Coronakrise
«Wir sind froh, wenn die Frühlingsferien beginnen»: Wenig Infektionen in St.Galler Schulen, doch Lehrpersonen sind erschöpft

Täglich werden die neuesten Ansteckungszahlen im Kanton veröffentlicht. Doch wie sieht es in den Stadtsanktgaller Schulen aus? Und wie erleben Lehrerinnen und Lehrer die Situation?

Julia Nehmiz
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In den St.Galler Primarschulen tragen Lehrkräfte Maske, Schülerinnen und Schüler nicht.

In den St.Galler Primarschulen tragen Lehrkräfte Maske, Schülerinnen und Schüler nicht.

Bild: Getty

Die Coronakrise, sie zehrt an den Nerven. Sie selber fühlt sich zwar gut aufgehoben, sagt eine St.Galler Primarschulleiterin. Aber: Im Team machen sich Sorgen und Müdigkeit breit. «Wir sind froh, wenn am Samstag die Frühlingsferien beginnen und wir es bis dahin geschafft haben», sagt sie. Was ihr und ihrem Team Sorgen bereitet: Kinder kommen mit Schnudernase in die Schule, und niemand ist daheim, der sie betreuen könnte. «Heute früh hatten wir wieder so einen Fall», sagt sie. Kind kommt (mutmasslich) erkältet in die Schule, Schule ruft daheim an, weil man nicht mit Symptomen zum Unterricht soll, aber es ist niemand da. «Das ist ein Problem», sagt die Schulleiterin.

«Kranke Kinder sollten ein bis zwei Tage daheim bleiben, aber wenn beide Elternteile oder Alleinerziehende in Berufen arbeiten, in denen Homeoffice nicht möglich ist, dann kommt das Kind trotzdem in die Schule.»

Da gebe es eine Betreuungslücke, Eltern arbeiten, die Tagesbetreuung darf kranke Kinder nicht beaufsichtigen, und in die Schule dürften sie eigentlich nicht. Es kam sogar mehrmals vor, dass Kinder bei ihr in der Schule auftauchten, deren Eltern positiv getestet waren.

Der Umgang mit Corona sei Alltag geworden. «Im Moment spüren wir Corona nur wenig», sagt die Schulleiterin. Aber im Team seien immer wieder Lehrpersonen erkrankt, vor allem jene, die mit kleineren Kindern zu tun haben, Kindergarten und Grundstufe. Vielleicht liege es daran, dass man dort schwerer Abstand halten kann – vielleicht sei es aber auch nur Zufall. Doch eine Häufung von Fällen verzeichne sie nicht.

Sechs Lehrpersonen und sechs Schulkinder sind aktuell positiv getestet

Martin Annen, Leiter der St.Galler Dienststelle Schule und Musik.

Martin Annen, Leiter der St.Galler Dienststelle Schule und Musik.

Bild: Benjamin Manser

Die aktuellen Zahlen in der Stadt St.Gallen zeichnen ein ähnliches Bild. «Aktuell befinden sich sechs Lehrpersonen aus verschiedenen Schulhäusern und 21 Schülerinnen und Schüler ebenfalls aus verschiedenen Schulhäusern in Quarantäne», antwortet Martin Annen, Leiter Dienststelle Schule und Musik, auf Anfrage. Sechs Lehrpersonen und sechs Schülerinnen und Schüler seien aktuell positiv getestet. Die Zahlen seien seit Anfang Jahr auf tiefem Niveau stabil. Martin Annen sagt:

«Offensichtlich werden die Massnahmen – Hygiene, Abstand und Maske – sehr gut eingehalten.»

Werden in St.Gallen Stimmen laut, die breites Testen in Schulen fordern? Annen verneint: «Aktuell ist es so vorgesehen, dass nach einer Situationsanalyse durch das Contact-Tracing bei zwei positiv getesteten Schülerinnen und Schülern in einer Klasse die ganze Klasse durchgetestet wird.» In zwei aktuell durchgeführten Klassentestungen sei ein zusätzlicher positiver Fall gefunden worden.

Mit welchen Gefühlen geht Martin Annen in die Frühlingsferien? Man beobachte die Situation. «Es ist sehr unsicher, wie sich die Situation entwickelt», sagt Annen.

«Wir hoffen, dass sich die Eltern und die Lehrpersonen bezüglich Reisen ihrer Verantwortung bewusst sind, damit wir auch nach den Ferien die Fallzahlen auf tiefem Niveau halten können.»

Stand heute seien aber keine Vorkehrungen für den Schulstart nach den Frühlingsferien vorgesehen.

Auf die Frage, ob die Situation derzeit in den Schulen angespannt sei, antwortet Martin Annen: «Auch in den Schulen wünschen wir uns, dass wir bald wieder zur Normalität zurückkehren können. Wir sind uns jedoch bewusst, dass wir dank der Massnahmen die Schulen offen halten können. Deshalb halten wir durch und tragen Sorge zueinander.»

Der Wunsch: Dass Lehrpersonen so schnell wie möglich geimpft werden

Das bestätigt die Schulleiterin. Für die Schülerinnen und Schüler sei es gut, dass Unterricht stattfindet. Doch das Lehrerteam sei erschöpft. Man habe kaum Kontakt untereinander im Team, und doch hocke Corona einem im Nacken. Sie wünscht sich, dass es mehr Möglichkeiten zum Testen gäbe. Dass Eltern ihre Kinder bei Symptome unkompliziert zum Test anmelden können. Sie sagt:

«Ich verstehe, dass man die Schulen nicht zumacht. Aber das Personal hat Recht auf Schutz.»

Noch wichtiger ist ihr: Dass Lehrerinnen und Lehrer so schnell wie möglich geimpft werden. Doch diese Priorisierung ist im Kanton St.Gallen nicht vorgesehen. «Es gibt wenige Berufe, in denen man so ausgesetzt ist», sagt die Schulleiterin. Vor einer Klasse mit 20 oder mehr Kindern zu stehen, die alle keine Maske tragen, aber das Virus weitergeben können. Die Lehrpersonen an ihrer Schule, die erkrankten, können sich nicht erklären, wo sie sich angesteckt haben. Aber: Mehr als Abstand, Maske und Handhygiene könne man im Moment nicht machen.