Crowdfunding gegen die Coronakrise: Wie die St.Galler Gastroszene dank Spenden wieder Hoffnung schöpft

Die St.Galler Gastroszene leidet unter dem Corona-Lockdown. Wann Restaurants und Bars wieder öffnen dürfen, ist noch ungewiss. In der Not greifen zahlreiche Betriebe auf Crowdfunding zurück. Und die Stammgäste lassen ihre Lieblingslokale nicht im Stich.

Luca Ghiselli
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St.Galler Gastronomen können dank Crowdfunding etwas aufatmen. Von links oben nach rechts unten: Joël Hardegger (Restaurant Brauwerk), Claudia und Marcel Braun (Restaurant Drahtseilbähnli), Nicolai Del Bello (Restaurant La Follia), , Denise Weber (Kafi Franz), Natalie und Sandro Vladani (Genussmanufaktur Neubad).

St.Galler Gastronomen können dank Crowdfunding etwas aufatmen. Von links oben nach rechts unten: Joël Hardegger (Restaurant Brauwerk), Claudia und Marcel Braun (Restaurant Drahtseilbähnli), Nicolai Del Bello (Restaurant La Follia), , Denise Weber (Kafi Franz), Natalie und Sandro Vladani (Genussmanufaktur Neubad).

Bilder: PD/Ralph Ribi

39 Tage ist es her, dass die St.Galler Beizen das letzte Bier ausgeschenkt und das letzte Menu serviert haben. Seither sind alle Restaurants und Bars geschlossen. Der Corona-Lockdown hat die Gastroszene in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt, der wohl noch länger anhält. Wann die Türen der über 500 Lokale in der Stadt wieder öffnen, ist unklar. Und so geraten immer mehr Gastronomen in eine finanzielle Schieflage. Denn die Fixkosten in der Branche sind hoch – und die Reserven gering. Versicherungen, Mehrwertsteuer, Sozialabgaben: Ohne Einnahmen sind die laufenden Kosten kaum zu decken.

So kommt es, dass zahlreiche St.Galler Gastronomen seit kurzem auf ein anderes Modell setzen, um an flüssige Mittel zu kommen. Das Zauberwort heisst Crowdfunding. Auf lokalhelden.ch, einer Plattform der Raiffeisenbank, die ursprünglich zur Unterstützung von Vereinsprojekten gedacht war und im Zuge der Coronakrise unter dem Titel «St.Galler unterstützen St.Galler» auf KMU ausgeweitet wurde, tummeln sich Gastrobetriebe aus der St.Galler Innenstadt. Sie alle bitten um Unterstützung. Wer will, kann spenden oder Gutscheine kaufen. Die Raiffeisenbank gibt für jede Spende zehn Franken dazu.

«Drahtseilbähnli» sammelt 30'000 Franken in wenigen Tagen

Das Restaurant Drahtseilbähnli ist zwar noch geschlossen. Trotzdem spült es dem Lokal dank Crowdfunding viel Geld in die Kasse.

Das Restaurant Drahtseilbähnli ist zwar noch geschlossen. Trotzdem spült es dem Lokal dank Crowdfunding viel Geld in die Kasse.

Bild: Nik Roth (23. April 2020)

Eine der grössten Erfolgsgeschichten dieser Coronakrise schreibt das Restaurant Drahtseilbähnli bei der Talstation Mühlegg. Im November 2016 haben die Geschwister Claudia und Marcel Braun das Traditionslokal neu eröffnet und sich seither eine treue und durchmischte Stammkundschaft erarbeitet. Nach dreiwöchigen Betriebsferien Anfang Jahr kam mit dem Lockdown der Schock.

