Pro-City-Präsident zum Kampf gegen das Ladensterben: «Das A und O ist Freundlichkeit»

In der St.Galler Innenstadt stehen gegenwärtig mehr als 40 Läden leer. Zum Teil an bester Lage. Ralph Bleuer, Präsident der Detaillistenorganisation Pro City, glaubt, die Gründe dafür zu kennen. Und er glaubt an die Zukunft der Innenstadt.

Interview: Daniel Wirth
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«Die ‹Geiz ist geil›-Mentalität geht mir gegen den Strich»: Pro-City-Präsident Ralph Bleuer. (Bild: Michel Canonica (13. September 2018))

«Die ‹Geiz ist geil›-Mentalität geht mir gegen den Strich»: Pro-City-Präsident Ralph Bleuer. (Bild: Michel Canonica (13. September 2018))

Der Detailhandel in der Stadt St. Gallen hat es schwer. Das schleckt keine Geiss weg. Ein Zeichen der Krise sind 44 leere Ladenlokale, die die Tagblatt-Redaktion unlängst in der Innenstadt gezählt hat. Die Jungfreisinnigen St. Gallen-Gossau behaupten, die Stadt zocke die Detaillisten mit unnötigen Gebühren ab. Die zuständige Stadträtin Sonja Lüthi wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Jetzt nimmt Ralph Bleuer Stellung. Der Präsident von Pro City sagt, der Dialog, der im Projekt «Zukunft St. Galler Innenstadt» geführt werde, sei konstruktiv. Die Kritik der Jungfreisinnigen in Zusammenhang mit dem Ladensterben sei nicht angebracht.

Ralph Bleuer, wie hoch waren die Gebühren der Stadt, als Ihre Mitarbeiter letztmals Ballone vor der Papeterie Markwalder aufhängten?

Das kann ich nicht sagen. Wir hängten noch nie Ballone auf vor dem Geschäft.

Die Jungfreisinnigen reklamieren genau das: Die Stadt erhebe Gebühren für das Aufhängen von Ballonen. Für was erhebt die Stadt Gebühren?

Für die Durchführung der Sonntagsverkäufe im Advent zum Beispiel. Bei anderen, umstrittenen Abgaben, wird derzeit überprüft, ob diese noch tauglich sind.

Ihnen kommen keine Reklamationen von Detaillisten zu Ohren, wonach die Stadt dem Detailhandel Knüppel zwischen die Beine werfe?

Ganz selten. Ich gehe dem jeweils nach und meistens wird das Ganze dann nicht so heiss gegessen, wie es gekocht wurde. Ich muss immer beide Seiten anhören. Wichtig ist, dass ein Dialog stattfindet.

Haben Sie ein Beispiel, bei dem die Zusammenarbeit zwischen den Detaillisten und der Stadt klappte?

Klar. Ich setzte mich vor Jahren dafür ein, dass der Coca-Cola-Truck im Advent auf die Marktgasse fahren darf. Zweimal erhielt ich eine klare Absage. Beim dritten Mal klappte es dann; die Behörden halfen mit und am Schluss zückten sogar Polizisten das Smartphone für ein Foto.

Wo ist diese Zusammenarbeit schwierig?

Dort, wo die Stadtpolizei Gesetze und Reglemente durchsetzen muss. Wenn ein Detaillist vor seinem Laden einen Stand aufstellen möchte, muss er wissen, dass es in der Gasse Platz haben muss für das Durchkommen eines Feuerwehrautos. Das ist keine Erfindung der Gewerbepolizei. Willkür gibt’s nicht. Manchmal fehlt vielleicht Fingerspitzengefühl.

Bis Ende Jahr hebt die Stadt die Parkplätze auf dem Marktplatz auf. Das ist nicht im Sinn des Detailhandels.

Parkplätze sind für den Handel und das Gewerbe existenziell. Auch wenn das die Gegner des motorisierten Individualverkehrs nicht einsehen wollen. Es gibt Konsumenten, die können oder wollen ausschliesslich mit dem Auto einkaufen. Aber es ist ein Fakt: Das Stadtparlament hat die SP-Initiative «Für einen autofreien Marktplatz» vor sechs Jahren angenommen. Jetzt setzt die Stadtregierung einen Auftrag durch, den sie verbindlich erhalten hat. Das müssen wir akzeptieren und damit leben. Wir hoffen nun, dass die wegfallenden Parkplätze möglichst bald im neuen Parkhaus UG25 am Unteren Graben kompensiert werden.

In ihrer harschen Kritik am Stadtrat haben die Jungfreisinnigen das Projekt «Zukunft St. Galler Innenstadt» vollends ausgeblendet. Wie beurteilen Sie das, was bei den vier Foren bisher herausgekommen ist?

