St.Gallen: Bunte Steine statt bunte Apps

Mit ihrer Facebook-Gruppe «St.Galler Steine» hat Pia Ricci eine Mischung aus Schatzsuche und Schnitzeljagd lanciert. Die Modedesignerin versteht ihre Aktion auch als Plädoyer für mehr Analoges.

Roger Berhalter
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Pia Ricci beim Steineverstecken im Stadtpark. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Pia Ricci beim Steineverstecken im Stadtpark. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Einer sieht aus wie ein Bus ohne Chauffeur. Einer erinnert an eine Ameise, einer an eine Biene. Pia Ricci packt einen farbigen Stein nach dem anderen aus einem Plastiksäckli und legt sie auf einer Parkbank in der Sonne aus. Die vergangenen Wochen hat sie fast jeden Abend Steine mit Pinsel und Farbe bemalt. «Das kann man gut bei einem Glas Rotwein erledigen», sagt die 61-Jährige und schmunzelt. Dann platziert sie einen der Steine auf dem Zaun neben dem Spielplatz im Stadtpark. Die Biene legt sie auf die Wölbung eines Baumstamms.

Bienlein im Baum: Einer von vielen «St. Galler Steinen». (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Bienlein im Baum: Einer von vielen «St. Galler Steinen». (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Mehr als 100 bunte Steine hat Ricci auf diese Weise schon im öffentlichen Raum platziert. Sie tut das einerseits für sich; als selbständige Modedesignerin geht ihr das Gestalten leicht von der Hand. Mit der Facebook-Gruppe «St. Galler Steine» möchte sie aber auch andere dazu animieren, nach draussen zu gehen und Steine zu verstecken. «Aber bitte nicht zu sehr, denn sie sollen ja gefunden werden.» Wer erfolgreich war, kann seinen Fund fotografieren, in der Facebook-Gruppe posten – und anschliessend wieder im öffentlichen Raum platzieren. So sollen die bunten Steine von Ort zu Ort wandern.

Kinder und Erwachsene an der frischen Luft

«St. Galler Steine» ist eine Mischung aus Schatzsuche, Schnitzeljagd und kreativer Arbeit – und es ist kostenlos. «Kinder können das natürlich viel besser als wir Erwachsenen», sagt Ricci. Gerade für die Kleinen sollen die bunten Steine ein Anreiz sein, die Umwelt genauer zu betrachten. Ricci sagt: 

«Wir sind alle viel zu digital unterwegs.»

Das sei auch ein Grund, weshalb sie auf die Idee mit den Steinen gekommen sei. Sie zeigt auf ihren Handybildschirm. Dort leuchten die bunten Logos der einschlägigen Apps, die sie im Alltag nutzt: Skype, WhatsApp, Wemlin, Fairtiq und vielen andere. Sie schätzt die Vorteile der digitalen Welt und findet: «Auch Kids sollten schon wissen, wie man mit dem iPad umgeht.» Sogleich lässt sie ein grosses Aber folgen: «Man darf das Analoge nicht vergessen, man muss auch mal an die frische Luft!» Zum Beispiel eben, um auf Steinschatzsuche zu gehen.

Seit 40 Jahren Modedesign

Wie sehr die Digitalisierung den Alltag prägt und verändert, weiss Ricci aus eigener Erfahrung. Seit 40 Jahren arbeitet sie als Modedesignerin, und in dieser Zeit hat sich ihre Arbeit weg vom Zeichentisch hin zum Laptop verlagert. «Früher habe ich eine Skizze auf Papier gezeichnet und im persönlichen Gespräch Ideen entwickelt. Inzwischen ist meine Arbeit voll digital.» Und so wie die meisten schaue sie zu oft auf den Smartphone-Schirm: «Bevor ich aus dem Haus gehe, kuck ich auf die Wetter-App.»

(Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

(Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Die Facebook-Gruppe «St. Galler Steine» hat inzwischen schon fast 50 Mitglieder, die fleissig malen, verstecken, suchen und fotografieren. Das ist ganz im Sinne von Pia Ricci, die hofft, dass das Projekt zum Selbstläufer wird und sie nicht mehr alle Steine alleine platzieren muss. Sie lacht: «Ich möchte auch mal gerne einen finden.»

Zur Person

Pia Ricci hat eine schillernde Biografie. Die 61-Jährige ist in Stuttgart aufgewachsen. Seither ist sie viele Male gezügelt, hat beispielsweise lange in Florenz gelebt, aber auch in Hamburg und Potsdam. Als Modedesignerin entwirft sie Textilien und kümmert sich um den ganzen Prozess vom Design bis zur Umsetzung. Sie hat jahrelang für die Firma Akris gearbeitet und ist mit dem Designer Wolfgang Joop in vielen Kreativsitzungen gesessen. Seit 15 Jahren wohnt Ricci in St. Gallen und ist als selbstständige Modedesignerin tätig. Unter anderem entwirft sie Pullis aus Merino-Wolle, mit denen man auf der Piste, aber auch im Après-Ski eine gute Figur macht. Ricci hat zwei erwachsene Töchter, die in Berlin wohnen. (rbe)