«Wir haben uns schon am ersten Tag viele Gedanken gemacht», sagt Claudia Braun. Als das Kafi Franz dann ein Crowdfunding auf lokalhelden.ch startete, sagte Braun sich: «Versuchen wir's!» Als Finanzierungsziel gab das «Drahtseilbähnli» 20'000 Franken an. Nach einer Woche (Stand Donnerstagmittag) hat das Lokal aber bereits über 32'000 Franken von 256 Unterstützern gesammelt. Braun sagt:

«Es ist der Wahnsinn! Es berührt uns sehr, dass so viele Leute an uns gedacht haben!»
Claudia und Marcel Braun, Inhaber und Geschäftsführer des Restaurants Drahtseilbähnli.

Claudia und Marcel Braun, Inhaber und Geschäftsführer des Restaurants Drahtseilbähnli.

(Bild: PD)

Sie sei mehrfach zu Tränen gerührt gewesen in den letzten Tagen. Das Restaurant lege Wert auf Familiäres und Vertrautheit. Das komme jetzt zurück. Mit dem gesammelten Betrag können grosse Rechnungen wie Sozialversicherungsabgaben beglichen werden, einer Wiedereröffnung nach dem Lockdown steht nichts mehr im Weg. «Wir wussten, dass wir tolle Gäste hatten. Aber damit haben wir nie gerechnet», sagt Claudia Braun.

Kafi Franz als Crowdfunding-Vorreiter

Kafi-Franz-Gründerin Denise Weber.

Kafi-Franz-Gründerin Denise Weber.

(Bild: PD)

Eines der ersten St.Galler Lokale, das in der Coronakrise auf Crowdfunding gesetzt hat, ist das Kafi Franz im Linsebühl. Das Lokal von Denise Weber und Dimtirij Itten sammelt bereits seit dem 8. April. Inzwischen sind so über 15'000 Franken von 149 Unterstützern zusammengekommen. Weber sagt:

«Es ist sehr schön, dass es den Leuten nicht egal ist, was mit dem ‹Franz› passiert.»

Es sei berührend zu sehen, dass die Gäste sagen: «Wir wollen, dass ihr überlebt und wir unterstützen euch.» Raiffeisen sei auf sie zugekommen, sagt Gründerin Denise Weber. «Wir fanden es eine tolle Sache, dass wir über eine vertrauenswürdige Plattform Gutscheine verkaufen konnten.» Zwar hat das Kafi Franz einen Bürgschaftskredit aufgenommen. «Am liebsten will ich das Geld aber gar nicht brauchen, damit wir uns nicht verschulden», sagt Weber.

Neben dem Crowdfunding generiert das Kafi Franz auch mit einem Kuchen-Abholservice Einnahmen. Die Kunden können das Gebäck in einem bestimmten Zeitfenster am Freitag und Samstag abholen, auch ein Onlineshop ist in Arbeit, weil sich die Bestellungen inzwischen türmen. Die Freude stehe den Kunden jeweils ins Gesicht geschrieben. Weber sagt: «Das geht direkt ins Herz.»

«Brauwerk»: Das Jubiläum muss warten

«Brauwerk»-Geschäftsführer Joël Hardegger.

«Brauwerk»-Geschäftsführer Joël Hardegger.

(Bild: PD)

Auch jüngere St.Galler Restaurants sammeln auf lokalhelden.ch Geld, um die Coronakrise zu überstehen. Dazu gehört das Restaurant Brauwerk an der Bahnhofstrasse. Erst im April 2019 wurde es eröffnet, die Festivitäten zum einjährigen Bestehen sind ins Wasser gefallen. Wer das «Brauwerk» im Crowdfunding unterstützt, erhält kreative Belohnungen neben einfachen Gutscheinen: Für 35 Franken gibt's eine Brauereiführung, für 56 Franken Holzfassbiere für zu Hause. Wer tiefer in die Tasche greift, kann an einem Bierdinner teilnehmen oder einen Brautag miterleben.

