Das Coronavirus bremst: Mit Postauto, Regiobus und Verkehrsbetriebe St.Gallen fährt die Hälfte der üblichen Passagiere – die Zahlen könnten tief bleiben

Die Busse der Verkehrsbetriebe St.Gallen (VBSG) sind im Vergleich zu der Zeit vor Corona erst zur Hälfte ausgelastet. Dasselbe gilt für Postauto und Regiobus. VBSG-Unternehmensleiter Ralf Eigenmann denkt, der öffentliche Verkehr allgemein könnte nie mehr die normale Auslastung erreichen.

Marlen Hämmerli
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Ausserhalb der Spitzenzeiten sind viele Busse der VBSG praktisch leer und nur wenige Fahrgäste warten auf eine Verbindung.

Ausserhalb der Spitzenzeiten sind viele Busse der VBSG praktisch leer und nur wenige Fahrgäste warten auf eine Verbindung.

Nik Roth

Wer in diesen Tagen mit einem Bus der Verkehrsbetriebe St.Gallen (VBSG) fährt, kann sich über Platzmangel nicht beklagen. Selbst in den Stosszeiten verteilen sich die Passagiere gut. Den Zwei-Meter-Abstand einzuhalten, ist problemlos möglich.

Eine Auswertung zeigt: Die VBSG befördern derzeit halb so viele Passagiere wie vor dem Beginn der Coronakrise. «Es wird noch lange gehen, bis wir wieder das alte Niveau erreichen», sagt VBSG-Unternehmensleiter Ralf Eigenmann.

«Ich bin nicht sicher, ob wir im öV allgemein die alten Zahlen überhaupt wieder erreichen.»

Die Leute sind vom öV aufs Auto umgestiegen

Einerseits fahren weiterhin viele Leute mit dem Auto zur Arbeit, da der Bundesrat Mitte April empfahl, den öffentlichen Verkehr zu meiden. Derzeit gilt, den öV möglichst ausserhalb der Stosszeiten zu nutzen und nur dann, wenn die Hygiene- und Verhaltensregeln eingehalten werden können. Der Effekt zeigt sich in den Strassenverkehrszahlen: An den Messstellen Rorschacher Strasse, an der Langgasse und der Zürcher Strasse sind derzeit mehr Autos unterwegs als in der Woche vor Beginn der Coronamassnahmen.

Andererseits arbeiten weiterhin viele Personen im Homeoffice. Einige dürften sich daran und an die Vorteile gewöhnt haben. «Das merke ich auch in meinem eigenen Umfeld», sagt Eigenmann.

Zudem endet der IC1 derzeit in Zürich statt bis nach St.Gallen zu fahren. Der «Sprinter» ist eine attraktive Verbindung, da er nach Zürich-Flughafen nur noch in Winterthur hält.

«Dass die SBB noch nicht mit allen Zügen nach St.Gallen fahren, hat auch einen Einfluss.»

Angst, den öffentlichen Verkehr zu nutzen, hätten die Leute nicht unbedingt, aber Respekt. Respekt, eine zweite Welle von Coronaerkrankungen auszulösen. Eigenmann sagt dies auf Basis der Reklamationen, die die VBSG erhalten. Manche sorgen sich aufgrund von Fahrgästen, die keine Hygieneschutzmaske tragen. Andere beklagen sich über Passagiere, die sich sorglos verhalten würden.

Geschäftsführer Bruno Huber von der Regiobus AG erlebt es so, dass die Leute Verständnis zeigen für die Schutzmassnahmen und sie meist beherzigen. «Die soziale Kontrolle spielt ebenfalls.»

Bei Regiobus und Postauto auch nur die Hälfte: Viele sind weiter im Homeoffice, Kantischüler und Studis lernen zu Hause

Während des Lockdowns bewegten sich die Fahrgastzahlen zwischen 20 und 25 Prozent der üblichen Auslastung. Am 16. April informierte der Bundesrat über die drei Lockerungsschritte. Seit diesem Tag stiegen die Passagierzahlen kontinuierlich an. Erst recht deutlich auf rund 27 Prozent, danach etwas langsamer bis auf die heutigen rund 50 Prozent. Um diesen Prozentsatz schwankt die Auslastung seit dem 11. Mai. Es sei meistens so, dass eine Steigerung sprunghaft beginne, um danach abzuflachen, sagt Eigenmann.

Ähnlich tief sanken die Fahrgastzahlen der Postautos. Während dem Lockdown verkehrten noch ein Fünftel der Leute in der Region St.Gallen mit einem Postauto. Nach dem 11. Mai nahm die Anzahl Kunden wieder zu. Heute liegt die Auslastung in den Hauptverkehrszeiten bei der Hälfte.

