«Wir verfolgen die Entwicklung sehr aufmerksam»: Wie sich die Stadt St.Gallen auf das Corona-Virus vorbereitet

Polizei, Altersheime und Spital sind gegen das Corona-Virus gewappnet. Doch in der Stadt wird das Desinfektionsmittel knapp.

Sheila Eggmann und Marlen Hämmerli
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Matthias Kramer von der Bruggen-Apotheke füllt selbsthergestelltes Desinfektionsmittel in Flaschen.

Matthias Kramer von der Bruggen-Apotheke füllt selbsthergestelltes Desinfektionsmittel in Flaschen.


Bild: Nik Roth

Die Lage ist überschaubar. Der einzige in der Schweiz am Corona-Virus erkrankte Mann befindet sich in Lugano in Quarantäne. Bis nach St.Gallen hat es das Virus bisher nicht geschafft. Hinter den Kulissen rüstet sich die Stadtverwaltung jedoch für ein mögliches Worst-Case-Szenario mit einer neunköpfigen «Arbeitsgruppe Pandemie». Kommt es zu einer Ausbreitung, soll diese sicherstellen, dass wesentliche Dienstleistungen der Stadtverwaltung weiterhin erbracht werden können. Im Vordergrund stehen dabei die Sicherheit, Ruhe und Ordnung. Gefragt sind also Polizei, Feuerwehr, Versorgung und Entsorgung.

Die Arbeitsgruppe wurde 2006 wegen des Ausbruchs der Vogelgrippe gegründet. Damals blieb eine Pandemie aus, der Krisenstab wurde jedoch nicht aufgelöst. In den letzten Jahren gab es allerdings wenig Handlungsbedarf. Und auch jetzt bleibt er ruhig: «Wir haben wegen des Corona-Virus keine besonderen Massnahmen getroffen», sagt Christian Isler, Leiter der Arbeitsgruppe und Kommandant von Feuerwehr und Zivilschutz St.Gallen.

«Doch wir verfolgen die Entwicklung sehr aufmerksam.»

Auf Stufe der Gemeinde gibt es sowieso einen beschränkten Handlungsspielraum. Die Arbeitsgruppe ist dafür zuständig, innerhalb der Verwaltung Massnahmen zu treffen. Was darüber hinausgeht, regeln Bund und Kanton. «Wir helfen mit, die getroffenen Anweisungen umzusetzen.» In den Aufgabenbereich des Krisenstabs fällt auch die Kommunikation. Dort lautet die Devise der Arbeitsgruppe: Nicht übertreiben und keine Panik schüren.

Im Notfall müsste die Polizei ihre Aufgaben priorisieren

Die Stadtpolizei ist Teil der Arbeitsgruppe. Bei einer Epidemie muss sie die Sicherheit in der Stadt gewährleisten. Was aber, wenn die Hälfte der Polizistinnen und Polizisten erkranken würde? «Ziel ist, dass es gar nicht so weit kommt», sagt Mediensprecher Dionys Widmer. Wenn aber die Hälfte des Korps ausfallen würde, müsste die Polizei die Aufgaben priorisieren, um die Grundversorgung sicherstellen zu können. «Die Stadtpolizei würde sich dann auf jene Aufgaben fokussieren, die zwingend erledigt werden müssen.»

Auch das Kantonsspital wappnet sich. Dort will man vorerst Ruhe bewahren. «Wir sind gut vorbereitet», sagt Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie und Spitalhygiene. Im Moment sei noch nicht mit grossen Fallzahlen zu rechnen. Dass das Spital bei einem Ausbruch der Krankheit an seine Grenzen stossen könnte, davon gehen die Verantwortlichen nicht aus.

«Im Moment haben wir noch keine Bedenken wegen grosser Fallzahlen, aber wir bereiten uns natürlich für solche Eventualitäten vor.»

Zum heutigen Zeitpunkt sei es am wichtigsten, dass sich die Bevölkerung möglichst an die empfohlenen Hygienemassnahmen hält und diese umsetzt. «Damit gewinnen wir Zeit und reduzieren Krankheitsfälle.»

Besucher bringen Keime in die Heime

Eine Umfrage unter mehreren städtischen Altersheimen zeigt, auch diese sind vorbereitet. «Wir profitieren von den Erfahrungen, die wir bei der Vogelgrippe gemacht haben», sagt Robert Etter, Direktor des Kompetenzzentrums Gesundheit und Alter. Zu diesem gehören die Geriatrische Klinik und die Altersheime Bürgerspital und Singenberg. Alle Heime verfügen demnach über einen Pandemieplan, der auch bei einem Ausbruch des Norovirus zum Einsatz kommt. In diesem sind Szenarien und Massnahmen definiert.

