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«Damals ahnte noch niemand, was später geschehen würde»: So erlebte der Rorschacher Arne Engeli die Tage vor dem Mauerfall

Arne Engeli reiste im Oktober 1989 in die DDR und erlebte die Stimmung, kurz bevor die Mauer fiel. Bei einer Demonstration in Leipzig ging der Rorschacher mit rund 100'000 Menschen für eine gewaltfreie Revolution auf die Strasse.
Natascha Arsic
Arne Engeli lief in Leipzig mit rund 100'000 Demonstranten für eine gewaltfreie Revolution mit. (Bild: Natascha Arsic)

Arne Engeli lief in Leipzig mit rund 100'000 Demonstranten für eine gewaltfreie Revolution mit. (Bild: Natascha Arsic)

Am Samstag jährt sich der Mauerfall zum dreissigsten Mal. Einer, der die Aufbruchstimmung und gewaltfreie Revolution in der DDR hautnah miterlebt hat, ist der Rorschacher Arne Engeli. Gar der deutsche Radiosender SWR4 fragte ihn an, um in der Sendung vom Donnerstag von den Begebenheiten zu erzählen.

Im Oktober 1989 war der heute 83-Jährige zwei Wochen lang als Leiter des evangelischen Tagungszentrums Schloss Wartensee auf einer Studienreise in der Region rund um Dresden und Leipzig. Engeli erinnert sich:

«Damals ahnte noch niemand, was einen Monat später passieren würde. Die Mauer schien unverrückbar.»

Bürger fühlten sich in der Kirche sicher

Am 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, nahm die Schweizer Reisegruppe am Christlichen Friedensseminar in Königswalde teil. «Etwa 400 Menschen versammelten sich an diesem Tag in der Dorfkirche, auch viele Junge waren dabei. Sie sassen nicht etwa in Reihen, sondern an langen, weiss gedeckten Tischen und tauschten sich bei Kaffee und Kuchen aus», sagt Engeli.

Beim Christlichen Friedensseminar in Königswalde sprachen die Menschen über ihre Wünsche und Visionen. (Bild: PD)

Beim Christlichen Friedensseminar in Königswalde sprachen die Menschen über ihre Wünsche und Visionen. (Bild: PD)

In der Kirche hätten sich die Leute getraut, offen über ihre Wünsche und Visionen zu sprechen – trotz Angst vor Spitzeln. Dort fühlten sie sich laut Engeli sicher und wurden ermutigt, ihre Meinung zu äussern und Zivilcourage zu zeigen. Einige träumten damals schon von einem Mauerfall. «Es gab zu dieser Zeit zwar eine grosse Ausreisewelle, doch die Bürger hatten nicht vor, einfach zu gehen. Sie wollten bleiben und eine sozialistische DDR nach ihren Vorstellungen gestalten», erzählt Arne Engeli.

Trotz friedlichem Grundgedanken kam es bei einigen Demonstrationen zu brutalen Polizeieinsätzen. Vertreter der Kirchen dienten deshalb als Vermittler zwischen der Bevölkerung und den staatlichen Instanzen. Durch Gespräche mit dem Dresdener Oberbürgermeister schaffte es der Dekan Christof Ziemer, die Regierung erfolgreich davon zu überzeugen, keine Gewalt gegen die Demonstranten anzuwenden. «Das war wie ein Wunder», sagt Engeli.

Die letzte Reisestation der 18-köpfigen Gruppe war Leipzig. Am 16. Oktober 1989 versammelten sich über 2000 Menschen in der Nikolaikirche zum Montagsgebet.

«Es herrschte eine grosse Spannung. Man fragte sich, wie das alles wohl ausgehen wird.»

Zusammen sangen sie ein Lied mit folgendem Text: «Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.»

Eine Postkarte der Leipziger Nikolaikirche. (Bild: PD)

Eine Postkarte der Leipziger Nikolaikirche. (Bild: PD)

Draussen warteten Tausende, bis der Gottesdienst fertig war. Danach gingen rund 100'000 Demonstranten zusammen auf die Strasse, unter ihnen auch der Rorschacher Arne Engeli. Die Rufe «Wir sind das Volk! Keine Gewalt! Wir bleiben hier!» habe er heute noch im Ohr.

Eine Grafik vom Leipziger Künstler Matthias Klemm zu den Ereignissen von 1989. (Bild: PD)

Eine Grafik vom Leipziger Künstler Matthias Klemm zu den Ereignissen von 1989. (Bild: PD)

Hoffnung auf gewaltfreie Veränderungen

Vom Mauerfall erfuhr Engeli dann durch das damalige Ostschweizer Tagblatt.

«Mein erster Gedanke war: Das ist ja verrückt.»

Er habe gejubelt und sich für seine auf der Reise neu gewonnen Freunde gefreut. Die Erlebnisse in der DDR hätten ihm Hoffnung gegeben, dass ein grundlegender Wandel durch gewaltfreies Handeln möglich ist. Es habe ihm gezeigt, dass die Kirche ein Dach biete, unter dem sich diejenigen versammeln können, die gegen den Strom schwimmen.

Ein halbes Jahr nachdem die Mauer gefallen war, lud Engeli einige der neuen Bekannten zu sich in die Schweiz ein zu einer Tagung im Schloss Wartensee zum Thema «Sozialismus am Ende – oder erst am Anfang?».

«Durch das Erlebte sind enge Freundschaften entstanden.»

Bis heute steht er in Kontakt mit ihnen und besucht sie ab und zu im jetzigen Ostdeutschland. «Nicht alle Träume von damals sind in Erfüllung gegangen», sagt er.

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