Noch sind die Helfer in der Überzahl: Viele St.Galler wollen andere unterstützen

Einkäufe erledigen, Kinder hüten, den Hund ausführen: Die Nachbarschaftshilfe kommt in der Stadt langsam aber sicher auf Touren.

Christina Weder
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Es gibt viele Freiwillige, die bereit sind, während der Corona-Krise für andere den Wocheneinkauf zu erledigen.

Es gibt viele Freiwillige, die bereit sind, während der Corona-Krise für andere den Wocheneinkauf zu erledigen.

Bild: Oliver Berg/DPA

Hannes Walker will helfen. Der 27-Jährige, der sich im Baubereich selbstständig gemacht hat, erledigt im Moment den Einkauf für eine 83-jährige Frau in seinem Quartier. Sie gehört zur Corona-Risikogruppe und ist froh, dass sie nicht mehr unter die Leute muss. Doch Walker beobachtet, dass er beim Einkaufen immer noch zahlreiche Seniorinnen und Senioren antrifft.

Hannes Walker

Hannes Walker

Bild: Urs Bucher

Ihnen kann er zwar nicht allen unter die Arme greifen, und doch möchte er sie unterstützen. Seine Idee: Auf der Website www.corona-help.me will er Helfer und Hilfsbedürftige zusammenbringen. Doch er stellt fest: Helfer findet er viele. Schwieriger sei es, die ältere Generation dazu zu bringen, sich helfen zu lassen.

Hilfe bei der Suche nach Fahrern und Parkplätzen

Walker ist nicht der Einzige, der sich engagieren will. In der Stadt St.Gallen sind innert Kürze verschiedene Angebote von Nachbarschaftshilfen aus dem Boden geschossen. Ein Grossteil geht auf die Initiative von Privaten zurück. Aber auch Quartiervereine und die Stadtbehörde engagieren sich (siehe Zweittext). Die Hilfsbereitschaft ist gross. So gibt es bis jetzt viel mehr Helferinnen und Helfer als Personen, welche die Hilfe auch in Anspruch nehmen.

Cyrill Tadros

Cyrill Tadros

Bild: PD

Die Aktion «Gern gscheh – St.Gallen hilft» kann zum Beispiel auf 360 Helferinnen und Helfer zurückgreifen. Davon kommen 240 aus der Stadt. Bis jetzt wurde in 40 Fällen eine Unterstützung vermittelt, wie der Zuständige Cyrill Tadros sagt, der an der Uni studiert. Seit die Initianten eine Telefonhotline eingerichtet haben, nehme das Angebot langsam Fahrt auf. Gestern Vormittag gingen acht Anrufe ein. Die meisten kamen vom Roten Kreuz, das freiwillige Fahrerinnen und Fahrer sucht, um Patienten zum Arzt zu bringen. Tadros vermittelte aber auch schon Parkplätze fürs Spitalpersonal oder eine Kinderhüte für arbeitstätige Eltern.

Auf der Facebook-Seite von «Gern gscheh – St.Gallen hilft» melden sich Helfer wie Hilfsbedürftige. Das Angebot reicht vom Schlafplatz im WG-Zimmer über den selbst gebackenen Sonntagszopf für Risikopersonen im Quartier bis zum Gesprächsangebot einer Therapeutin, die aufgrund der derzeitigen Bestimmungen nicht arbeiten darf. Tadros sagt: «Es ist schön, dass so viele Leute helfen wollen.»

Doch nun sei es wichtig, die verschiedenen Initiativen zu bündeln, damit man nicht den Überblick verliere. Das Ziel müsse sein, dass es bald eine zentrale Nummer gebe, an die sich Helfer und Hilfesuchende wenden könnten. Auch Sonja Enzler hat auf Facebook eine Corona-Einkaufshilfe organisiert. Die Gruppe nennt sich «Einkaufshilfen SG AR AI» und kann auf einen Pool aus 140 Helferinnen und Helfern zurückgreifen. Bis jetzt hätten über 60 Personen vom Angebot profitiert.

Der Grossteil kommt aus der Stadt. Für sie wurden Einkäufe und Botengänge erledigt und Medikamente abgeholt. Für die 28-Jährige ist wichtig: Die Aktion richtet sich nicht nur an Risikogruppen, sondern auch ans Gesundheitspersonal, das besonders gefordert ist.

Flyer von Studenten und von Fussballfans

Dardan Zeqiri, der an der Uni studiert und für eine Versicherung arbeitet, ist durch die Hamsterkäufe aufgeschreckt worden. Er sei der Ansicht, es brauche eine Gegenbewegung. Und diese sieht er in einer organisierten Nachbarschaftshilfe. Aus diesem Grund hat er Mitte März den Whatsapp-Chat «Coronavirus Support SG» ins Leben gerufen. Dieser zählt unterdessen 107 Mitglieder, die sich als Helfer engagieren wollen.

Für Zeqiri ist klar: Mit den neuen Kommunikationsmitteln seien ältere Menschen, die er ansprechen will, nur schwer zu erreichen. Er hat deshalb einen Flyer entworfen, den Helfer ausdrucken und in ihrer Nachbarschaft verteilen können. Auch eine Liste aller Helfer hat er erstellt, die direkt aufgeboten werden können.

Auch die Fans des FC St.Gallen setzen auf Flyer. Auf diesen rufen sie Risikogruppen und andere von der Krise Betroffene auf, sich zu melden, falls sie Unterstützung beim Einkaufen, bei der Kinderbetreuung oder bei Botengängen benötigten.

Für den FCSG laufe es endlich wieder rund, schreiben die Fans. Doch die aktuelle Situation erinnere daran, dass es Wichtigeres gebe als den sportlichen Erfolg. Auch sie wollen einen Beitrag dazu leisten, die ausserordentliche Zeit gemeinsam zu überstehen.

Auch die Stadtbehörde
setzt auf Nachbarschaftshilfe

In diesen Tagen zählen Nachbarschaftshilfe und Information. Einen Überblick über die verschiedenen Hilfsangebote während der Corona-Krise bietet die Website www.hilf-jetzt.ch – gegliedert nach Postleitzahl und Ortschaft. Zudem findet sich auf www.tagblatt.ch eine Auflistung der Anlaufstellen und Hotlines. Jetzt engagieren sich auch die Stadtbehörden in der Nachbarschaftshilfe. Dies geht aus dem Brief des Stadtpräsidenten hervor, der an rund 50000 St. Galler Haushaltungen geschickt wurde. Darin fordert er gefährdete Personen auf, wenn möglich zu Hause zu bleiben und nicht mehr einkaufen zu gehen. Der Stadtpräsident empfiehlt, sich mit Familie, Freunden und Nachbarn abzusprechen. Wer dennoch auf Unterstützung angewiesen sei, könne sich an die Zentrale des Regionalen Bevölkerungsschutzes unter 071 272 23 07 oder an kpzso@stadt.sg.ch wenden. Unter dieser Nummer können sich auch Personen melden, die bereit sind, zu helfen und für andere zum Beispiel Einkäufe zu erledigen. (cw)