«Wir wollen den Unterstützern einen Einblick hinter die Kulissen geben, sobald die Krise vorbei ist,» sagt Geschäftsführer Joël Hardegger. Gerade bei Lokalen wie dem «Brauwerk», die noch nicht lange auf dem Markt sind, sei es wichtig, in den Köpfen der Gäste präsent zu bleiben. «Und wir wollen auch Gäste auf uns aufmerksam machen, die uns vielleicht noch nicht kennen.» Knapp 5000 Franken von 61 Unterstützern sind zusammengekommen, das Crowdfunding läuft noch bis Ende Mai. Hardegger sagt:

«Die Krise wird uns länger beschäftigen. Wir brauchen einen langen Schnauf und viel Geduld.»

Das Crowdfunding sei deshalb ein schönes Zeichen. «Es gibt uns die nötige moralische Unterstützung für den Neustart.»

«Neubad»: Die Situation ist surreal

Natalie und Sandro Vladani von der Genussmanufaktur Neubad.

Natalie und Sandro Vladani von der Genussmanufaktur Neubad.

Bild: Ralph Ribi

Auch das «Neubädli» an der Bankgasse ist auf lokalhelden.ch präsent. Seit etwas mehr als zwei Jahren wirten Sandro und Natalie Vladani im Traditionslokal. Jetzt sind alle Mitarbeiter in der Kurzarbeit, die Fixkosten tun weh. «Die Situation ist surreal», sagt Sandro Vladani. Sorgen mache er sich aber nicht. Denn: «Das bringt nichts.»

Stattdessen setzt auch das Restaurant mit 14 Gault-Millau-Punkten auf die Schwarmfinanzierung, um den Schaden zumindest etwas abzufedern. Erst diese Woche hat Vladani die nötigen Unterlagen ausgefüllt, seit wenigen Tagen kann gespendet werden. Von 38 Unterstützern sind bis jetzt über 5000 Franken zusammengekommen. Das Ziel sind 20'000 Franken. Die Situation sei zwar schwierig, aber:

«Wir sind zuversichtlich, dass wir wieder öffnen werden.»

Vladani hofft aber, dass die Öffnung nicht zu früh erfolgt. «Im schlimmsten Fall hätten wir wegen der strengen Bestimmungen nur wenige Gäste, wenig Umsatz und keine Kurzarbeit mehr. Dann müssten wir wohl schliessen.» Aufgeben kommt für das Familienunternehmen vorerst aber nicht in Frage.

«La Follia»: Tatendrang trotz Lockdown

Nicolai Del Bello, Inhaber und Geschäftsführer von «La Follia».

Nicolai Del Bello, Inhaber und Geschäftsführer von «La Follia».

Bild: PD

Kämpferisch zeigt sich auch Nicolai Del Bello, Geschäftsführer und Inhaber des Restaurants La Follia an der Schmiedgasse. Er sagt: «Ich würde krank werden, sässe ich einfach zu Hause.» Deshalb hat Del Bello nach Bekanntgabe des Lockdowns keine Zeit verloren und sofort einen Lieferservice auf die Beine gestellt.

«Die Leute staunen, wenn der Geschäftsführer selbst das Essen per Kurierdienst bringt.» 2019 hat Del Bello seine Sichtküche auf Geheiss der Behörden umgebaut. Kostenpunkt: 100'000 Franken. Damit sich die Investition doch noch innert nützlicher Frist amortisiert, ist auch «La Follia» auf lokalhelden.ch präsent. Über 9000 Franken von 57 Unterstützern sind so bis Donnerstag zusammengekommen. Del Bello sagt:

«Wir sind von Herzen für jeden Franken dankbar. Jeder Beitrag gibt uns ein Stück Sicherheit.»

Schliesslich wolle er auch nach der Krise faire Preise machen. «Wir geben nicht auf.»

Auch weitere St.Galler Restaurants und Bars kann man auf lokalhelden.ch mit einem Gutschein oder einer Spende unterstützen. Darunter die Tankstell-Bar an der Teufener Strasse, das Restaurant Stickerei am Oberen Graben, das Restaurant Lagerhaus an der Davidstrasse, die «Birreria» an der Brühlgasse und die «Wilde Möhre» im Lattich-Quartier.

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