungsgebiet ein schutzwürdiger Lebensraum gemäss dem Natur- und Heimatschutzgesetz ist, sei rechtlich nicht ganz klar. «Wir haben mehr erreicht als in vergleichbaren Fällen.»

Indermaur gibt aber zu bedenken, dass aufgrund der baulichen Entwicklung am Rosenberg eine «schleichende Verschlechterung» zu beobachten sei. Bestehende Grünflächen würden immer stärker unter Druck geraten und Neubauten geopfert. Deshalb gelte es, einen Ausgleich zwischen den baulichen Interessen und der Freiraumgestaltung zu erreichen.

«Die Verdichtung nimmt auch am Rosenberg immer mehr zu. Darauf muss die Stadt Antworten finden.» 

Ähnlich tönt es beim Heimatschutz St.Gallen/Appenzell Innerrhoden. Er ist laut Regula Geisser, Mitglied der Stadtgruppe, von den Entscheiden enttäuscht. Es sei ärgerlich, dass die Argumente für den Schutz des Ensembles aus Villa und Park nicht berücksichtigt worden seien. Auch der Heimatschutz befürchte, dass die Opferbereitschaft für solche Ensembles infolge zunehmender Bautätigkeit am Rosenberg «ausser Fugen» gerate, sagt Geisser. Freigestellte Häuser mit Umschwung seien ein städtebauliches Merkmal des unteren Rosenbergs, Neubauten würden dies in der Regel aber nicht berücksichtigen. Deshalb sei die Villa Recife aus Sicht des Heimatschutzes «von hoher Bedeutung».

Bei originalem Kunkler-Bau sähe die Sache anders aus

Die Bauherrschaft zeigt sich selbstredend zufrieden mit den Entscheiden. Nach dem jahrelangen Verfahren, das im September 2016 begonnen hat, stehe das Projekt nun kurz vor dem Ziel, sagt Rechtsanwalt Thomas Frey. Sobald die Baubewilligung rechtskräftig sei, könnten die Detailplanung und die Finanzierung vorangetrieben werden. Wann die Bauarbeiten beginnen, sei noch offen. Die städtische Denkmalpflege soll jedoch gemäss Frey die Möglichkeit erhalten, die Villa vor dem Abriss zu dokumentieren. Dem Heimatschutz wolle die Bauherrschaft Elemente der Villa für das Magazin überlassen.
Dass die Villa Recife einem neuen Gebäude weichen müsse, sei vertretbar, sagt Frey.

«Würde es sich um einen originalen Kunkler-Bau handeln, sähe die Sache anders aus.»

Bei der Beurteilung des Sachverständigenrats für Städtebau und Architektur sei die Villa auch «nie ein Thema gewesen», sagt Frey, sondern bloss städtebauliche Aspekte im Zusammenhang mit den Neubauten.

Gemäss Ivan Furlan, Leiter des Amtes für Baubewilligungen, läuft die Rechtsmittelfrist gegen die verschiedenen Entscheide bis 25. Februar. Ob der WWF Rekurs beim kantonalen Baudepartement einlegen werde, sei unklar, sagt Lukas Indermaur. Er halte dies aber für unwahrscheinlich. Der Heimatschutz hingegen ist nicht rekursberechtigt.