Das Baugesuch liegt auf: Die Tage des St.Galler Konsulats sind gezählt

Im Sommer endet die Zwischennutzung im Gebäude an der Frongartenstrasse 9. Die Kulturschaffenden suchen eine neue Bleibe.

Sandro Büchler
Drucken
Teilen
Die Visiere kündigen den baldigen Abriss des ehemaligen italienischen Konsulats an.

Die Visiere kündigen den baldigen Abriss des ehemaligen italienischen Konsulats an.

Ralph Ribi

Büros statt Kulturkuchen: So lässt sich das Bauvorhaben an der Frongartenstrasse 9 zusammenfassen. 2014 hat das italienische Konsulat den Betrieb eingestellt. Zwei Jahre später kaufte Medisuisse das 1875 gebaute Haus, die AHV-Ausgleichskasse von über 22000 Ärzten, Zahnärzten, Tierärzten und Chiropraktikern in der Schweiz. Medisuisse will anstelle des Konsulats ein sechsgeschossiges Gebäude errichten und seinen Geschäftssitz dorthin verlegen.

Jetzt stehen die Visiere und das Baugesuch liegt bis zum 12. Februar im Amtshaus auf. Bis zu diesem Datum läuft auch die Einsprachefrist. Der Sondernutzungsplan ist bereits rechtskräftig. Damit sind die Tage des Konsulatsgebäudes gezählt. «Sofern keine Einsprachen eingehen, können wir im Frühsommer mit dem Abriss beginnen», sagt Medisuisse-Geschäftsführer Marco Reichmuth.

Holz statt Beton ist eine Premiere für die Stadt

Rund 1300 Quadratmeter Bürofläche für 65 Arbeitsplätze sollen bis 2021 entstehen. Dazu zehn Parkplätze, davon neun unterirdisch in einem Tiefgarage und eine Elektro-Ladestation. Auch 19 Veloabstellplätze entstehen. Auf dem Dach wird eine Photovoltaikanlage montiert, in den Boden werden Erdsonden zur Wärmegewinnung getrieben.

Ein Blickfang wird aber die Holzbauweise des 25 Meter hohen Gebäudes sein. Reichmuth betont das nachhaltige Konzept.

«Bei der Betonherstellung wird CO2 freigesetzt, Holz bindet es hingegen.»

Im Erdgeschoss ist eine öffentliche Nutzung geplant. «Wer einzieht, ist aber noch offen.»

Keine Miete, viele Freiheiten

Mit dem eingereichten Baugesuch und dem bevorstehenden Abriss, voraussichtlich im Mai oder Juni, endet die drei Jahre dauernde Zwischennutzung im Konsulat. Die Ärztekasse hatte das Haus Kulturschaffenden kostenlos zur Verfügung gestellt. Unter anderen hat sich das Ostschweizer Kulturmagazin Saiten im Konsulatsgebäude eingenistet. Co-Verlagsleiter Philip Stuber freut sich noch immer über die Grosszügigkeit.

«Keine Miete, nur die Nebenkosten, das ist sensationell. Viel besser geht es nicht.»
Philip Stuber, Co-Verlagsleiter Magazin «Saiten»

Philip Stuber, Co-Verlagsleiter
Magazin «Saiten»

Peter Käser

Für die eingemieteten Künstler und Kulturinstitutionen beginnt nun die Suche nach einer neuen Bleibe. Die Zeit im Konsulat hat Stuber als Glücksfall empfunden. «Wir suchen deshalb eine nächste Zwischennutzung.» Nicht weil sie gerne zügeln würden, sondern weil verschiedene Kulturschaffende unter einem Dach eine sich gegenseitig befruchtende Atmosphäre schaffe. Die Freiheiten und der Austausch hätten sich positiv ausgewirkt.

«Saiten» sucht nach einem neuen Standort für die siebenköpfige Redaktion. Stuber macht sich jedoch keine Sorgen. «Ich bin zuversichtlich, dass wir etwas passendes finden werden.» Denn gezügelt sei schnell.

«Wir haben ja nur ein paar Computer, Drucker und Tische.»

Glücksfall Zwischennutzung

Kunsträume, Ateliers, Magazine und Theater

Verschiedenste Kulturschaffende wirken zurzeit noch im ehemaligen italienischen Konsulat. Vom Ausstellungsraum Nextex, über den Kunstkiosk, bis hin zum Gaffa Magazin. Knapp 30 Personen teilen sich die Ateliers des Hauses. Kulturwissenschaftlerin Ann Katrin Cooper konzipiert zusammen mit Tänzer Tobias Spöri zeitgenössische Theaterproduktionen und Schauspieler Michael Finger hat sein Büro im Konsulat. Sie alle suchen nun ein neues Zuhause. Auch Co-Verlagsleiter Philip Stuber sucht fürs «Saiten» nach neuen Räumen. «Am liebsten würden wir wieder alle an einem neuen Ort zusammenbringen.»

Gespräche mit der Stadt laufen

Es habe stets ein Kommen und Gehen geherrscht im Konsulat. «Diese Lebendigkeit hat uns geholfen, frisch zu bleiben.» Neue Leute hätten immer wieder neue Impulse eingebracht. Beim Einzug von «Saiten» habe man auch Ängste geäussert, das Magazin könnte durch die Nähe zu den «Kulturleuten» seine Unabhängigkeit verlieren. Vielmehr hätten sich neue Perspektiven ergeben, sagt Stuber. «Wir sind näher an die Kultur herangerückt.» Auf der Suche nach einem Standort spricht Stuber auch mit der Stadt. «Ein ganzes Gebäude wäre optimal.» In ein klassisches Bürogebäude zurück oder einen Co-Working-Space wolle man mit Saiten nicht. Zu gut sei die Erfahrung im Konsulat gewesen.

«Saiten» digitalisiert sein Heftarchiv

Stuber sucht aktuell aber nach einem eigenen Raum für das «Saiten»-Heftarchiv. Dieses ist in den vergangenen Monaten zusammen mit der ETH digitalisiert worden. «Das umfangreiche Archiv wollen wir nicht mehr an einen neuen Ort mitzügeln.» In Kürze werde das Heftarchiv online abrufbar sein. (sab)

BÜROS: Neubau an enger Lage

Die Medisuisse plant an der Frongartenstrasse einen neuen Geschäftssitz. Nach einem Architekturwettbewerb steht der Sieger nun fest. Das ehemalige italienische Konsulat wird abgebrochen und durch einen höheren Holzbau ersetzt.
Roger Berhalter