Die Detailhändler und die Mitarbeiter der Stadt und der Polizei führen einen konstruktiven Dialog. Man hört einander zu und entwickelt gegenseitiges Verständnis, das bisweilen manchmal fehlte. Das hat auch mit der Neubesetzung im Stadtrat und an den Spitzen einzelner Fachstellen zu tun. Das Interesse an den Foren ist gross. Für das nächste Forum Ende September haben sich bis heute 125 Personen angemeldet. «Es braucht ein Miteinander, damit die Leute wieder sagen: ‹Wir gehen in die Innenstadt einkaufen.› Und das muss unser Ziel sein.»

Dann sind Sie als Präsident von Pro City zuversichtlich, dass die gegenwärtig 44 leer stehenden Ladenlokale bald wieder gefüllt werden und die St. Galler Innenstadt langfristig eine bessere Zukunft haben wird?

Die hohe Zahl leerer Ladenlokale gilt es zu relativieren. Einige stehen leer, weil die Geschäfte an einen anderen Ort in der Stadt umgezogen sind. Für mich ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer. Sehen Sie: Wir müssen das verbessern, was wir können, und nicht über Dinge klagen, die nicht zu ändern sind.

Wie meinen Sie das?

Pro City setzt sich ein für Ladenöffnungszeiten, die der heutigen Zeit angepasst sind. Das würde uns helfen. Das braucht aber Überzeugungsarbeit, Geduld und ein Ja des Volks. Was wir sofort ändern können: Wir müssen zu unseren Kunden freundlich sein. Das ist das A und O. Wir müssen sie gut beraten und Artikel bestellen, die wir nicht im Laden haben. Sonst gehen sie ins Internet.

Apropos Online-Handel. Ist er das grösste Problem für die Detaillisten, die in der Innenstadt Läden haben?

Mit Sicherheit. Analysten sagen, der Online-Handel wachse auch im laufenden Jahr über zehn Prozent. Das senkt in den Läden die Kundenfrequenzen und in der Konsequenz auch den Umsatz. Aber das ist etwas, dem wir machtlos gegenüberstehen. Wir müssen uns durch freundliche Beratung und Service empfehlen.

Sie haben sich geärgert über die Schnellzüge St. Gallen-Konstanz. Hat sich Ihr Ärger darüber und über den Einkaufstourismus gelegt?

Da muss ich etwas ausholen. Am 15. Januar 2015 hat sich für uns Detaillisten alles schlagartig verändert. Als die Nationalbank den Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken fallen liess, wurden die Schweizer Konsumenten plötzlich preissensitiv. Schon am nächsten Tag lockten auch in St. Gallen Läden mit Eurorabatt. Diese «Geiz-ist-geil»-Mentalität geht mir gegen den Strich. Ich habe Verständnis für einen Schweizer Familienvater mit geringem Einkommen, dass er in Konstanz einkauft. Dem Durchschnittsschweizer gebe ich aber zu bedenken, dass unsere hohen Preise mit den hohen Löhnen im Verhältnis stehen. Am Allerliebsten sind mir gut verdienende St. Galler, von denen ich weiss, dass sie in Konstanz einkaufen gehen, aber hier eine Lehrstelle für Sohn und Tochter suchen.

Sie kaufen nie ennet der Grenze ein?

Doch, einen Speck in Südtirol vielleicht. Aber mit Sicherheit keine Alltagsprodukte in Konstanz oder in Dornbirn.

Das Ladensterben ist in St. Gallen längst ein Politikum. Die Fraktion von SP, Juso und Politischer Frauengruppe (PFG) im Stadtparlament hat eine Motion eingereicht. Der Vorstoss verlangt, dass die Stadt eine Lenkungsabgabe gegen leere Ladenlokale in der Innenstadt einführt. Ist das eine gute Idee?

Nein, finde ich nicht. Die Politik sollte sich nicht zu stark in den Markt einmischen. Der nächste Schritt wäre, wenn die Stadt einem Immobilienbesitzer vorschreiben dürfte, welchen Laden dieser im Parterre seines Hauses beherbergen müsste. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich der Markt selber regulieren wird. Irgendwann sinken die Mieten.

Als Präsident von Pro City erhalten Sie bestimmt viele Vorschläge, wie sich die Situation der Detaillisten in der Innenstadt verbessern liesse.

Das stimmt. Diese Vorschläge sind oft gut gemeint. Ich höre häufig, der Detailhandel müsse innovativer sein. Bei einer Nachfrage, was damit gemeint sei, kommt dann in der Regel nichts mehr.

Diese 44 Ladenlokale in der St.Galler Innenstadt stehen leer

Es wird viel vom Ladensterben und seinen Folgen fürs St.Galler Stadtzentrum geschrieben und geredet. Ein Rundgang zeigt: Es gibt tatsächlich viele leere Lokale, das Stadtzentrum ist aber alles andere als tot. Eine Momentaufnahme.
Tim Naef/Reto Voneschen