Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Mit viel Pomp wurde vor 150 Jahren in Rorschach die Seelinie eröffnet - doch das Projekt war umstritten

Mit einem wahren Volksfest feierte Rorschach 1869 die Eröffnung der Seelinie, obwohl der Bau umstritten gewesen war. Die Gegner wünschten keine Abtrennung vom See, für die Befürworter waren Verkehr und Handel wichtiger.
Otmar Elsener
Hafen und Bahnhof im 1870, ein Jahr nach der Eröffnung der Seelinie. (Bild: Aquatinta von Rudolf Dikenmann)

Hafen und Bahnhof im 1870, ein Jahr nach der Eröffnung der Seelinie. (Bild: Aquatinta von Rudolf Dikenmann)

«Künftigen Dienstag wird die ‹Collaudation› der Bahnstrecke Romanshorn-Rorschach mit einem Festzuge hieher stattfinden», begann der Aufruf der Anzeige im Inserat des Ostschweizerischen Wochenblatts vom 9. Oktober 1869. Weiter heisst es:

«Bei der grossen Wichtigkeit, welche diese Bahnstrecke für den hiesigen Ort haben wird, soll dem Festzuge wohl ein freundlicher Empfang bereitet werden und ladet daher das Festcomité die verehrl. Bewohner ein, durch Decoration der Häuser alles Mögliche zur Feier beizutragen. Es wird gesorgt, dass Fahnen bei Gebr. Hediger gegen billige Entschädigung zu haben sind.»

Damals freute sich die Bevölkerung nur 13 Jahre nach der Eröffnung der Bahnlinie nach St. Gallen auf die Einweihung der Seelinie. Für die Erinnerungsfeier am 4./5. Mai wird kaum mehr soviel Aufwand betrieben werden.

Frühmorgens kündigten 22 Böllerschüsse den Festtag an. Der Zug mit den Ehrengästen traf von Romanshorn kommend im Laufe des Nachmittags im äusseren Bahnhof ein. «Die Bevölkerung der Ortschaften längs der Bahnlinie nahm freudigen Anteil an diesem Fest. Auf jeder Zwischenstation wurde der Festzug freudig begrüsst und den hohen Gästen Nektar von blühenden Jungfrauen kredenzt», schrieb das Wochenblatt. Es lobte die Aussicht auf die «liebliche, pittoreske» Seelandschaft.

Eisenbahn-Baron Alfred Escher

Auf der gemächlichen Fahrt überquerte der Zug nach Horn den Unterlauf der noch ungebändigten Goldach auf einer neuen Brücke, die sich bei einem Hochwasser bereits als solide bewährt hatte. Die Goldacher hatten über der Brücke zwei Bögen errichtet. Eine Beschriftung lautete: «Heut wollen sich begrüssen – Dampfrosse mit Eisenfüssen.»

Das Festkomitee empfing die hohen Gäste, darunter Alfred Escher, den als Eisenbahn-Baron berühmten Präsidenten der Nordostbahn. Angeführt von der Bürgermusik marschierten Bundesräte, Regierungsräte der Kantone St. Gallen und Thurgau, Direktoren der Nordostbahn und der Vereinigten Bundesbahnen, die Dampfschiff-Verwaltungen, Zolldirektoren, übrige eingeladene Gäste und der Rorschacher Gemeinderat durch die Ortschaft zum Hotel Grünen Baum am Bodanplatz. Über der Hauptstrasse prangten mit Blumengirlanden verzierte Bögen mit Sprüchen wie «Die Seeschlang ist kein Märchen mehr, sie zischt mit vollem Dampf daher».

