Interpellation an die Stadt Gossau: Bürger sollen Solarzellen kaufen können

Eine Interpellation will Mieter am Bau von Fotovoltaikanlagen beteiligen. Vorbild ist ein Modell aus Zürich. Derweil ist das Gossauer Solardebakel noch nicht ganz ausgestanden.

Adrian Lemmenmeier
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Gossau bezeichnet sich seit 2001 als Stadt. Bereits zwei Jahre zuvor durfte sich die Gemeinde als Energiestadt bezeichnen. Damals erhielt man zum ersten Mal das Label von Energie Schweiz, dem Programm des Bundesrates zur Förderung erneuerbarer Energien mit freiwilligen Massnahmen. Mittlerweile schöpft Gossau 74 Prozent seines energiepolitischen Handlungsspielraumes aus. Ziel ist gemäss Mitteilung der Stadt, in den kommenden Jahren 75 Prozent – und damit das Label «Energiestadt Gold» – zu erreichen.

Gelingen könnte dies mit mehr Solaranergie. Der mittlerweile zurückgetretene Stadtparlamentarier Alfred Zahner (Flig) schlägt in seiner letzten Interpellation vor, Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden auszubauen. Speziell daran: Die Beteiligung soll allen Einwohnern offen sein – und nicht nur Hausbesitzern wie bisher.

Zürich als Vorzeigemodell

Vorbild ist ein Modell aus Zürich. Dort kann man seit Frühling 2015 für 250 Franken einen Quadratmeter Solarzellen kaufen. Im Gegenzug gibt es jährlich 80 Kilowattstunden über eine Laufzeit von 20 Jahren. Deckt eine Einzelperson ihren Jahresbedarf ausschliesslich über eingekaufte Solarzellen, bezahlt sie gemäss «Tagesanzeiger» jährlich 60 Franken mehr als mit dem günstigsten Ökostromangebot der Zürcher Elektrizitätswerke (EWZ). Gebaut werden die Anlagen auf Dächern von Schulhäusern oder Spitälern. Wer wegzieht, kann seine Quadratmeter zum Kaufpreis dem Elektrizitätswerk zurückgeben. Gemäss EWZ-Homepage sind alle Anlagen zu 100 Prozent finanziert. Diesen Sommer hat auch die Stadt Wil beschlossen, ein solches Projekt durchzuführen.

Zahner möchte das Modell in Gossau anwenden. Der Preis pro Quadratmeter soll dabei auf die lokalen Verhältnisse angepasst werden, heisst es in der Interpellation. Vom Stadtrat will Zahner wissen, ob dieser bereit sei, 2019 ein Modell wie in Zürich zu lancieren. Und auf welchen öffentlichen Anlagen die Möglichkeit bestehe, Solarzellen zu bauen.

38400 Quadratmeter sind in Betrieb

Derzeit speisen in Gossau 38400 Quadratmeter Solarzellen über sechs Millionen Kilowattstunden pro Jahr ins Netz. Verglichen mit anderen Gemeinden ist das viel. In St. Gallen gingen 2017 gut sieben Millionen Kilowattstunden ins Stromnetz. Am meisten Solarstrom pro Kopf produziert in der Region die Gemeinde Waldkirch (siehe Grafik). Dort sind rund 130 Anlagen in Betrieb. Im Oktober kürzte der Gemeinderat allerdings die Einspeisevergütung von 13 auf 9 Rappen pro Kilowattstunden. Dies, nachdem die «lukrativen Vergütungsansätze» den Technischen Betrieben Defizite einbrachten («Tagblatt» vom 9. Oktober).

In Gossau ist die grosszügige Subvention von Fotovoltaikanlagen als «Solardebakel» in die Stadtgeschichte eingegangen. Die Stadtwerke hatten 2011 mit 60 Hausbesitzern Verträge zur Förderung von Solaranlagen abgeschlossen. Kostenpunkt: 1,4 Millionen Franken pro Jahr. Das Projekt war ohne die erforderliche kommunale Gesetzesgrundlage umgesetzt worden, wie ein Expertenbericht später festhielt. Per Ende 2015 waren dann 23 der 60 Betreiber aus dem kommunalen Förderprogramm ausgestiegen; sie wechselten zum Programm des Bundes. Seither hat sich wenig getan. «Von den ursprünglichen Anlagen wird noch rund die Hälfte der installierten Leistungen von der kommunalen KEV vergütet», schreiben die Stadtwerke auf Anfrage.

In Gossau gibt es derzeit 191 Fotovoltaikanlagen. Sollte der Stadtrat den Pfaden Zürichs und Wils folgen, dürften es bald einige mehr werden.