Im «Sömmerli» wurde das Personal aufgerufen, noch häufiger die Hände zu waschen und zu desinfizieren. «Der Schwachpunkt sind jedoch die Besucher. Sie bringen Keime in die Heime», sagt Etter. Einige Altersheime haben deshalb am Eingang Spender mit Desinfektionsmittel aufgestellt, so etwa das Pflegeheim Bruggen und das Bürgerspital.

Zur Vorbereitung auf einen möglichen Ausbruch des Virus gehört es ausserdem, die Bestände an Schutzkleidung und Hygienemasken zu prüfen. Das Altersheim Rotmonten hat versucht, Masken zu bestellen, doch diese sind zurzeit ausverkauft.

Ansturm auch auf Desinfektionsmittel

Die St.-Jakob-Apotheke gegenüber der Brauerei Schützengarten hat im Vergleich zu anderen Apotheken eine geringere Anzahl Spontankunden, wie Dieter Müller, verantwortlicher Apotheker, sagt. Trotzdem erkundige sich seit Beginn der Woche jede Dritte Kundin und jeder dritte Kunde wegen des Corona-Virus. «Die Panik hat seit Anfang Februar zugenommen.»

Inzwischen sind nicht nur Hygienemasken vielerorts ausverkauft, auch Desinfektionsmittel wird knapp. Einige der städtischen Apotheken stellen es deshalb selbst her, so auch die Bruggen-­Apotheke. Dort würden derzeit mindestens 100 Personen täglich nach Hygienemasken und Desinfektionsmittel fragen, sagt Inhaber Matthias Kramer. Vergangene Wochen waren es noch zwei bis drei pro Tag. Einige Kunden gingen auf Reisen und würden sich deshalb für die Zugfahrt oder den Flug wappnen. Andere möchten sich für den Ernstfall ausrüsten. «Wir spüren, die Leute sorgen sich, wenn sie keine Masken zu Hause haben.»

Die Panik spürt Dieter Müller von der St.-Jakob-Apotheke ebenfalls. Diese sei durch die Berichterstattung ausgelöst worden, aber nicht gerechtfertigt. «Die Massnahmen – Händewaschen, Handdesinfektion und einen gewissen Abstand halten – sind dieselben wie bei vergangenen Krankheitsausbrüchen.» Müller erinnert an die Vogelgrippe, die Schweinegrippe sowie an Sars und Mers, die beide zur Gruppe der Corona-Viren gehören.

Auch Andreas Alther findet die Befürchtungen übertrieben. «Ich könnte täglich Hunderte Hygienemasken verkaufen», sagt der Besitzer der Stern-Apotheke am Spisertor. Erst hätten vor allem chinesische Touristen welche gekauft, inzwischen kämen auch Schweizer. Dabei sei Händewaschen viel wichtiger. «Es ist deprimierend. Die Leute fahren Auto, gehen Bungeespringen: Man stirbt an etwas anderem als dem Corona-Virus.»

In der Klosterdrogerie am Gallusplatz war kürzlich eine Kundin, die ausgelöst durch einen Bericht des SRF an Angstzuständen litt. Nachdem sie die «Tagesschau» gesehen hatte, konnte sie die ganze Nacht nicht schlafen, erzählt Inhaber Stefan Fehr. «Man sollte sich etwas weniger ängstigen, sich mit den Tatsachen auseinandersetzen und seriös informieren», sagt der diplomierte Drogist und Naturheilpraktiker. «Das Corona-Virus ist bis jetzt keine grössere Bedrohung als die saisonale Grippe.»

Matthias Kramer von der Bruggen-Apotheke kann die Ängste hingegen nachvollziehen. «Für ältere Leute scheint die vom Corona-Virus ausgehende Gefahr grösser zu sein. Ausserdem sind Ältere meist häufiger mit Grunderkrankungen vorbelastet. Da ist es verständlich, dass sie sich sorgen und vorbereiten möchten.»

Kommt es zu einem Ausbruch, fürchtet Heimleiter Kurt Ryser vor allem ein Ressourcenproblem. Würde ein Grossteil des Personals ausfallen, müsste er über den Kanton ein Hilfegesuch stellen. Allenfalls würden dann Zivilschützer einspringen.

Doch aktuell geht es darum, einen Ausbruch der Krankheit zu verhindern. Derzeit sei die Aufmerksamkeit des Personals auf Symptome erhöht, sagt Robert Etter. Durch den Norovirus hätten alle Erfahrung mit der Isolation von Zimmern oder Stationen. Sowieso gelte: «Wir sind rund ums Jahr in Alarmbereitschaft», sagt Etter.

«Man weiss nie, was kommt.»