Der Rorschacher Hafen vor dem 1. Weltkrieg. (Bild: Archiv Anton Heer)

Der Rorschacher Hafen vor dem 1. Weltkrieg. (Bild: Archiv Anton Heer)

Im Saal des «Grünen Baum» folgte ein Bankett. Als Erbauer der Bahnlinie schilderte Alfred Escher die Entstehungsgeschichte und «brachte ein Hoch an auf den Bundesrat und alle Regierungsräte». Danach überboten sich elf Redner mit Gratulationen und teils launigen Rückblicken und Gedichten auf die Zeiten vor dem «Dampfross». Nach dem mehrstündigen Bankett organisierte sich der Festzug neu und bewegte sich bei Einbruch der Nacht im Scheine zahlreicher Fackeln und bengalischen Feuers unter Musik und Geschützdonner zur Hafenstation, wo sich der Gästezug mit einem schrillen Pfiff verabschiedete. Das Wochenblatt beschrieb den Festtag überschwänglich:

«Rorschach beging ein wahres Volksfest. Für unseren Ort von unermesslicher Tragweite, für unseren Verkehr von hoher Bedeutung, daher dann auch die Teilnahme und die ungeteilte Freude der gesamten Bevölkerung, die sich durch wirklich prachtvolle, reiche Dekoration unseres Fleckens kundgab.»

Vom See abgeschnitten

In der Festfreude schien vergessen, wie sehr der Bahnbau das alte Rorschach am Hafen, das Seeufer entlang der Thurgauerstrasse und den Ortseingang verändert hatte. Die Hintergebäude der Hotels «Hirschen» und «Schiff» waren abgerissen worden, wie auch diejenigen der am Hafendamm liegenden Wirtschaften «Ilge», «Helvetia», «Signal» (heute «Bahnhof»). Mehrere private Gärten und auch der beliebte Wirtschaftsgarten des Hotels «Seehof» wurden von den Geleisen durchschnitten. Ebenso war auch das alte Kaufhaus abgebrochen worden, bis auf einen südlichen Teil, der damals zum Stationsgebäude umgebaut wurde. Bis 1870 befand sich die Billett-Ausgabe in einem provisorischen Kiosk.

Obere oder untere Bahnlinie

Das Fest half den Rorschachern, den jahrelangen Streit um die Linienführung des Bahntrassees zu begraben. Die Nordostbahn wollte ursprünglich die hohen Kosten für den Abbruch des Kaufhauses und den Bau von Schutzmauern am See vermeiden und plante die Bahn vom Rietli her um den Kern des noch kleinen Rorschach zu führen, um sie beim Bäumlistorkel mit der St. Galler Linie zu vereinigen. Schon 1864 hatte sich eine Mehrheit der Rorschacher aber für eine «untere» Linie dem See entlang entschieden. Es gab immer wieder Bürgerversammlungen und Petitionen an die St. Galler Regierung.

Ein wichtiger Grund für die Seelinie war, dass sich die Ortschaft nach Süden ausdehnen werde. Noch am 27. Juli 1868 schrieb der Gemeinderat in einer letzten Petition: «Wir müssen mehr auf die Nützlichkeit als auf die Schönheit des Sees spekulieren. Rorschach wird nie ein Kurort werden, der Nutzen durch Kurgäste bleibt immer eine Nebensache. Die Hauptsache ist die Vermehrung des Verkehrs im Kornhaus und im Kaufhaus und die Rücksicht auf die Geschäfte im Orte.» Am 28. August 1868 wurde definitiv zu Gunsten der unteren Linie entschieden. Zwei Wochen später wurde mit dem Bau begonnen.

Ob eine Mehrheit der heutigen Bevölkerung den damaligen Entscheid bereut? Tatsächlich sind viele einstige Argumente gegen die Seelinie heute überholt. Zwar dehnte sich die Stadt gegen Süden aus, das Kornhaus verlor aber bald seine Bedeutung für den Handel. Das einstige Dampfross saust heute als schnelle Elektrolok durch die Stadt. Stadtbahnhof im Süden und Doppelspur sind im Bau. Die Seelinie liegt dank den Aufschüttungen nicht mehr direkt am Seeufer. Seepark und Uferpromenaden vom Rietli bis zum Strandbad haben das gesamte Seeufer der Stadt öffentlich zugängig gemacht. Die Schönheit des Sees kann wieder vermehrt genossen werden, derweil seine «Nützlichkeit» eher marginal geworden ist.

Quellen

Quellen: Ostschweizerisches Wochenblatt Jahrgang 1869, Richard Grünberger Neujahrsblatt 1974, Louis Specker, «Rorschach im 19. Jahrhundert»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.