Ausserhalb der Spitzenzeiten sind etwas mehr Personen mit dem Postauto unterwegs: Die Auslastung liegt dann bei 60 bis 70 Prozent des Normalwerts. «Ich kann mir vorstellen, dass die Busse während den Spitzenzeiten entlastet sind, weil viele weiterhin im Homeoffice arbeiten und Studenten sowie Kantischüler noch zu Hause lernen», sagt Roger Walser, Leiter Verkauf Gebiet Ost.

Da die Postautos ebenfalls wieder nach Normalfahrplan verkehren, sei es praktisch nicht möglich, Zusatzbusse einzusetzen. Die Kapazitäten fehlen dafür. «Wir empfehlen deshalb, Schutzmasken zu tragen und die Hauptverkehrszeit zu meiden.

Die Empfehlung des Bundes lautet, im öffentlichen Verkehr eine Schutzmaske zu tragen, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann.

Die Empfehlung des Bundes lautet, im öffentlichen Verkehr eine Schutzmaske zu tragen, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann.

Nik Roth

Auch bei der Gossauer Regiobus AG haben sich die Zahlen ähnlich entwickelt. Im April sank die Auslastung auf 25 bis 35 Prozent gegenüber der Zeit vor der Coronakrise. Die Busse verkehrten wie die Fahrzeuge der VBSG nach einem ausgedünnten Fahrplan. Vom 23. März bis 11. Mai galt bei Regiobus ein ausgeweiteter Sonntagsfahrplan. «Nach dem 11. Mai zog die Nachfrage deutlich an», sagt Geschäftsführer Huber.

Derzeit seien schätzungsweise halb so viele Leute mit den Regiobusse unterwegs wie normal. Exakte Zahlen liegen Huber noch nicht vor, da die Auslastung nur im Monats-Rhythmus ausgewertet wird.

Verstärkungsfahrten sind bei Bedarf möglich - jedoch unter Einschränkungen

Doch Chauffeure und Fahrdienst beobachten die Auslastung genau. Würde es in Spitzenzeiten in einzelnen Bussen zu eng, kann Regiobus zusätzliche Fahrzeuge einsetzen. Dadurch können sich die Leute besser verteilen und den Zwei-Meter-Abstand bestmöglich einhalten. «Wir haben jedoch nicht unbeschränkt Fahrzeuge und Chauffeure für Verstärkungsfahrten», sagt Huber.

Ein bis drei Fahrzeuge können einzelne Linien verstärken. Am ehesten wird dies laut Huber auf den Linien 151 (Gossau – Spisertor), 152 (Gossau – Herisau) und 158 (Herisau – Engelburg) nötig.

Auch die VBSG setzten derzeit keine Verstärkungsbusse ein. Die Auslastung jedes Kurses aller Linien wird aber überwacht. Am meisten genutzt werden die Busse der Linien 1, 2 und 4 und das vor allem zwischen Hauptbahnhof und Kantonsspital. Auf der Linie 1 (Winkeln – Stephanshorn) setzten die VBSG häufig Doppelgelenkbusse ein. Die Busse waren dort zu knapp 30 Prozent besetzt. «Das ist ähnlich wie während des Lockdowns.»

Ralf Eigenmann, Unternehmensleiter der VBSG.

Ralf Eigenmann, Unternehmensleiter der VBSG.

Urs Bucher

Die Zahl sei nicht in die Höhe geschnellt, weil seit dem 11. Mai auch die Postautos wieder im Normalfahrplan verkehren. Die VBSG kehrten eine Woche früher, am 4. Mai, wieder zum Normalfahrplan zurück und bieten somit auch mehr Busse an. «Zudem haben viele Leute inzwischen gemerkt, dass sie auch den 7ner oder 8er zum Spital nehmen können», sagt Eigenmann.

Vor Auffahrt war die Auslastung relativ gut

Am Mittwoch vor Auffahrt betrug die Auslastung 51 Prozent. Die Feiertage um Auffahrt und Pfingsten sind beliebt für Ferien. «Das merken wir. Es wirkt sich auf die Fahrgastzahlen aus.» Von daher war der Mittwoch eigentlich ein guter Tag.

Doch zufrieden ist Ralf Eigenmann noch nicht ganz. «Aus Sicht des Unternehmensleiters, der wegen der Coronakrise Einbussen in Kauf nehmen musste und der möchte, dass die Leute den öV und nicht das Auto nutzen, bin ich nicht zufrieden. Aber ich bin froh, dass die Massnahmen in den Bussen eingehalten werden können und wir nicht Gefahr laufen, dass St.Gallen die Ursache für eine zweite Welle wird.» Wobei: «Mir gefällt es nicht, dass die Leute kein Vertrauen mehr in den öV haben.»

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